Anti-Islamismus ist in den USA heute salonfähig

Anti-Islamismus ist in den USA heute salonfähig
Die wenigen Muslime in den USA fanden dort lange keine große Beachtung. Nach den islamistischen Terroranschlägen des 11. September 2001 hat sich das gravierend geändert: Islamfeindliche Verbände, Blogger und Politiker schüren heute Angst vor dem Islam. Die Rhetorik der Islam-Gegner fällt auf fruchtbaren Boden in der wirtschaftlich angeschlagenen Nation, die seit dem Angriff von "9/11" in muslimischen Ländern Kriege führt. In Teilen der US-Bevölkerung ist Islamfeindlichkeit inzwischen salonfähig geworden.

"Anhänger des radikalen Islam haben den Dschihad erklärt gegen Christen, Juden, Nicht-Muslime und Religionslose. Wir müssen sie aufhalten", warnt der Verband "Act! for America". Er hat nach eigenen Angaben Dutzende Niederlassungen in fast allen 50 US-Bundesstaaten. 49 Prozent der muslimischen US-Amerikaner sagten kürzlich dem Umfrage-Institut Gallup, sie hätten "im vergangenen Jahr" Diskriminierung erfahren. Bei einer repräsentativen Umfrage der Ohio State University erklärte umgekehrt nur ein Drittel der US-Amerikaner (33 Prozent), Muslime seien "vertrauenswürdig".

Zum zehnten Jahrestag von "nine eleven" ist selbst der Streit um die Moschee wieder entbrannt, die zwei Straßenblocks oder rund 200 Meter vom New Yorker "Ground Zero"entfernt errichtet werden soll. Bereits 2010 hatten anti-muslimische Aktivisten und Politiker massiv Stimmung gemacht gegen den Bau des Begegnungszentrums.

Muslime wollten auf "heiligem Boden ein Monument zu ihrem Sieg" errichten, protestierte damals die Direktorin von "Stoppt die Islamisierung von Amerika", Pamela Geller. Die republikanische Politikerin Sarah Palin nannte das Projekt "provozierend". Und ihr Parteifreund Bob Turner wirbt vor den Nachwahlen in New York am 13. September mit einer Flut von Fernsehspots, in denen er den Bau der "Moschee auf Ground Zero" attackiert.

Konservative differenzieren weniger als noch 2001

Heute sei die Islamfeindlichkeit in den USA stärker als in den Jahren unmittelbar nach "9/11", bedauert John Esposito, Direktor des katholischen Religionsforschungsinstituts "Prince Alwaleed bin Talal Center" in Washington. Führende Republikaner unterscheiden sich inzwischen deutlich von George W. Bush, dem damaligen Präsidenten. "Islam ist Frieden", hatte Bush unmittelbar nach den Anschlägen erklärt.

[listbox:title=Muslime in den USA[In den USA leben schätzungsweise drei Millionen Muslime, knapp ein Prozent der Bevölkerung. Nach einer Untersuchung des Religionsforschungsinstituts "Pew Forum" sind zwei Drittel von ihnen Einwanderer der ersten Generation. Im Jahr 2010 wanderten rund 88.000 Muslime zu, hauptsächlich aus Pakistan, Bangladesh, Somalia, Iran und Irak. Die meisten Muslime leben in New York, Los Angeles, Chicago und im Großraum Detroit. Die Mehrzahl der Muslime sympathisiert mit den Demokraten (70 %) - 11 % verstehen sich als Anhänger der Republikaner. Zwei US-Kongressabgeordnete sind Muslime. Bei einer Gallup-Umfrage erklärten vor kurzem 93 % der US-Muslime, Amerikaner muslimischen Glaubens seien loyal zu den USA.]]

Die Terroristen repräsentierten nicht den Islam. Heute wird in der konservativen Partei viel weniger differenziert, der Islam wird als Bedrohung erlebt und angeprangert, fast wie der Kommunismus im Kalten Krieg. Nicht wenige fürchten die Einführung der Scharia, des islamischen Rechts, darunter mehrere republikanische Präsidentschaftskandidaten.

Der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich warnte bereits davor. Sein innerparteilicher Konkurrent, Präsidentschaftsanwärter Herman Cain, betonte in einem Fernsehinterview, Amerikaner hätten das Recht, den Bau von Moscheen zu verbieten, denn - so die Begründung - mit der Moschee komme die Scharia. Zwei weitere Kandidaten, Michele Bachmann und Rick Santorum, unterzeichneten ein Versprechen, gegen die Scharia in den USA vorzugehen.

Muslimische Verbände zeigen sich darüber verblüfft. Es gebe es keine "Bedrohung" durch die Scharia in den USA, betonen sie. Muslime machen lediglich rund ein Prozent der Bevölkerung aus. Der Washingtoner Think Tank "Zentrum für Sicherheitspolitik", prominent unter den Scharia-Alarmisten, schrieb in einem 625-seitigen Bericht, dass US-Gerichte schon mehrmals Scharia-Prinzipien berücksichtigten. Doch konnte die Studie nur 50 Fälle seit 1961 nennen, vor allem aus dem Ehe- und Familienrecht.

Islamisches Kulturzentrum an "Ground Zero" wird gebaut

Die Anti-Scharia Warnungen seien "das Produkt einer orchestrierten Kampagne" islamkritischer Aktivisten und Gruppen, schrieb die Tageszeitung "New York Times." Dabei ziehen die rechten Medien mit, besonders im Internet: Auch in Rupert Murdochs Fernsehsender FOX wird gelegentlich vor der "schleichenden Scharia" gewarnt. Sie sei "bedrohlich", warnte ein FOX-Moderator noch Mitte August. In 20 der 50 US-Bundesstaaten befassen sich zurzeit die Parlamente mit Anti-Scharia-Gesetzentwürfen.

Das als "Ground Zero"-Moschee angeprangerte Kulturzentrum wird aber wohl doch gebaut, wenn auch bescheidener. Der verantwortliche Unternehmer Sharif el-Gamal, ein gebürtiger New Yorker, hat sich von dem Initiator Imam Feisal Abdul Rauf getrennt. Details sind nicht bekannt geworden. Aber offenbar ist El-Gamal der Ansicht, die Pläne seien ohne ausreichende Vorbereitung vorgestellt worden. Im Fernsehen räumte El-Gamal vor kurzem Fehler ein: Er plane langsamer und wolle möglichst viele Menschen in den Prozess einbeziehen.

Der Standort bleibt aber. Man renoviere erst einmal Teile des dort stehenden leeren Kaufhauses. Schon jetzt diene ein Teil des Gebäudes als Gebetsraum, sagte El-Gamal. Pro Woche kämen rund eintausend Muslime.

epd