Neuer Hauptstadtbischof will "ganz normaler Pastor" sein

Neuer Hauptstadtbischof will "ganz normaler Pastor" sein
Gut drei Wochen vor dem Papstbesuch in Deutschland beginnt für Rainer Maria Woelki der Ernst des neuen Amtes: Als Berliner Erzbischof muss der 55-Jährige nun zeigen, dass er den Herausforderungen des katholischen Spitzenamtes in der Hauptstadt gewachsen ist. Die Berufung des bis dato weitgehend unbekannten Kölner Weihbischofs, der als bescheidener Seelsorger ohne Karriereambitionen gilt, hatte selbst Insider überrascht und war auf ein geteiltes Echo gestoßen.

Am Samstag wird der Nachfolger des Ende Juni gestorbenen Kardinals Georg Sterzinsky in sein Amt eingeführt. In der Bundeshauptstadt erwarten Woelki große Aufgaben. Als neunter Bischof von Berlin wird er etwa eine Rolle als Gesprächspartner der Politik einnehmen müssen - ein Feld, das ihm bisher eher fremd ist. Traditionell dürfte ihm bald auch die Kardinalswürde verliehen werden. Von Sterzinsky werde er zudem möglicherweise die Leitung der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz übernehmen, ließ er durchblicken. Auch zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit wolle er sich künftig äußern.

Den Schwerpunkt will der Vertraute des konservativen Kölner Kardinals Joachim Meisner aber auf geistliche Themen legen. Der aus einfachen Verhältnissen stammende bisherige Weihbischof versteht sich in erster Linie als Priester und Seelsorger. Eigentlich wollte er nach Wehrdienst und Studium "ganz normaler Pastor" werden und mit Jugendlichen arbeiten. Insofern verwundert es kaum, dass Woelki Wohnung und Dienstsitz des Berliner Erzbischofs in den Problemstadtteil Wedding verlegen will. Das einstige Flüchtlingskind habe sich hochgearbeitet, erläutert Manfred Becker-Huberti, langjähriger Pressechef des Erzbistums Köln. "Er ist heute in einer Welt zu Hause, die er früher nur aus der Ferne kannte."

Entschiedenes Christentum gegen Säkularisierung

Künftig ist Woelki Oberhirte von 390.000 Katholiken in Berlin, Brandenburg und Vorpommern. Im Rheinland zählte sein Pastoralbereich mehr als doppelt so viele Gläubige. Auch die Minderheitssituation der Christen in Ostdeutschland ist für ihn eine neue Erfahrung. Über die Zukunft der Volkskirche macht er sich aber auch bisher keine Illusionen: "Wir Christen werden weniger und die Säkularisierung wird voranschreiten", sagte er vor Jahresfrist nüchtern. Die Antwort müsse "ein ganz entschiedenes Christentum" sein.

Das neue Wappen des künftigen Berliner Erzbischofs Rainer Maria Woelki zeigt in der Mitte die einstigen Diözesen Brandenburg, Havelberg, Camin und Lebus. Unten weist ein "Meditationsrad" auf Woelkis Heimatpfarrei in Köln-Mühlheim hin. Begleitet wird das Schild von den Insignien der Erzbischofs, das Schriftband trägt die Devise "Nos sumus testes" (Wir sind Zeugen). Foto: dpa

Wie sein Ziehvater Meisner, der in den 1980er Jahren selbst Bischof von Berlin war, vertritt Woelki in Glaubens- und Moralfragen konservative Positionen. Seine Promotion an der römischen Universität der umstrittenen Vereinigung Opus Dei sorgte zunächst für Spekulationen, dass der 55-Jährige dort Mitglied sein könnte. Dies hat er mittlerweile entschieden dementiert, fügt aber hinzu: "Wir haben in Köln ein unverkrampftes Verhältnis zu dieser Organisation."

Verständnis für Atheismus

Der neue Berliner Bischof sei "aufgeschlossen und kein Betonkopf", charakterisiert ihn ein Kenner der Kölner Kirchenszene. Dazu passt, dass Woelki Atheismus als "legitime Form der Weltdeutung" gelten lassen will und ein Gesprächsangebot des Lesben- und Schwulenverbandes nicht rundweg ablehnte. Auch werde es - anders als im Kölner Dom - in seiner künftigen Bischofskirche, der Berliner Hedwigskathedrale, auch weiterhin Ministrantinnen geben, kündigte Woelki an. Zweifel am Zölibat sind aber auch bei ihm nicht zu erkennen: Er hält am männlichen Priestertum fest. Dass die katholische Kirche "kein reiner Männerclub" sein dürfe, bedeutet für ihn, Frauen allenfalls in Bereichen wie der Verwaltung in Leitungspositionen zu lassen.

Beschäftigen werden Woelki in Berlin auch die Nachwirkungen der schweren Finanznöte im Erzbistum und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Dieser hatte Anfang 2010 mit der Aufdeckung lange zurückliegender Fälle am katholischen Elitegymnasium Canisius-Kolleg seinen Ausgang genommen. Es sei "ein großes Verdienst" gewesen, das Thema klar anzusprechen, bemerkte Woelki dazu kürzlich. In seinem Heimatbistum hätten alle Seelsorger an einer Schulung teilnehmen und mit einem polizeilichen Führungszeugnis ihr korrektes Verhalten nachweisen müssen.

epd