Sex, Justiz und höhere Gerechtigkeit

Sex, Justiz und höhere Gerechtigkeit
Drei Monate lang hielt die New Yorker Hotelaffäre um Dominique Strauss-Kahn die Welt in Atem. Der inhaftierte Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) gab seinen Posten auf, am Ende verlief das Verfahren im Sande. Doch Recht und Gerechtigkeit sind oft zwei Paar Schuhe.

Dominique Strauss-Kahn ist ein freier Mann. Das New Yorker Strafverfahren wegen versuchter Vergewaltigung eines Zimmermädchens wurde am Dienstag eingestellt, weil die Klägerin nicht glaubwürdig genug erschien. Voraussichtlich keinen Tag seines Lebens wird der 62-Jährige mehr in Einzelhaft auf Rikers Island im East River oder in Hausarrest in einem Appartement in Manhattan verbringen müssen. Hat das Recht gesiegt? Die Frage lässt sich nicht beantworten. War es einvernehmlicher Sex, war Gewalt im Spiel? Niemand außer Strauss-Kahn und der Frau kann wissen, was in dem Hotelzimmer geschehen ist.

Dominique Strauss-Kahn ist ein freier Mann – auch in einer anderen Beziehung: Er ist Posten und Perspektiven los. Vom Amt des IWF-Direktors musste er nach der Anklage zurücktreten, um Schaden von dieser wichtigen UN-Organisation abzuwenden. Auch als Kandidat der Sozialisten für die französische Präsidentschaft kommt er nun nicht mehr in Frage. Aus rein zeitlichen, aber auch aus moralischen Gründen. Zu grell war das Licht, das der Fall auf die Persönlichkeit und vor allem auf die erotischen Aktivitäten des Franzosen warf. Da spielte es kaum mehr eine Rolle, wie die New Yorker Richter nun entscheiden würden.

Der widerlichste Gesprächspartner

Man könnte das höhere Gerechtigkeit nennen: Da bekommt ein Mann vor den Schranken der Justiz Recht, weil sich Vorwürfe gegen ihn schlechterdings nicht beweisen lassen. Aber bereits zuvor war er die Karriereleiter hinunter gepurzelt, vom Ansehensverlust ganz zu schweigen, und erhält damit seine Strafe – für die Art und Weise, wie er offenbar seit Jahrzehnten gegenüber Frauen aufgetreten ist: als abstoßender Macho, für den Grenzen des Anstands nicht galten. In Frankreich häufen sich diesbezügliche Berichte über Strauss-Kahn. Auch deutsche Journalistinnen berichten, er sei der widerlichste Gesprächspartner, der ihnen als Mann jemals begegnet sei.

Im Nachbarland Frankreich hat sich am Fall Strauss-Kahn eine lebhafte Debatte entzündet. In einer Art nachholendem Feminismus sind viele Frauen an die Öffentlichkeit gegangen und haben den verbreiteten Sexismus in der "Grande Nation" angeprangert. Weibliche Abgeordnete berichteten, sie könnten kaum im Rock ins Parlament gehen, ohne dass es Gejohle gebe. Frankreichs Männer sind offenbar von einem erschreckenden Gehabe geprägt, das man bisher nur aus anderen Ländern kannte. Das Wort "macho" ist spanisch, doch nur in Italien steht ein Exemplar leibhaftig an der Regierungsspitze. Silvio Berlusconi hat bisher noch jeden Sex-Skandal überstanden – durch Wiederwahl oder Rechtsbeugung.

Und Deutschland? Immerhin wird auch hier über Themen diskutiert, die schon lange "out" schienen. Zwischen Flensburg und Passau verkaufen sich die ebenso anzüglichen wie antiemanzipatorischen "Schoßgebete" von Charlotte Roche prächtig - unterdessen redet die Republik darüber, ob ein CDU-Spitzenpolitiker Sex mit einer 16-Jährigen haben darf. Auch hier sagt das Recht etwas anderes als die öffentliche Moral. Und der gesunde Menschenverstand sagt: Wer für die Karriere einen Menschen sitzen lässt und dann rührstückhaft von "Liebe" faselt, hat nichts Besseres verdient als Dominique Strauss-Kahn. Der Unterschied zwischen den weinerlichen 40-Jährigen und den alten, feisten Patriarchen ist leider nicht so groß wie gedacht.


Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de und zuständig für das Ressort Kirche + Religion.