Rostock 1992: Dem Mob nicht die Straße überlassen

Rostock 1992: Dem Mob nicht die Straße überlassen
Ende August 1992 ereigneten sich im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hunderte Menschen attackierten mit Steinen und Brandbomben eine Aufnahmestelle für Asylbewerber sowie Wohnungen von vietnamesischen Vertragsarbeitern. Schaulustige klatschten, die Polizei griff spät ein. Im Verlaufe der Tage gerieten 150 Menschen in akute Lebensgefahr. Einer von ihnen war Wolfgang Richter, damals Ausländerbeauftragter der Hansestadt. Zwei Versprechen gab er sich in jenen Stunden der Todesangst.

In der Nacht zum 26. August schaute Richter aus dem Fenster eines brennenden Hauses. Ein Jahr vor den Ausschreitungen in Lichtenhagen hatte er sich auf die Stelle des Ausländerbeauftragten beworben. Nun klopften Menschen vor dem Haus Steine aus der Straße, die sie zusammen mit Molotow-Cocktails in die unteren Stockwerke warfen. Richter hörte Fensterscheiben klirren, hörte die Sprechchöre "Ausländer raus" und die Menge nach jedem Wurf jubeln und klatschen. Mit ihm steckten 150 Menschen in dem Haus fest, vor allem vietnamesische Vertragsarbeiter, auch ein Kamerateam des ZDF und Angestellte des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

Richter, ein großer schlanker Mann, damals 36 Jahre alt, hatte Geografie und Geschichte studiert. "Pogrom", das war für ihn ein Wort aus einer anderen Zeit. Nun steckte er mitten drin in den wohl schlimmsten fremdenfeindlichen Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Drei Nächte verbrachte er im Ausnahmezustand im "Sonnenblumenhaus". Unten die Gewalt und das Feuer, oben die hektische Betriebsamkeit der Eingeschlossenen. Richter nahm sich zwei Versprechen ab: "Ich habe mir damals geschworen, alles dafür zu tun, dass die politischen Handlungsträger zur Verantwortung gezogen werden, wenn ich hier wieder lebend rauskommen sollte."

Außen Jubel, innen Todesangst

Und: Richter beschloss weiterzumachen, "dem Mob auf der Straße diese Stadt nicht und auch nicht dieses Land zu überlassen". Zusammen mit einer Handvoll anderer Eingeschlossener schaffte es Richter, die unteren Stockwerke zu verbarrikadieren und einen Ausweg über das Dach des Hauses zu finden. Die 150 Menschen konnten sich über das Dach in einen anderen Hausaufgang retten. Die Stunden in dem brennenden Haus, der Jubel von draußen, während gleichzeitig Menschen um ihr Leben kämpften – das war eine Zäsur, sagt Richter heute. Das Erlebnis habe ihn geprägt und die Zeit in ein Davor und ein Danach geteilt.

Das Sonnenblumenhaus, in dem die Aufnahmestelle untergebracht war, war ein großer Plattenbau aus DDR-Zeiten. Obwohl es der Polizei drei Tage lang nicht gelungen war, die Krawalle zu beenden, zog sie sich am Abend des 26. August zurück. Nur durch die Flucht über das Dach in einen anderen Hausaufgang konnten sich diejenigen, die sich in dem Haus befanden, vor dem ausländerfeindlichen Mob retten. Zu den Tätern gehörten Neonazis aus ganz Deutschland. Die Krawalle wurden durch etwa 2.000 bis 3.000 Sympathisanten und Schaulustige vor Ort unterstützt.

Die Ausschreitungen im August 1992 hatten eine längere Vorgeschichte. Über Monate hatten sich die Spannungen vor Ort verschärft. Richter hatte bereits im Sommer 1991 für Oberbürgermeister Klaus Kilimann (SPD) ein Schreiben an Innenminister Lothar Kupfer (CDU) verfasst. Darin stand unter anderem, dass er in diesem Stadtteil für nichts garantieren könne und auch Tötungsdelikte nicht auszuschließen seien, sollte sich an der Situation vor Ort nicht kurzfristig etwas ändern.

Wolfgang Richter war 18 Jahre lang Ausländerbeauftragter der Hansestadt Rostock. Foto: privat

Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen war zur damaligen Zeit ein großer Teil der Bewohner arbeitslos, durch die Wende verunsichert und funktionierender sozialer Strukturen beraubt. Seit Monaten campierten Flüchtlinge, die angeblich wegen Überlastung von der Erstaufnahmestelle noch nicht aufgenommen worden waren, auf den Freiflächen zwischen den Hochhäusern. Über die Gründe für das schlechte Krisenmanagement der Stadt, der Polizei und des Innenministeriums ist viel debattiert worden. Bis heute wird auch über die Zusammenhänge zwischen den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und der darauffolgenden Verschärfung des Asylrechts in Deutschland diskutiert.

Neue Schwerpunkte gesucht

Sich einen neuen Job zu suchen, kam für Wolfgang Richter (Foto: privat) nach den Krawallen nicht infrage. Er verlegte allerdings den Schwerpunkt seines Aufgabenbereichs hin zu Koordinierungs- und Managementaufgaben, förderte die Entwicklung von Migrantenvertretungen und schuf stadtteilbezogene Beratungsangebote. Seine Ideen fanden bundesweites Interesse. Die Momente im Sonnenblumenhaus, so tragisch sie waren, seien für das Erreichen seiner Ziele vielleicht auch hilfreich gewesen, sagt Richter. Er könne nicht ausschließen, dass er Zugänge in Ministerien der Landesregierung, zu Staatssekretären und Ministern bekommen habe, man ihm das eine oder andere Mal ein bisschen länger und besser zuhörte.

Arno Pöker (SPD), Rostocker Oberbürgermeister zwischen 1995 und 2004, relativiert diese Einschätzung. "Die Lichtenhagen-Karte hat Wolfgang Richter nie gespielt", sagt er, "das hatte er gar nicht nötig". Für ihn ist Richter ein Mann mit einer klaren Vision, der genau gewusst habe, was er wollte, "verlässlich, sehr verantwortungsvoll, hochpolitisch". 19 Jahre später hat Wolfgang Richter ein neues Büro in der Rostocker Innenstadt bezogen. Seit Januar 2010 ist er Bereichsleiter der Rostocker Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik. Richter hatte das Bedürfnis, noch einmal neu anzufangen, eine neue Aufgabe anzunehmen. Der ausgebildete Lehrer hat jetzt wieder mehr mit Pädagogik als mit Migration zu tun. Aber an der Wand hängt immer noch ein Interkultureller Kalender.

epd