"Slutwalks" - im Minirock für sexuelle Selbstbestimmung?

"Slutwalks" - im Minirock für sexuelle Selbstbestimmung?
Anfang dieses Jahres empfahl ein kanadischer Polizeibeamter als Vorsichtsmaßnahme "Frauen sollten sich nicht wie Schlampen" anziehen. Seitdem wird weltweit gegen die Verharmlosung sexualisierter Gewalt demonstriert. An diesem Samstag findet auch in Deutschland der erste städteübergreifende "Slutwalk" statt.

Als Anfang dieses Jahres Constable Michael Sanguinetti einen Vortrag zur präventiven Verbrechensbekämpfung an der York University in Toronto hielt, hat er wohl keine Sekunde daran gedacht, dass er eine weltweite Protestwelle lostreten würde. Seine Äußerung, dass "Frauen vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, um nicht zum Opfer zu werden" stieß nicht nur bei den Zuhöreren an diesem Abend auf Unverständnis. Kurz nachdem seine Bemerkung publik wurde, fand im April in Toronto der erste "Slutwalk", also ein "Schlampenmarsch", statt. Demonstriert wurde gegen sogenannte Vergewaltigungsmythen und für sexuelle Selbstbestimmung.

"Mein Minirock hat nichts mir dir zu tun"

Mediale Aufmerksamkeit erregte vor allen Dingen die zum Teil freizügige Bekleidung einiger Demonstrationsteilnehmerinnen, die damit zeigen wollten, dass es keinen Zusammenhang zwischen sexuellen Gewalttaten und der Kleidung oder dem Verhalten einer Frau gibt. Auf manchen Protestplakaten stand "Mein Minirock hat nichts mit dir zu tun" oder "Ja heißt ja und nein heißt nein". Auch Katja Grieger vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Fraufennotrufe (bff) bestätigt, ein gängiger Vergewaltigungsmythos sei "dass Frauen beeinflussen könnten, ob sie Opfer werden oder nicht". Dadurch aber wird suggeriert, dass Opfer sexueller Gewalt eine Mitschuld tragen.

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"Ein weiterer Mythos ist der vom Mann hinterm Busch, der im Dunkeln darauf wartet, eine Frau zu vergewaltigen", so Katja Grieger. "Das ist aber am seltensten der Fall. Die häufigsten Übergriffe finden im sozialen Umfeld statt." Tatsächlich belegt die Kriminalstatistik des BKA aus dem Jahre 2010, dass der Großteil – fast 60 Prozent - von sexuellen Gewalttaten gegen Frauen im Verwandten- und Bekanntenkreis geschehen. Die Kleidung der Opfer hingegen spielt bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung keine Rolle.

Von Seattle bis Sao Paolo wird gegen sexuelle Gewalt demonstriert

Mittlerweile haben bereits auf der ganzen Welt "Slutwalks" stattgefunden, unter anderem in Seattle, Amsterdam, London, Paris und Sao Paulo. Am 13. August findet der erste deutschlandweite Slutwalk in zwölf Städten statt, darunter Berlin, München, Köln, Frankfurt und Hamburg. Die Agenda der Protestmärsche hat sich inzwischen erweitert und richtet sich nicht mehr allein gegen frauenfeindliche Gewalt: Es wird demonstriert gegen "Diskriminierung, Sexualisierung und Grenzüberschreitungen und für einen respektvollen Umgang der Menschen miteinander und für Selbstbestimmung hinsichtlich Körper, Gender, Sexualität und Begehren", so heißt es auf der Facebook-Seite des Frankfurter Slutwalks.

Warum auch Männer an den Demonstrationen teilnehmen sollte, schreibt Hugo Schwyzer, Professor für Geschichte und Gender Studies, in seinem Artikel auf www.goodmenproject.com. "Eine Lüge über Männer ist größer als alle anderen: Dass wir sexuelle Erregung und Mitgefühl nicht in Einklang bringen können." Denn im Grunde genommen unterstellt die Bemerkung des kanadischen Polizeibeamten Männern, dass sie triebgesteuert sind und sich nicht beherrschen können. 

"Schlampe" als positiver Begriff?

Es gibt aber auch viel Kritik an der neuen Protestform. Manche befürchten, dass die Freizügigkeit mancher Demonstrantinnen von den Inhalten ablenkt. Tatsächlich griffen viele Medien die Slutwalks zunächst als Spaßbewegung auf und beschränkten ihre Berichterstattung auf das Zeigen von weitausgeschnittenen Dekolltes und knappen Hotpants.

Auch die Wiederaneignung des Begriffs "Slut" bzw. "Schlampe" steht in der Kritik. Der bff unterstüzt zwar offiziell die Slutwalks, Katja Grieger kann die Bedenken trotzdem nachvollziehen: "Man muss sich bewusst machen, dass nicht für jeden Mensch der Begriff "Schlampe" einfach zu handhaben ist. Prostituierte oder Frauen, die das in einer gewalttätigen Beziehung jeden Tag hören müssen, finden es sicherlich nicht so witzig, sich diesen Begriff anzueignen und positiv umzudeuten." Trotzdem ist sie sich der öffentlichkeitswirksamen Wirkung der Protestmärsche bewusst: "Es ist schon so, dass wahrscheinlich ganz normale Demonstrationen, die vielleicht unter dem Titel 'Demonstration gegen sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungsmythen' angemeldet würden, sicher nicht so viel Aufmerksamkeit erregen wie 'Slutwalks'".


Franziska Fink arbeitet als freie Journalistin für evangelisch.de.