Nomaden - zum Untergang verurteilt?

Nomaden - zum Untergang verurteilt?
Die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika trifft vor allem die Hirtenvölker mit voller Wucht. Angesichts der Hungersnot in Ostafrika fordern Wissenschaftler ein Umdenken.

In weiten Teilen von Kenia, Somalia und Äthiopien verhungern und verdursten ihre Schafe, Ziegen und Rinder. Während der Hunger das Leben von Millionen Menschen bedroht, mehren sich die kritischen Stimmen: Nicht der Regenmangel, sondern die fehlende Unterstützung für die Nomaden sei eine Hauptursache der Krise, sagen Wissenschaftler.

Hunger in Ostafrika: Eine angekündigte Krise

"Die Ursachen in dieser Hungersnot sind menschengemacht und nicht naturbedingt," konstatiert der Agrarökonom Joachim von Braun, einer der Direktoren des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. Hirtenvölker trotzen seit Jahrhunderten den Wechselfällen des Wetters. Der Wissenschaftler Simon Levine vom britischen Entwicklungspolitik-Institut ODI ist überzeugt, dass Nomaden und Halbnomaden nicht deshalb hungern, weil der Regen ausbleibt, sondern weil sie andere Probleme haben: Ihre Weiderechte werden mehr und mehr eingeschränkt, es gibt keine Tierärzte für ihre Herden, und sie haben zu wenig Zugang zum Markt, um Milch, Leder oder Schlachttiere zu verkaufen.

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Der Hunger in Ostafrika ist eine angekündigte Krise. Seit November wurde gewarnt, dass die Dürre immer schlimmer wird. Trotzdem "sei wieder sehr wenig in die Vorsorge investiert worden, um die Tiere am Leben zu halten, die jetzt Milch liefern oder Geld bringen könnten, um Nahrungsmittel zu kaufen", kritisiert Levine.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) beziffert die Ausgaben für vorbeugende Maßnahmen, damit Tierhalter einer langen Dürre besser standhalten können, auf 4,40 Euro pro Person und Jahr. Hingegen belaufe sich die Nothilfe pro Kopf allein für vier Monate auf das 40-Fache, 174 Euro. "Das können wir klar belegen, auch für Afrika," sagt Mohammed Mukhier, Leiter der IKRK-Katastrophenvorsorge.

Mangelnde Unterstützung für Nomaden und Hirtenvölker

Geld für Vorsorge zu bekommen, ist schwer. Denn die langfristige Arbeit mit Tierärzten und Trainern findet in den Medien nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie ein Katastropheneinsatz. Tatsächlich erhalten Nomaden und Hirtenvölker so gut wie keine Unterstützung von ihren Regierungen. Denn mit Blick auf Hochleistungsrassen erscheint die Wanderweidewirtschaft vielen Politikern als veraltet.

Bis zu 8.000 Liter Milch liefert eine moderne Holstein-Friesian-Kuh im Jahr. "Alles, was da nicht mithalten kann, gilt für viele als rückständig oder als unterentwickelt," sagt die Tierärztin Ilse Köhler-Rollefson von der "Liga für Hirtenvölker", die mit Kamelzüchtern in Nordindien arbeitet.

Dabei erzeugen gerade die Tierhalter in Äthiopien, Kenia und Somalia den größten Teil der Nahrungsmittel in den Trockengebieten, wo Ackerbau auf Dauer oft gar nicht oder nur mit immensem Bewässerungsaufwand möglich ist. Die Existenz der Nomaden und Halbnomaden ist jedoch zunehmend bedroht - nicht nur durch politische Instabilität, Grenzkontrollen und Konflikte zwischen den Ethnien: Große Plantagen und Tourismusprojekte versperren ihnen den Zugang zu Weideflächen und Wanderrouten, die traditionell in Dürreperioden genutzt wurden, weiß die Hilfsorganisation Oxfam.

Ernährungssicherheit durch alte Tierrassen

Jahrhundertelang züchteten die Nomaden robuste Tierrassen mit wertvollen Eigenschaften. Die genügsamen Schafe, Ziegen, Rinder und Kamele liefern Milch auch bei wenig Futter und legen weite Strecken zur nächsten Wasserstelle zurück. Es wäre wichtig, diese alte Rassen zu erhalten.

Wie wichtig sie für die Ernährungssicherheit sind, belegte jüngst wieder die Studie "Frauen als Tierhalter" der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO: "Die alten Rassen haben sich das natürliche Weideverhalten bewahrt. Sie kehren abends allein von der Weide zurück," sagt Köhler-Rollefson. Ein Vorteil für Frauen, die keine Zeit haben, ihre Tiere zu hüten.

Kontinuierliche Hilfe leistet seit 20 Jahren die deutsche Sektion von "Tierärzte ohne Grenzen". Von der Öffentlichkeit eher unbemerkt hilft die Organisation, einfache Brunnen in Flussbetten anzulegen. Das verbessert nicht nur die Wasserversorgung, sondern verhindert auch die Überweidung an den bereits existierenden Wasserstellen.

In Kenia und Somalia werden Einheimische zu Tiergesundheitshelfern ausgebildet. "Wir wollen so zur tiermedizinischen Grundversorgung durch Impfungen und Behandlung der häufigsten Krankheiten beitragen," sagt Kristin Resch, stellvertretende Vorsitzende der Organisation.

epd