Ein Jahr nach der Flut fürchtet Pakistan den Monsun

Ein Jahr nach der Flut fürchtet Pakistan den Monsun
Vor einem Jahr begann die Jahrhundertflut in Pakistan, am schwersten getroffen wurden die Armen. Noch heute leiden Millionen Menschen unter den Folgen. Die Furcht vor erneuten Überschwemmungen geht um. Helfer kritisieren den Katastrophenschutz als ineffizient.

Als die schweren Regenfälle im Norden Pakistans vor einem Jahr am 27. Juli 2010 begannen, ahnte niemand, dass dem Land die schlimmste Naturkatastrophe seit der Staatsgründung 1947 bevorstehen würde. Die Wassermassen überrollten Gegenden in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa. Dann wälzten sie sich in Richtung Süden, bis sie das Arabische Meer erreichten. Einige Wochen machte die Jahrhundertflut weltweit Schlagzeilen, dann verschwand sie aus den Nachrichten. Dabei leiden noch heute Millionen Menschen an den Folgen. Viele fürchten sich vor einer erneuten Katastrophe - der Monsun hat wieder begonnen.

Katastrophe hatte verheerende Ausmaße

Das bitterarme Land wird die Folgen der Katastrophe noch über Jahre spüren. Zwar lag die Zahl der Toten mit etwa 2.000 angesichts der Zerstörung relativ niedrig. Doch die Zahl der Menschen, die unter den Fluten zu leiden hatten - nach Angaben der Regierung waren es 20 Millionen der mehr als 180 Millionen Pakistaner - war gigantisch. Große Teile des Landes standen unter Wasser.

Die Flut habe "mehr Menschen betroffen als der Tsunami im Indischen Ozean, das Erdbeben in Haiti und das Erdbeben in Pakistan 2005 zusammengenommen", sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich nach einem Besuch im Katastrophengebiet schockiert: "Ich habe in der Vergangenheit viele Naturkatastrophen auf der ganzen Welt gesehen, aber keine wie diese."

1,7 Millionen Häuser wurden beschädigt oder zerstört, Millionen Menschen mussten fliehen. Die Wassermassen wälzten alles nieder, was ihnen im Weg war: Schulen, Brücken, Straßen wurden zerstört. Auf 2,2 Millionen Hektar wurde Ernte vernichtet - das ist mehr als die Größe Hessens. 450.000 Stück Vieh starben. Betroffen war vor allem die verarmte Landbevölkerung, deren Lebensumstände schon davor miserabel waren. Helfer bemühten sich, Millionen Flüchtlinge mit Zelten, Lebensmitteln, Trinkwasser und Medizin zu versorgen.

Rund 570 Millionen Dollar fehlen für die Hilfe

Die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank schätzen die Schäden der Flut auf mehr als 9 Milliarden Dollar (6,3 Milliarden Euro). Für die Wirtschaft des Landes, mit der es seit Jahren bergab geht, war das ein weiterer schwerer Schlag. Die Spendenbereitschaft der Menschen im Westen fiel verglichen mit Naturkatastrophen in anderen Ländern dennoch mager aus.

Der Grund dafür lag vor allem im schlechten Image Pakistans: Spender befürchteten, dass ihr Geld in den Taschen korrupter Beamter landen könnte. Andere glaubten, Islamisten würden von der Hilfe profitieren. Nicht zuletzt herrschte die Meinung vor, dass Pakistan doch genug Geld für Atomwaffen habe - das die Regierung lieber für die notleidende Bevölkerung ausgeben solle.

Die Vereinten Nationen baten um 1,9 Milliarden Dollar für die Nothilfe und die anschließende Unterstützung der Opfer. Bis heute fehlen mehr als 570 Millionen Dollar der erbetenen Summe. Weite Teile der Infrastruktur seien bislang nicht wieder aufgebaut worden, sagt die Vize-Chefin des UN-Büros für humanitäre Hilfe (OCHA) in Islamabad, Yasmine Rockenfeller. Der Wiederaufbau werde "mindestens vier bis fünf Jahre dauern, wenn nicht länger". Die bevorstehende Ernte werde wegen des wochenlang überfluteten Ackerlandes deutlich schlechter als in den vergangenen Jahren ausfallen.

Oxfam warnt vor einer neuen Katastrophe

Etliche Flutopfer hausen noch immer unter miserablen Bedingungen - die verschiedenen Zahlen dazu weichen allerdings stark voneinander ab. OCHA geht davon aus, dass 20.000 Familien noch nicht in ihre Heimatorte zurückgekehrt sind. Die meisten davon leben demnach bei Verwandten. Die Hilfsorganisation Oxfam berichtet, dass mehr als 800.000 Familien noch keinen Ersatz für ihre zerstörten Häuser hätten. 37.000 Familien harrten noch in Zeltlagern aus - die die Regierung allerdings offiziell geschlossen hat.

Oxfam warnt vor einer erneuten Katastrophe, die diesjährigen Monsun-Regenfälle haben wieder begonnen. Zahlreiche Flussdeiche seien nur unzureichend repariert worden und drohten schweren Belastungen nicht standzuhalten, heißt es in einem Bericht des internationalen Hilfswerks. Dessen Pakistan-Chefin Neva Khan sagt: "Dorfbewohner in Gegenden, in denen wir arbeiten, befürchten neue Überflutungen. Viele pflanzen weniger Feldfrüchte als sonst, weil sie Sorge davor haben, dass ihre Ernten durch neue Fluten zerstört werden." Manche Familien suchten bereits Schutz in höher gelegenen Gegenden.

Pakistans Katastrophenschutz sei "ineffizient", kritisiert Oxfam. Das Land sei weiterhin schlecht auf Überschwemmungen vorbereitet, die die Menschen dort immer wieder heimsuchen. Der Klimawandel werde diese Bedrohung noch verschärfen. "Während Fluten und Erdbeben unvermeidbar sind, gilt das nicht für weit verbreitete Zerstörung", bemängelt Khan. "Jahrelang ist nicht genug getan worden, um gewöhnliche pakistanische Männer, Frauen und Kindern vor Katastrophen zu schützen, bevor sie zuschlagen."

dpa