Hans von Dohnanyi: Spionageabwehr plant Umsturz

Widerstandskämpfer Hans von Dohnanyi

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Hans von Dohnanyi: Spionageabwehr plant Umsturz
Zum Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 erinnern wir in einer Serie an Widerstandskämpfer, die im evangelischen Glauben verwurzelt waren. Heute: Hans von Dohnanyi.

Beinahe wäre der Zweite Weltkrieg schon ein Jahr früher entbrannt: im September 1938, als Hitler die Tschechoslowakei zerschlug. Um einen neuen Weltkrieg zu verhindern, planten oppositionelle Wehrmachtsgeneräle den Umsturz. An den Plänen führend beteiligt war Hans von Dohnanyi, Referent des Reichsjustizministers. Er hatte seit 1933 Dokumente zusammengetragen, die die Verbrechen der Nazi-Führung belegten. Bei dem geplanten Prozess gegen Hitler sollten sie zum Einsatz kommen. Doch es kam anders.

Am 22. September 1944 verzeichnet die "Geheime Staatspolizei" einen sensationellen Ermittlungserfolg: Seit dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli ausgeschwärmt um das Netz der Widerständler aufzudecken, findet die Gestapo in einem Tresor des Heeres-Oberkommandos in Zossen eine brisante Akte.

Aus ihr geht hervor, dass auf dem Höhepunkt der von Hitler entfachten Krise um das Sudentenland und die Tschechoslowakei im September 1938 hohe Militärs Hitler entmachten und vor ein Gericht stellen wollten – um einen Zweiten Weltkrieg zu verhindern.

Die Akte enthält auch Dokumente über zahlreiche Verbrechen der Nazi-Führung seit 1933, die bei einem Prozess gegen Hitler vorgelegt werden sollten. Zusammengetragen und versteckt hatte diese Akte der junge Jurist Hans von Dohnanyi, bis 1938 Büroleiter des Reichsjustizministers und ab 1939 tätig für das Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht.

Hitler ist schockiert, als er 1944 Kenntnis von der Akte erhält. Schlagartig wird ihm klar, welches Ausmaß die Verschwörung gegen ihn hat und wie früh sie bereits einsetzte. Hans von Dohnanyi und seinen Mitverschwörern droht nun das Schlimmste. Inhaftiert sind sie bereits seit April 1943. Doch das hatte andere Gründe.

Die Dohnanyis und die Bonhoeffers

Hans von Dohnanyi war als Sohn einer Pianistin und eines ungarischen Dirigenten 1902 in Wien geboren worden, wuchs aber nach der Trennung der Eltern in Berlin auf. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges besucht er das liberale Grunewald-Gymnasium in der Reichshauptstadt. Dort beginnt seine Freundschaft mit dem Sohn des prominenten Psychologen Bonhoeffer, Dietrich. 1925 heiratet er dessen Schwester Christine. Mit ihr bekommt er die Söhne Klaus und Christoph – der eine später Erster Bürgermeister von Hamburg, der andere Dirigent.

1929, im Geburtsjahr seines zweiten Sohnes, wird der junge hochbegabte Jurist Hans von Dohnanyi in das Reichsjustizministerium übernommen: Von nun an ist er bis 1938, mit einer kurzen Unterbrechung, der persönliche Referent des Justizministers. Die Gerichtsverfahren zum "Preußenschlag" des Kanzlers von Papen 1932 und zum Reichstagsbrand 1933 bekommt er aus erster Hand mit. Nach der Machtübernahme der Nazis lernt er Hitler, Goebbels, Göring und Himmler kennen.

Umsturz misslingt in letzter Minute

Als die Nazi-Führung die Mordaktionen anlässlich der Röhm-Affäre 1934 legitimiert, sucht der liberal geprägte Dohnanyi Kontakt zu Widerstandskreisen. Er beginnt, Dokumente über die Verbrechen des Regimes zu sammeln. Als Büroleiter des Ressortchefs sind ihm die geheimsten Akten des Ministeriums zugänglich.

Dohnanyi ist führend beteiligt, als 1938 hohe Militärs um Oberstleutnant Hans Oster und die Generäle Beck, Halder und von Witzleben den Kriegstreiber Hitler absetzen wollen. Die Gelegenheit scheint günstig: Am 27./28. September hält die Welt den Atem an, denn stündlich wird wegen der Tschechoslowakei-Krise mit der Kriegserklärung zwischen Deutschland und den Westmächten gerechnet. Die verschworenen Militärs in Berlin warten auf das Zeichen zum Losschlagen.

50 Minuten vor Ablauf seines Ultimatums akzeptiert Hitler das britische Angebot einer Konferenz. Es folgt das Münchner Abkommen. Oster, Dohnanyi und die Generäle lassen sich von den Ereignissen überrollen. Der Umsturz scheitert. Nicht nur 1938, sondern auch bei mehreren anderen Gelegenheiten in den Folgejahren.

Kontaktsuche nach London, Fluchthilfe für Juden

Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg entbrannt. Kurz vor Kriegsbeginn hatte Oberstleutnant Oster Hans von Dohnanyi in das Amt Ausland/Spionageabwehr geholt, das unter Admiral Canaris zu einem Hort des Widerstandes geworden ist. Dohnanyi gewinnt in diesen Tagen auch seinen Schwager, den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der seine Einberufung zum Militär fürchtet, für die Abwehr. Der evangelische Pfarrer und Theologiedozent wird zum Spion im Dienst des Widerstandes: Im neutralen Ausland versucht er mithilfe ökumenischer Freunde, die britische Regierung für die deutsche Opposition zu erwärmen. Doch diese will davon nichts wissen.

Angebliche Devisenvergehen der Abwehr und deren Kontakte zur Bekennenden Kirche bieten den Nazis Anfang April 1943 den gewünschten Anlass, um Oster zu entlassen sowie Dohnanyi und Bonhoeffer zu verhaften. Bald stellt sich heraus, dass Hans von Dohnanyi im Vorjahr mehreren Juden zur Flucht in die Schweiz verholfen hatte – getarnt als V-Leute der Abwehr.

Vom tobenden Dikator mit in den Untergang gezogen

Während Bonhoeffer in Berlin-Tegel vergleichsweise gute Haftbedingungen hat, wird sein Schwager Dohnanyi kurz vor dem 20. Juli 1944 ins KZ Sachsenhausen verlegt. Als wenige Wochen später die belastende Akte entdeckt wird, droht Dohnanyi ein Hochverratsprozess vor dem "Volksgerichtshof". Um dem Prozess zu entgehen, lässt er sich von seiner Frau Diptherie-Bakterien in die Zelle schmuggeln und infiziert sich absichtlich. Trotz gelähmter Beine wird er im Gestapo-Hauptquartier mit besonderer Brutalität behandelt.

Anfang April 1945 – die Rote Armee steht schon am Rande Berlins – findet die Gestapo das Tagebuch des Admiral Canaris, das detaillierte Informationen über die Widerstandstätigkeit der Abwehr enthält. In rasender Wut befiehlt Hitler die Hinrichtung der Verschwörer. Canaris, Oster und Bonhoeffer werden im bayerischen KZ Flossenbürg hingerichtet. Der schwer kranke Hans von Dohnanyi wird in Sachsenhausen gehängt.

Churchill, auf den sie vergeblich gesetzt hatten, sagte später, der Widerstand gegen die Nazis habe "zum Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte der Völker je hervorgebracht wurde".

Infos zur Serie
Widerstandskämpferinnen und -kämpfer im Nationalsozialismus riskierten viel und bezahlten ihren Einsatz häufig mit dem Leben. Einige von ihnen waren tief im evangelischen Glauben verwurzelt. Zum 20. Juli stellen wir die weniger bekannten unter ihnen vor.

Guido Knopp: Sie wollten Hitler töten. Die deutsche Widerstandsbewegung, München 2004. C. Bertelsmann Verlag, 350 Seiten.

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