Harald Poelchau: Der Mann, der Tausenden Hoffnung gab

© epd-bild

Harald Poelchau: Der Mann, der Tausenden Hoffnung gab
Zum Jahrestag des Stauffenberg-Attentats auf Reichskanzler Adolf Hitler am 20. Juli 1944 erinnern wir in einer Serie an Widerstandskämpfer, die im evangelischen Glauben verwurzelt waren. Harald Poelchaus Name verdient es, so bekannt zu sein wie der Bonhoeffers, Stauffenbergs oder Sophie Scholls.

Poelchau war eine Zentralfigur des deutschen Widerstandes gegen die Nazis. Es ist ein Wunder, dass er – Mitglied des Kreisauer Kreises – nie von der Gestapo entdeckt wurde. So konnte er seine Mitstreiter im Gefängnis betreuen und ihre geheimen Briefe nach außen weitergeben. Mehr als 1.000 zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer – deutsche Kommunisten, christliche Vordenker, westeuropäische Freiheitskämpfer – begleitete er bis ans Schafott. Unzähligen verfolgten Juden und Oppositionellen versorgte er einen Unterschlupf. Vielen davon rettete er so das Leben.

Es ist Ende März 1945: Mitten in der Nacht klingelt es an der Wohnungstür der Poelchaus in Berlin-Wedding. Der aus dem Schlaf gerissene Pfarrer Harald Poelchau zündet eine Kerze an – Strom gibt es nicht. An der Tür leuchtet er einem jungen Mann und einer jungen Frau ins Gesicht. Sie erzählen, sie seien Geschwister, nur knapp der Deportation entkommen und bräuchten dringend Hilfe.

Privatwohnung als Anlaufstelle für untergetauchte Juden

Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass er – wie in dieser Nacht – von Juden um Unterschlupf oder sonstige Hilfe gebeten wird. Jedesmal fragt er sich, ob es sich um einen agent provocateur der Gestapo handelt. Sein Name geht im Untergrund von Mund zu Mund. Er und seine Familie sind ständig in höchster Gefahr.

Poelchau kann sich nur auf seine Menschenkenntnis verlassen. Das vor ihm stehende jüdische Geschwisterpaar erscheint ihm glaubwürdig. Seine Familie rückt zusammen und gewährt ihnen Obdach – für mehrere Wochen. Er versorgt den beiden falsche Papiere und eine unverdächtige Tätigkeit irgendwo in der zerbombten Reichshauptstadt. Die beiden überleben.

Die Wohnung der Poelchaus glich in dieser Zeit einem Warenlager: Sogar unter dem Ehebett stapelten sich Kartoffeln, Erbsen, Karotten und Mehlsäckche – zur Verteilung an Untergetauchte, an unterernährte Häftlinge oder an die Frauen der Widerständler, die täglich auf ein Lebenszeichen ihrer dem Tode geweihten Männer warteten. Zum Beispiel Freya von Moltke.

Ihr Ehemann Helmut James von Moltke (hingerichtet im Januar 1945) war der Kopf jenes Kreises von Oppositionellen, die auf dem schlesischem Gut der Moltkes, Kreisau, eine menschenwürdige Nachkriegsordnung für Deutschland ausarbeiteten. Auch Harald Poelchau gehörte zu ihnen, wurde aber – als der Kreis aufflog – von keinem der Freunde verraten. Vielen von ihnen half er als Kurier zwischen ihrer Zelle und der Außenwelt.

Kontakt zu Bonhoeffer

So auch dem Ehepaar Moltke. Aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel, wo Poelchau schon seit 1933 Gefängnispfarrer war und Helmut James von Moltke seit September 1944 einsaß, brachte Poelchau Moltkes Briefe in seinen Jackentaschen versteckt zu Freya, die sich damals fast täglich in der Wohnung der Poelchaus aufhielt. "Vier Monate haben Harald und Dorothee Poelchau Helmuth und mich unter eigener Gefährdung mit ihrer unerschöpflichen Freundschaft umgeben", schrieb sie später in ihren Memoiren. Die 2011 veröffentlichten Briefe, die das Ehepaar Moltke sich in den letzten gemeinsamen Monaten schrieb, wären ohne Harald Poelchaus Hilfe nicht geschrieben worden.

Auch zu Dietrich Bonhoeffer, der ebenfalls in Tegel inhaftiert war (hingerichtet in Flossenbürg im April 1945), hatte Poelchau täglichen Kontakt. Ihn versorgte er unter anderem mit allerhand Literatur – eine wichtige Voraussetzung für Bonhoeffer, der in der Haft seine revolutionäre Theologie des religionslosen Christentums entwickelte, die nach dem Krieg so viele Gläubige in aller Welt beeinflussen sollte.

Gefangenen eine Oase der Inspiration ermöglicht

Mit Eugen Gerstenmaier, dem überlebenden Mithäftling Moltkes und späteren Bundestagspräsidenten, plante Poelchau noch während Gerstenmaiers Haft das Evangelische Hilfswerk, das in den elenden Nachkriegsjahren Hunderttausenden das Leben retten sollte.

Für atheistische Widerständler in der Tegeler Haftanstalt – meist Kommunisten und Sozialdemokraten – rief der Gefängnispfarrer Gesprächsstunden ins Leben: eine Oase des freien Gedankenaustauschs und für geistige Anregungen, die den Häftlingen so nötig waren, damit sie die Hoffnung behielten.

Zeuge von über 1.000 Hinrichtungen

Obgleich überzeugter Christ, hatte Harald Poelchau immer einen guten Draht zur Arbeiterbewegung. Wie sein theologischer Lehrer und Freund, der in die USA emigrierte Professor Paul Tillich, war auch er ein religiöser Sozialist. In der Nachkriegszeit sollte Poelchau Berlins erster Sozialpfarrer werden, um der zunehmenden Entfremdung zwischen Kirche und Arbeitern zu begegnen. Doch das lag noch in weiter Ferne, als Poelchau in Tegel die kommunistischen Widerständler – unter ihnen die Köpfe der so genannten "Roten Kapelle" – geistlich betreute.

Fast alle seiner Häftlinge musste der Gefängnispfarrer sterben sehen. Viele von ihnen begleitete er nach Plötzensee, wo sie unter dem Fallbeil oder am Strang starben – darunter auch mehrere Militärs der Stauffenberg-Verschwörung vom 20. Juli 1944. Ebenso war Poelchau an der Seite vieler Freiheitskämpfer aus westeuropäischen Ländern, die stundenlang auf ihre Erschießung in der Jungfernheide warten mussten, während Todesschüsse die Stille zerrissen.

An manchen Tagen waren es 30 bis 40 Gefangene, die er zur Richtstätte begleitete. Unzähligen half er, ruhig in den Tod zu gehen. Unzähligen stärkte er die Hoffnung auf das ewige Leben bei Gott. Nach dem Krieg summierte Harald Poelchau, dass er etwa eintausend Menschen zu ihrem gewaltsamen Tod geleitet habe. "Und man darf ihm glauben, dass er mit jedem Einzelnen starb", so sein Biograf Klaus Harpprecht.

"Reinster Geist des Widerstandes"

Wie schaffte er es angesichts dessen, selbst durchzuhalten? "In den ersten Jahren litten meine Nerven. Ich hatte oft Angstzustände. Mich bedrängte ein gewisser Reinigungszwang, das Gefühl, alle diese Dinge der Nacht, des Todes, abwaschen zu müssen", erinnerte sich Poelchau später. "Doch auch damit wurde ich fertig. Je länger ich meinen Beruf ausübte, desto stärker spürte ich: Das hier ist meine Stelle, meine Aufgabe."

Unterstützt wurde er besonders von seiner Frau Dorothee, die ihn um ein halbes Jahrzehnt überlebte. Harald Poelchau starb am 29. April 1972 in Berlin. Klaus Harpprecht nennt ihn "den reinsten Geist des Widerstandes, denn er lebte – todesbereit – ganz aus der Liebe zum Nächsten". Ein Vorbild an Zivilcourage aus christlichem Glauben heraus, wie es nicht viele gibt in Deutschland.

Infos zur Serie
Widerstandskämpferinnen und -kämpfer im Nationalsozialismus riskierten viel und bezahlten ihren Einsatz häufig mit dem Leben. Einige von ihnen waren tief im evangelischen Glauben verwurzelt. Zum 20. Juli stellen wir die weniger bekannten unter ihnen vor.

Klaus Harpprecht: Harald Poelchau. Ein Leben im Widerstand, Reinbek bei Hamburg 2007. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 250 Seiten, 9,90 Euro.