Trauer und Tatkraft: Japan nach der Katastrophe

Trauer und Tatkraft: Japan nach der Katastrophe
Vor 100 Tagen begann die Katastrophe in Japan. Tausende haben alles verloren, ihre Angehörigen, ihr Hab und Gut, ihren Arbeitsplatz. Die Zahl der Toten liegt bei mehr als 15.000. Den Überlebenden ist der Durchhaltewillen geblieben, doch der Glaube an die Politik ist mehr denn je erschüttert.

Jeden Tag zieht sich Naomi Hiratsuka die Gummistiefel ihrer Tochter an. Verzweifelt durchwühlt sie den Matsch, der noch immer den Schulhof bedeckt, seit ein Erdbeben und gewaltiger Tsunami vor 100 Tagen die Grundschule ihrer zwölfjährigen Koharu heimgesucht hatten. Seit jenem 11. März fehlt von dem Mädchen jede Spur. "Wir wissen nicht mehr, wo wir noch suchen sollen", erzählt ihre 37-jährige Mutter in der Zeitung "Mainichi Shimbun".

"Ein einziger Finger..."

Mehr als 60 der ehemals 108 Schüler an der Grundschule Okawa in der mit am schwersten zerstörten Stadt Ishinomaki werden noch vermisst. Seit Ende April hat man hier keine Kinder mehr gefunden. Naomi ist sich darüber im Klaren, dass ihre Tochter nicht mehr lebt. Trotzdem sucht sie weiter. "Ein einziger Finger von ihr wäre besser als nichts", sagt die Japanerin dem Reporter der Zeitung mit Tränen in den Augen.

An diesem Samstag, 100 Tage seit dem "Großen Ostjapanischen Erdbeben", so der offizielle Titel, finden Seelenmessen für die Opfer statt. Noch immer gelten mehr als 7.700 Menschen offiziell als vermisst. Über 15.400 Leichen wurden bisher geborgen, doch noch immer spuckt das Meer weitere Tote aus. Mit dem Rauch brennender Treibhölzer versuchen Einsatztrupps zum Beispiel in Minami Sanriku bei der Leichensuche die Fliegenschwärme fernzuhalten. Jedes Mal, wenn eine der inzwischen stark verwesten Leichen gefunden wird, zünden die Bewohner in der Nachbarschaft Räucherstäbchen am Strand an und beten, wie die Zeitung "Asahi Shimbun" berichtet. "Japaner können den Tod nur akzeptieren, wenn sie die Gebeine finden", sagt ein Experte.

"Sokkoku ki", nennt sich im Buddhismus der 100. Tag nach dem Tod. "Sokkoku" bedeutet, man soll nach 100 Tagen aufhören zu weinen, "ki" steht für Ritus. Denn wer immer weiter weint, so die Vorstellung, löscht die Tränen des Lampenlichts, das der Tod im Jenseits trägt. "Die Trauer wird dadurch nicht beendet. Man soll nur damit aufhören, sich und dem Toten Vorwürfe zu machen, dass dieser nicht mehr lebt", erklärt der Priester Ryokan Ohgayu aus der Stadt Otsuchi in der schwer betroffenen Provinz Iwate der Zeitung "Asahi Shimbun". Und so versuchen unzählige Japaner, das Unerträgliche zu ertragen und aus Gemeinsinn und Pflichtgefühl über sich hinauszuwachsen in der Not.

Der Makler als Helfer

So wie Tsutomu Nakasato. Der Tsunami hat ihm seine Mutter, seine Frau und sein Enkelkind entrissen. Der 61-Jährige kam in Notlagern unter, wie der Makler der Zeitung "Sankei Shimbun" erzählt. Dort sah er mit an, wie die Kinder in den beengten Notunterkünften stets auf andere Rücksicht nehmen müssen. Das tat ihm so leid, dass er sich fortan in Gedenken an seinen toten Enkel für Kinder in den Katastrophengebieten einsetzt. "Ich möchte, dass die Kinder entspannter leben können".

Als Immobilienmakler besitzt er einige Wohnungen, die er nun mit der Hilfe von Freiwilligen repariert und Opfern der Katastrophe mit Kindern kostenlos zur Verfügung stellt. "Ich möchte, dass die Leute hier ohne Sorgen wohnen, bis sie ihr Leben wieder auf die Beine bekommen. Mein Enkel, meine Frau und Mutter würden sich freuen."

Man findet sie überall, Menschen, die alles verloren haben, die nicht wissen, ob sie je in ihre Heimat zurückkehren können, und doch mit Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen tatkräftig dabei sind, in der Katastrophe durchzuhalten, sich gegenseitig beizustehen und nach vorne zu schauen. Umso weniger Verständnis ernten Tokios Politiker, die sich in Parteistreitereien um die Macht erschöpfen. Während sie den Opfern in den Krisengebieten zurufen durchzuhalten, sind sie selber gerade dabei, den Regierungschef nach nur einem Jahr aus dem Amt zu drängen - mitten in der "größten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg", wie Premier Naoto Kan die Krise einmal nannte.

Vertrauen in Politik geschrumpft

Beobachter stellen denn auch nach 100 Tagen seit Beginn der Katastrophe fest, dass der Glaube an die Politik noch stärker abgenommen hat. Mit am deutlichsten lässt sich dies in Bezug auf die Atomenergie erkennen. Jahrzehntelang hatte Japans Bevölkerung an die Beteuerungen des Staates und der Atomindustrie geglaubt, die Atomkraftwerke in dem von Erdbeben gefährdeten Land seien sicher. Doch dieser Glaube ist mit Fukushima schwer erschüttert. Mit einem Mal gehen die Japaner zu Zehntausenden gegen die Atomkraft auf die Straße. Atomkraftgegner, die bis zum Unglück in Fukushima keine Rolle spielten, wollen an diesem Sonntag in Tokio 50.000 Menschen zu einer Demonstration mobilisieren. So etwas hat es noch nie gegeben.

dpa