Pro Haushalt 20 Flüchtlinge - "aus reiner Barmherzigkeit"

Pro Haushalt 20 Flüchtlinge - "aus reiner Barmherzigkeit"
Hoffen auf das Ende eines Machtkampfs: Mit der feierlichen Amtseinführung von Alassane Ouattara als neuem Präsidenten der Elfenbeinküste am Samstag soll eine Ära der Gewalt endgültig vorbei sein. Monatelang litt die Bevölkerung darunter, dass der abgewählte Staatschef Laurent Gbagbo mit allen Mitteln an der Macht festhielt. Doch Donald Bah glaubt nicht an Frieden. "Es ist immer noch Krieg", sagt der Bauer, der vor vier Wochen ins Nachbarland Liberia geflohen ist.

Bah und seine Familie fürchteten um ihr Leben, weil Rebellen in ihrer Region weiter Dörfer plünderten. Die Bauernfamilie aus der Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire) wurde nach der Flucht in Liberia in einem Dorf aufgenommen: Pro Haushalt kümmern die Menschen sich dort um bis zu 20 Flüchtlinge, berichtet er: "Sie machen das aus reiner Barmherzigkeit."

Mehr als 180.000 Menschen sind seit Beginn der Unruhen in der Elfenbeinküste in den Südosten Liberias geflohen, täglich kommen weiterhin Hunderte. In rund 100 Dörfern wurden sie mit offenen Armen empfangen. Die meisten leben jetzt bei Familien, nur ganz wenige lassen sich zu einem Umzug in eines der vier Flüchtlingscamps überreden. So wie Bah, der nun seit einer Woche mit Frau und drei Kindern unter rund 1.500 Ivorern in einem Lager nahe dem Ort Zwedru lebt.

Auch Liberianer fanden bei Ivorern Zuflucht

"Die Menschen teilen ihre mageren Ressourcen", sagt die Leiterin der UN-Mission in Liberia (UNMIL), Ellen Margarethe Loj. "Einige geben sogar die Samen, die eigentlich für die kommende Reisernte bestimmt waren." Grund für diese ungewöhnlich offene Aufnahme ist vor allem, dass viele Liberianer während ihres 14 Jahre währenden Bürgerkrieges (1989-2003) ebenso selbstverständlich bei den Ivorern Zuflucht fanden - unter anderem auch die heutige liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf.

Menschen auf beiden Seiten der Grenze gehören zudem derselben Ethnie an, auch das verbindet. Doch die Flüchtlinge setzen eine Region unter Druck, in der die Menschen ohnehin schon unter denkbar schlechten Bedingungen leben. Der Bürgerkrieg hatte im abgeschiedenen, extrem unterentwickelten Südosten Liberias besonders verheerende Auswirkungen. Ohne internationale Hilfe ginge hier wenig, denn Liberias Regierung muss mit einem Jahresbudget von derzeit 360 Millionen US-Dollar auskommen.

In einem Projekt der Deutschen Welthungerhilfe und weiterer Organisationen werden in der Grenzregion Grand Gedeh Straßen, Brücken und Schulen gebaut, versumpfte Felder trockengelegt, Lehrer und Farmer ausgebildet. Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) stockte auf seiner am Samstagmorgen beendeten Liberia-Reise das Programm um fünf Millionen auf 20 Millionen Euro bis 2014 auf. Der Region soll geholfen werden, damit ihre Strukturen angesichts der zahllosen neuen Bewohner aus der Elfenbeinküste nicht völlig zusammenbrechen.

Familie Bah kann wohl nicht so bald zurückkehren

Mittlerweile bringt die Krise in der Elfenbeinküste auch ungebetene Gäste. Ehemalige Söldner, Milizionäre und andere Bewaffnete passierten die "äußerst poröse" Grenze, berichtet Liberias Außenminister Toga McIntosh. Nur ein kleiner Fluss trennt beide Länder, der leicht mit einem Kanu zu überqueren ist. Die UNMIL hat ihre Präsenz an der Grenze verstärkt. "Wer erwischt wird, wird entwaffnet", sagt Loj knapp.

Doch die UN-Soldaten können nicht jeden Meter der dicht bewaldeten Region bewachen. Mehr Instabilität durch einsickernde Milizen könnte Liberia jedoch schwer schaden: Im Herbst sollen Wahlen stattfinden. Eine heikle Phase für die junge Demokratie. Das Land ist acht Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, in dem 250.000 Menschen umkamen und rund eine Million floh, noch nicht sehr gefestigt.

Wann Familie Bah zurückkehren kann, ist ungewiss. Derzeit wird ein neues Flüchtlingslager für 20.000 Menschen errichtet, das besser ausgestattet sein soll - eben für längere Aufenthalte. Denn dass die Flüchtlinge bald in ihre Heimat zurückkehren, ist unwahrscheinlich. Insbesondere die Anhänger Gbagbos fürchten Repressalien. Sie stellen die Mehrzahl derer, die jetzt in Liberia unterkommen. "Wir rechnen mit 18 Monaten oder mehr, bis auch diese sich wieder zurücktrauen", sagt Wheatonia Dixon Barnes von der liberianischen Flüchtlingskommission.

epd