Beim Thema Sterben bekommt der christliche Glaube Konkurrenz

Beim Thema Sterben bekommt der christliche Glaube Konkurrenz
Kreuz, Auferstehung und ewiges Leben? Zentrale Begriffe des Christentums sind offenbar vor allem bei den Themen Tod und Sterben ins Wanken geraten - nicht nur an Karfreitag. Von manchem Pfarrer ist zu hören, dass angesichts der Ungewissheiten am Ende des Lebens viele Trauernde Antworten bei nichtchristlichen Religionen suchen.

Im Sortiment fast jeder Buchhandlung findet sich neben der Bibel inzwischen auch das buddhistische Tibetische Totenbuch oder entsprechende Literatur zum Thema. Dieser religiöse Pluralismus führe zu unterschiedlichen Jenseitshoffnungen, diagnostiziert der Leiter der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen, Reinhard Hempelmann. Niemand hätte vor 50 Jahren daran gedacht, wie stark die esoterische Spiritualität werden würde, heißt es in einem Beitrag des Theologen im evangelischen Magazin "zeitzeichen" (Aprilausgabe).

Dem Religionsexperten Hempelmann zufolge stehen eine fortschreitende Säkularisierung, also Verweltlichung, und ein neues Interesse an Spiritualität heute nebeneinander. Und die Jenseitsvergessenheit sei begleitet von einem "neuen Interesse an unsichtbaren Welten". So sei davon auszugehen, "dass rund ein Fünftel der Europäer mit der Vorstellung einer Wiedergeburt im Sinn einer Reinkarnation sympathisieren und ihr zustimmen". Das treffe auf Christen, Konfessionslose und Angehörige anderer Religionen zu.

Einflüsse anderer Religionen

"Die christlichen Kirchen sind nicht mehr der erste Ansprechpartner bei einem Todesfall", sagt auch Kerstin Gernig, Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur in Düsseldorf, dem epd: "Durch Reisen, Mobilität und Globalisierung kommen Menschen in Kontakt mit anderen Religionen. Das hinterlässt Spuren, auch bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod."

Die Menschen pickten sich das heraus, "was sie anspricht und würfeln das auch bunt durcheinander", fügte die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Buchautorin hinzu. So glaubten nach einer aktuellen Emnid-Umfrage, die das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur hat ausführen lassen, 25 Prozent von 1.001 Befragten an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod, acht Prozent an eine Wiedergeburt sowie sieben Prozent an eine Verwandlung in Energie - aber nur zehn Prozent an die christliche Hoffnung der Auferstehung.

Himmel und Hölle sind eine verbreitete Vorstellung

Soweit wir in die menschliche Geschichte zurückblicken können, bilanziert der Religionswissenschaftler Michael von Brück (München), treffen wir auf Vorstellungen von einem "Leben" nach dem Tode. Die ältesten Kulturleistungen der Menschheit deuten auf Bestattungs- und Grabriten hin, "die damit rechnen, dass der Tote in irgendeiner Form weiter existiert und die Lebenden sich dazu verhalten müssen", schreibt der evangelische Theologe Brück ("Ewiges Leben oder Wiedergeburt?", Herder).

Eine "Auffahrt in den Himmel" ebenso wie "ein Abstieg in die Hölle" sei nichts spezifisch Christliches, sondern eine in der Religionsgeschichte weit verbreitet religiöse Vorstellung, heißt es auch in dem Sachbuch-Klassiker "Ewiges Leben?" des katholischen Theologen Hans Küng (83). Unter Berufung auf die Sterbeforschung fasst Küng zudem zusammen: "Sterben scheint nicht zuletzt davon abhängig zu sein, wie das Leben bewältigt wurde."

"Ich kann nicht glauben, dass wir weiterexistieren"

Besonders die evangelische Theologie hat den Himmel leergeräumt und einen nüchternen Blick auf die Ewigkeit entwickelt: "Ob es einen Sinn hat, dass wir alle auferstehen und nachher im Himmel wieder begegnen, daran zweifle ich", sagte der in dieser Tradition stehende reformierte Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti (90) unlängst in einem Interview der "Berner Zeitung". Bei Beerdigungen habe er immer gesagt, er wisse nicht, ob es ein Jenseits gibt: "Ich kann nicht recht glauben, dass wir als Individuen weiterexistieren. Gott weiß, was er mit mir macht, und ich weiß es nicht."

Der Wunsch nach einem "Weiterleben" nach dem Tode könne auch einen egoistischen Hintergrund haben, räumt der britische Religionsphilosoph John Hick (Jahrgang 1922) ein. Er wirbt in seinen Büchern dafür, im gegenwärtigen Leben Erfüllung zu suchen und den "kurzen und flüchtigen Charakter der Lebenszeit" zu akzeptieren. Wer sein Schicksal akzeptiere, verlange nicht nach Unsterblichkeit. Hick: "Diejenigen, die ein zufriedenes Leben geführt haben, sind im Angesicht des Todes in der Regel am wenigstens besorgt."

epd