Freiwilligendienst: Diakonie hat gemischte Gefühle

Freiwilligendienst: Diakonie hat gemischte Gefühle
Mit einem Festakt bei den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel wurde am Mittwoch fünf Jahrzehnte Zivildienst gewürdigt und zugleich Abschied gefeiert. Die Diakonie sieht den Übergang skeptisch. Ein Bericht aus einem Bethel-Wohnheim in Bielefeld.

Wenn der Zivi Tarik Ergül das Spielbrett aufbaut, ist er gleich von den behinderten Bewohnern des Bielefelder Bethel-Wohnheims umringt. "Jetzt schauen wir mal, wer die höchste Zahl würfelt", muntert der 19-Jährige seine schwerbehinderten Mitspieler auf. Wenn Ergül Ende Oktober Abschied von Bethel nimmt, dem bundesweit größten diakonischen Unternehmen, gibt es den Zivildienst nicht mehr. Die Aussetzung der Wehrpflicht bedeutet auch für den zivilen Ersatzdienst nach 50 Jahren das Aus.

Nach dem Ende des Zivildienstes will Ergül Soziale Arbeit studieren. "Der Zivildienst bietet eine gute Gelegenheit, in die sozialen Berufe reinzuschnuppern", findet er. Wie Ergül haben seit 50 Jahren rund eine Million der insgesamt rund 2,5 Millionen Zivis nach Angaben der Diakonie als Zivis in evangelischen Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern und Kindergärten geleistet. "Die Zivis sind ein Segen für unsere Gesellschaft", bilanziert Bethel-Chef Ulrich Pohl das Engagement. Sie stünden für nachhaltige soziale Arbeit und ziviles Engagement. Zugleich habe der Zivildienst jungen Männern prägende Erfahrungen mit Menschen ermöglicht.

Bereits mit Einführung des Zivildienstes vor 50 Jahren (Foto: epd-bild) traten 26 der ersten bundesdeutschen Zivis ihren 15-monatigen Dienst in Bethel an. Am Anfang sei er skeptisch gewesen, erinnert sich der heute 73-jährige Tjeerd de Jong Posthumus in Detmold. Der Dienst war ja zunächst als staatlicher Zwangsdienst für Kriegsdienstverweigerer konzipiert.

Die vermeintlichen Drückeberger

In Bethel war Posthumus bei der Betreuung von nicht sesshaften Jugendlichen eingesetzt. "Das war für mich eine wichtige Zeit", erzählt er rückblickend. Der sozialen Jugendarbeit sei er auch auf seinem späteren beruflichen Weg verbunden geblieben. Im sozialen Bereich entwickelte sich der Zivi vom vermeintlichen "Drückeberger" schon bald zu einer festen Stütze. Bethel hat in manchen Jahren 350 Zivildienstplätze gleichzeitig angeboten.

Auf das Ende des Zivildienstes haben sich viele Träger mit dem Aufbau des Freiwilligen Sozialen Jahres eingestellt. Bethel richtete bereits vor fast zehn Jahren ein "Betheljahr" ein, ein spezielles Freiwilliges Soziales Jahr für junge Männer und Frauen. Wegen der starken Nachfrage sollen die Plätze in diesem Jahr auf 500 fast verdoppelt werden. Zusätzlich will Bethel ab Juli den neuen Bundesfreiwilligendienst anbieten. Diesen sechs- bis 18-monatigen Dienst können Menschen ab 17 Jahren absolvieren.

Nur teilweiser Ersatz

Den Übergang vom zivilen Ersatzdienst zum neuen Bundesfreiwilligendienst sehen Kirche und Diakonie mit gemischten Gefühlen. Diakonie-Präsident Johannes Stockmeier begrüßt denn auch "den Wechsel von der staatlichen Dienstpflicht hin zu einem Freiwilligendienst". Der neue Freiwilligendienst könne den Zivildienst jedoch nur teilweise ersetzen, warnt er. Waren bundesweit zuletzt bis zu 90.000 Zivis im Einsatz, wird im neuen Bundesfreiwilligendienst zu Beginn nur mit 35.000 Teilnehmern pro Jahr gerechnet.

Der Bundesfreiwilligendienst steht auch Frauen und älteren Menschen offen. Die Öffnung sei eine Chance für die Gesellschaft, sagt der stellvertretende Bethel-Chef Bernward Wolf. Klar sei aber auch, dass der neue Dienst nicht einfach ein abgespeckter Zivildienst sein. "Das, was bisher der Zivildienst war, wird grundlegend verändert werden", ist er überzeugt.