Atomkraft gehört für Schweden weiterhin ins Energiekonzept

Atomkraft gehört für Schweden weiterhin ins Energiekonzept
"Kernkraft ist keine kluge Lösung", sagt die Sprecherin der schwedischen Grünen, Maria Wetterstrand. Atomenergie ist in Schweden umstritten – jedoch hat sich der Widerstand in den zurückliegenden Jahren etwas gelegt. Seitdem in Fukushima ein Super-GAU droht, nimmt in dem skandinavischen Land die Diskussion wieder an Fahrt auf. Anders als die deutsche Bundesregierung rückt Schwedens Exekutive im Moment nicht von der Kernkraft ab.

Am 19. September 2010 gewann die bürgerliche Regierungskoalition von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt die Reichstagswahlen. Erstmals in der Geschichte des Landes wurde eine liberal-konservative Regierung im Amt bestätigt. Sie setzt in ihrem im Jahr 2009 vorgestelltem Energiekonzept zu weiten Teilen auf Kernenergie. Im Wahlkampf vertrat die sogenannte "Allianz" deutlich, den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu vollziehen. "Dem Klima zuliebe", bewarb damals die liberale "Folkpartiet" das Vorhaben. Kernkraft leiste einen Beitrag zum Umweltschutz. Noch vor den Parlamentswahlen, im Juni 2010, beschloss der schwedische Reichstag, dass die alten Atommeiler weiter betrieben und sogar durch neuen Anlagen ersetzt werden dürfen.

"Schweden begibt sich in Abhängigkeit" 

"Schweden gehört zu den Ländern mit dem größten Pro-Kopf-Anteil von Kernenergie in der Welt", bemängelt Wetterstrand das Energiekonzept der Regierung in einem Namensbeitrag für die liberal-konservative Zeitung "Svenska Dagbladet", der am Donnerstag auf der Internetseite der Zeitung veröffentlicht wurde. "Mit zehn neuen Reaktoren wird Schweden abhängiger von Atomkraft als es Japan heute ist." Die grüne Politikerin greift in dem Text den Vorstoß der deutschen Regierung auf, dass alte Anlagen jetzt vom Netz müssen.

Die Regierung Reinfeldt setzt auf Atom und wurde wiedergewählt. Das Bild zeigt ein Wahlplakat der Liberalen im September 2010. Foto: Thomas Paterjey

Die deutsch Bundeskanzlerin Angela Merkel habe gesagt, dass etwas, was für unmöglich gehalten wurde, geschehen sei, unterstreicht Wetterstrand. Es dürfe nicht einfach ein "weiter so" geben, als ob nichts passiert sei, zitiert sie Merkel. "In Schweden hat die Regierung beschlossen, dass wir weiter machen, als ob nichts geschehen ist." Die deutsche Debatte um einen erneuten Ausstieg aus der Atomkraft ist in Schweden noch nicht in voller Breite wahrgenommen worden. "Selbst die eifrigsten Verfechter der Nuklearanlagen haben Grund zum Nachdenken", mahnt Wetterstrand.

Ein Atomausstieg war beschlossen

Im März 1980 herrschte noch eine eindeutig ablehnende Stimmung im Land. Nach der Havarie im US-Kernreaktor "Three Mile Island" votierten in einer Volksabstimmung fast 60 Prozent der Wähler dafür, den Ausbau von Kernkraft zu begrenzen. Das Parlament beschloss in dem Jahr sogar, gar keine neuen Reaktoren mehr zuzulassen. Als es 1986 zum Super-GAU in Tschernobyl kam, erlebte das Land besonders intensive Diskussionen über die Atomkraft. Die Strahlung war zunächst im Kernkraftwerk Forsmark registriert worden, ehe bemerkt wurde, dass die radioaktiven Partikel aus der Ukraine kamen.

Bis zur Jahrtausendwende wollte das Königreich weg vom Atomstrom. Doch der Ausbau erneuerbarer Energien wurde schlicht verschlafen. Um die Wasserressourcen zu schonen, wurde zwischenzeitlich ein Bauverbot für neue Wasserkraftanlagen erlassen. Die Ausstiegsfrist musste bis 2010 verlängert werden, damit zwischen Stockholm und Göteborg nicht die Lichter ausgingen. Reinfeldts Allianz hat das Abschaltdatum für die AKWs im letzten Jahr dann vollends aus dem Gesetz gestrichen.

In Schweden sind derzeit zehn Atomreaktoren an drei Standorten in Betrieb. Die älteste Anlage steht in Oskarshamn. Sie ist 40 Jahre alt. Weitere Kernkraftwerke gibt es in Forsmark und Ringhals. Die Kernenergie hat in Schweden einen Anteil von rund 40 Prozent an der Gesamtstromerzeugung, circa ein Drittel des Verbrauchs kommt aus AKWs.

AKWs im Norden sollen nicht vom Netz

In einem Chat des schwedischen Fernsehens verneinte der Kernphysik-Professor Janne Wallenius von der größten Technischen Hochschule (KTH) die Frage, ob die schwedischen Reaktoren ähnlich wie die deutschen abgeschaltet werden sollten. Das Umweltministerium versichert, dass die Erkenntnisse aus Japan genutzt würden, um die schwedischen Kraftwerke noch sicherer zu machen. In der Pressemitteilung führt die Allianzregierung auf, welche Maßnahmen sie bereits in der zurückliegenden Legislaturperiode unternommen habe. Am Freitag hieß es dem staatlichen Fernsehen SVT zufolge, Umweltminister Andreas Carlgren (Zentrumspartei) habe angeordnet, die Reaktoren vorsorglich "in mehreren Szenarien" auf ihre Sicherheit zu überprüfen.

Der Siedewasserreaktor in Oskarshamn. Die Anlage ist die älteste in Schweden. Foto: Daniel Kihlgren/cc

Auch die Strahlenschutzbehörde betont, dass die AKWs zuverlässig seien. "Es gibt mehrere Sicherheitssysteme, die unabhängig von einander arbeiten", heißt es auf der Internetseite der Aufsichtsbehörde. Grund zur Sorge bestehe nicht. Es gebe bei den Meilern mehrere Barrieren, die ein Austreten von Strahlung und radioaktiven Stoffen verhindern könnten – auch wenn ein schwerer Unfall passiere, hieß es. "Schwerwiegende nukleare Unfälle sind selten. Ein schwerer Unfall ist in Schweden nie aufgetreten."

Die Politikerin Wetterstrand schreibt in ihrem Artikel, die Politik habe stets betont, dass Unfälle bei Atomanlagen selten seien. Welche Dimension ein Unglück jedoch habe könne, habe nicht mehr vor Augen gestanden – bis jetzt. "Zehn neue Reaktoren sollen die alten Anlagen ersetzten", beschreibt sie die Beschlüsse der Koalition. "Sie machen Schweden von Kernkraft abhängig für die nächsten 75 Jahre." Dennoch sei die Unterstützung für Kernkraft in den vergangenen Jahren gewachsen – stärker als jemals zuvor. Die grüne "Miljöpartiet" (Umweltpartei) fordert nach Fukushima ein Umdenken, eine Rückbesinnung auf die Schlüsse, die Schweden schon gezogen hatte. Dass Kernkraft als klimafreundlich angesehen werde, könne nicht angehen: "Wir werden die Gefahren für die Umwelt nicht lösen, indem wir andere schaffen."

In der Debatte wird auf Nikolaus Schneider verwiesen

Die Schwedische Kirche betet für die Opfer von Japan. Der evangelisch-lutherische Erzbischof von Uppsala, Anders Wejryd, beschreibt in seinem Internet-Blog, wie zerstörerisch die Kraft des Tsunamis gewesen ist. Er ruft den Gläubigen in Erinnerung, dass viele Schweden durch den großen Tsunami vor mehr als sechs Jahren Freunde und Bekannte in Thailand verloren hätten. Über Weihnachten entfliehen viele Skandinavier der Dunkelheit und fliegen in das asiatische Land. Der Tsunami von 2004 hatte die Schweden tief bewegt.

Zu den Verwüstungen durch die Welle trete in Japan jetzt die Angst um mehrere Kernkraftwerke, fügt Wejryd an. Näher auf die Gefahr geht er nicht ein. Die mahnende Stimme des protestantischen Oberhauptes der Christen in Deutschland findet sich hingegen in einem weiteren Artikel des "Svenska Dagbladet": Es gebe keine hundertprozentige Sicherheit, wird der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider zitiert. "Wir müssen aus dieser Technik so schnell wie möglich aussteigen."

Die Diskussion in Schweden ist im Vergleich zur deutschen Debatte noch verhalten. Sie legt jedoch an Fahrt zu. Bislang war der nordische Staat oftmals Vorreiter in der Umweltschutz- und Atomdebatte. Es bleibt abzuwarten, ob sich Stockholm auch diesmal vor Berlin wieder zu einem schnellen Ausstieg bekennt - und ob dieser dann auch tatsächlich vollzogen wird.


Thomas Paterjey studiert in Hannover und arbeitet als freier Journalist.