Elfenbeinküste: Der Präsident macht Jagd auf sein Volk

Elfenbeinküste: Der Präsident macht Jagd auf sein Volk
Die Demonstrantinnen, die am Weltfrauentag durch Abidjan zogen, trugen rote Stirnbänder - als Protest gegen das neue Blutvergießen in der Elfenbeinküste. "Gbagbo muss gehen", riefen die mehreren tausend Frauen den vor Monaten abgewählten Präsidenten zum Rückzug auf. Doch dessen Unterstützer bereiteten dem friedlichen Protestzug ein brutales Ende.

Augenzeugen berichten, wie Jugendliche mit Maschinengewehren auf einmal das Feuer eröffneten. Am Mittwoch war von mindestens vier Toten die Rede. Neun Jahre nach Ausbruch der ersten Rebellion in dem westafrikanischen Staat herrscht in der Elfenbeinküste (Côte d'Ivoire) erneut Bürgerkrieg. Gegenüber stehen sich wieder der nationalistische Präsident Laurent Gbagbo, dessen Machtbasis im Süden liegt, und der aus dem Norden des Landes stammende Oppositionsführer Alassane Ouattara. Ouattara, im vergangenen November bei international anerkannten Wahlen zum neuen Präsidenten gewählt, kämpft um sein Recht, das Land zu führen. Doch Gbagbo klammert sich wie seit Jahren schon an die Macht - und scheint bereit, sein Land notfalls ins Chaos zu stürzen.

Mehr als 370 Menschen, so schätzen die UN, hat der Konflikt in den vergangenen Wochen bereits das Leben gekostet. Mehr als 400.000 sind auf der Flucht, die meisten innerhalb der größten Stadt des Landes, Abidjan. "Viele Familien aus Vorstädten von Abidjan suchen Schutz in Gemeindezentren, Kirchen oder Moscheen", berichtet Adrian Edwards vom UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). "Selbst in der Innenstadt von Abidjan wird immer wieder scharf geschossen, es ist extrem schwer, die Vertriebenen zu erreichen."

Seit zwei Wochen Kämpfe in einem Slum

Am prekärsten ist die Situation im Slum von Abobo, einer Hochburg Ouattaras, wo seit zwei Wochen gekämpft wird. Gbagbo-loyale Truppen und die paramilitärische Jugendmiliz "Jeunes Patriotes" stehen hier einer Bewegung gegenüber, die die Bewohner Abobos die "unsichtbaren Kommandos" nennen. Mehrmals schon haben diese Kämpfer loyalistische Truppen angegriffen, mindestens zehn Polizisten und ein Dutzend von Gbagos Elitesoldaten kamen ums Leben. Wegen unvermittelt aufflammender Gefechte ist das UNHCR nicht in der Lage, Abobo zu betreten. Auch die UN-Mission in der Elfenbeinküste (UNOCI) mit ihren knapp 11.000 Soldaten und Polizisten scheint nicht in der Lage, die Gewalt zu stoppen.

Eine politische Lösung scheitert unterdessen an der Zerstrittenheit einer Gruppe afrikanischer Staaten, die im Auftrag der Afrikanischen Union vermitteln soll. Während Nigeria eine Seeblockade oder sogar einen Militärschlag gegen Gbagbo erwägt, plädiert Südafrikas Präsident Jacob Zuma für eine große Koalition, an der Gbagbo beteiligt sein soll. Die aber lehnt Ouattara ab - auch deshalb, weil ein ähnliches Übergangskonstrukt in den vergangenen Jahren mit den Wahlen ein Ende finden sollte.

Um die Unstimmigkeiten zu klären, wollten sich die Unterhändler am Mittwoch erneut treffen. An diesem Donnerstag wollen sie dem Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union in Addis Abeba einen Friedensplan unterbreiten. Ouattara hat sein Kommen angekündigt, Gbagbo lässt sich vertreten - wegen der "angespannten Sicherheitslage", wie einer seiner Sprecher verlauten lässt.

Der Präsident soll pleite sein

Tatsächlich steht Gbagbo mit dem Rücken zur Wand. Aus Abidjan heißt es, dass der abgewählte Präsident infolge der internationalen Sanktionen praktisch pleite ist. Um seine Anhänger dennoch bezahlen zu können, greift Gbagbo zu Verzweiflungstaten: Im staatlichen Fernsehen ließ er mitteilen, der am Boden liegende Kakaosektor - normalerweise verantwortlich für 40 Prozent der Exporteinnahmen - werde verstaatlicht. Unklar bleibt dabei, wie Gbagbo trotz des Export-Embargos die im Land gelagerten Kakaobohnen zu Geld machen will.

"Das wahrscheinlichste Szenario ist derzeit, dass der bewaffnete Konflikt sich ausweitet und Zivilisten mit massiver Gewalt rechnen müssen", warnt Gilles Yabi, Analyst der "International Crisis Group". Einzelne Staaten in der Region, allen voran Burkina Faso und Nigeria, könnten sich dann gezwungen sehen, einseitig militärisch einzugreifen. Die nach Ende des liberianischen Bürgerkriegs mühsam errungene Stabilität in Westafrika wäre dann schnell vorbei.

epd