"Tracing Waste": Bei den Müllsammlern von Neu Delhi

"Tracing Waste": Bei den Müllsammlern von Neu Delhi
Deutschland ist einer der Vorreiter beim Müll-Recycling, hört man immer mal wieder. Gelber Sack, grüne Tonne, Glas nur werktags zwischen 8 und 18 Uhr einwerfen - die Deutschen sortieren fleißig. In Indien allerdings gibt es eine ganz andere Form von Recycling, eine, die zutiefst mit menschlichen Schicksalen verknüpft ist. Der Fotograf Enrico Fabian hat ihre Geschichten in beeindruckenden Bildern dokumentiert.

Wer nur einen kurzen, unachtsamen Blick auf die großformatigen Fotoabzüge wirft, könnte sie für Werbebilder der indischen Tourismusindustrie halten. Sie strahlen hell, wirken optimistisch: Blauer Himmel, aufgeweckte Kinder, farbenfrohe Bildkomposition und exotischer Flair. Nicht ganz dasselbe wie das ewig-romantische Taj Mahal oder ein idyllischer, von Palmen umsäumter Strand in Kerala. Dennoch überwiegt der positive Eindruck, selbst wenn der zweite Blick die eigentlichen Bildmotive in den Vordergrund treten lässt: Abfallberge, Schrotthalden, riesige Haufen von Unrat und – vor allem – die Menschen, die mitten in dieser unwirtlichen Umgebung leben und arbeiten. Kabaris werden sie genannt, die Müllsammler Indiens.

Der junge Fotograf Enrico Fabian hat die ästhetische Qualität dieser für westliche Betrachter verstörenden Motive herausgearbeitet. Sein 40 Bilder umfassendes Projekt "Tracing Waste – Auf den Spuren des Abfalls" entstand innerhalb von drei Monaten auf einer riesigen Deponie vor den Toren Neu Delhis. Fabian begleitete die Kabaris bei ihrer Arbeit und kam zu bemerkenswerten Einsichten. "Ich wollte den Ausstellungsbesuchern einige Sachverhalte erläutern, mit denen sie vielleicht nicht so leicht klarkommen", sagte der Fotograf kürzlich in Berlin-Schöneberg, wo eine Auswahl seiner Bilder zu sehen war. "Um es den Leuten nicht allzu schwer zu machen, erzähle ich die Geschichte so attraktiv wie möglich und vermeide dunkle, traurige Ausdrucksmittel."

Farbenfrohe Bilder

Ein positiver Blickfang ist das Gefährt, mit dem ein Sammler die Wertstoffe von den Müllbergen in die zahlreichen Recycling-Workshops transportiert. Es ist ein umgebautes Fahrrad, bei dem das Hinterrad abmontiert und ein Ladecontainer auf eine breite Achse gelegt wurde. Der Aufsatz bietet genug Platz für mehrere Behälter und Säcke, so dass der Müll beim Aufladen bereits vorsortiert werden kann. Ein anderes Bild zeigt aus der Vogelperspektive einen Mann, der zwischen Haufen von Plastikbechern sitzt und dabei ist, hartes Plastik von weichem, durchsichtiges von farbigem zu trennen.

Die Arbeiter in den Workshops bilden gemeinsam mit den Sammlern einen eigenen Wirtschaftskreislauf und geben dem aufgelesenen Müll einen neuen Handelswert. Ganz beiläufig und ohne dass ihnen jemand diese Aufgabe übertragen hätte, reduzieren sie die gigantischen Abfallmengen, die sich rund um die Megastädte im Boomland Indien auftürmen. Die Betrachter von Enrico Fabians Fotos erhalten eine Ahnung davon, dass es in Indien vielleicht kein industrialisiertes Entsorgungs- und Verwertungssystem gibt, gleichwohl aber ein überaus effizientes.

Von Dresden nach Delhi

Aufgewachsen ist der Fotograf in der Nähe von Dresden. Vor etwas mehr als vier Jahren siedelte er nach Indien um und versucht sich seither als freischaffender Fotokünstler. Die Idee zum Projekt "Tracing Waste" kam bei einer Erkundungstour kurz nach seinem Umzug nach Delhi. Er lernte eine Gruppe von Sammlern kennen, die ihre Behausungen direkt auf der Müllkippe errichtet hatten. Er fragte nach, ob er sie begleiten dürfe, ob sie ihm Einblick in ihren Alltag gewähren. Fabian erinnert sich, dass die Kabaris zunächst verdutzt reagierten: "Für sie war ein Ausländer, der auf der Spitze des Müllberges herumklettert, einfach ein ungewohnter Anblick. Ich habe versucht, mich ihrer Routine anzupassen, habe keine extra Schutzkleidung getragen. Ich glaube, das hat uns zusammenrücken lassen."

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Enrico Fabian erkannte, dass keine direkte Verbindung zwischen den Müllarbeitern und den wohlhabenden Einwohnern Delhis besteht, die den Wohlstandsmüll erst verursachen. "Die Kabaris sind diejenigen, die unser Leben auf eine sehr positive Art und Weise beeinflussen", betont er. "Sie kümmern sich darum, dass unsere Umwelt sauber gehalten wird. Diese Arbeit ist eine ziemliche Last." Eine Last, so muss man ergänzen, die sie sich zwar selbst aufgeladen haben, für die es jedoch kaum Alternativen gibt.

Die meisten Müllsammler sind Dalits. Früher hätte man sie "Unberührbare" genannt. Ihnen stehen kaum andere Berufe offen. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, müssen sie raus auf die Müllberge – trotz der vielen Gefahren. Während Fabians Foto-Touren verletzte sich ein Kind, weil unter der neuesten Abfallschicht ein Schwelbrand loderte, ein anderes Mal geriet ein Mann beim Entladen eines Lasters unter den herabfallenden Müll und starb. Enrico Fabian selbst übersah einmal einen Hohlraum, brach bis zur Hüfte ein und stand in einer undefinierbaren, schlammigen Brühe.

Aus Mitleid wird Faszination

Der Aspekt der fehlenden Alternative für die Kabaris macht die Besucher der Ausstellung in Schöneberg nachdenklich und traurig. Viele empfinden zunächst Mitleid. Enrico Fabian hat dieses Reaktionsmuster häufig gesehen. Nach einer Weile, meint er, ändere sich ihre Haltung, weg vom Mitleid, hin zur Faszination: "Wenn die Leute sich das gesamte System anschauen, wenn sie sehen, wie diese informellen Gruppen zuammenarbeiten, verstehen sie, dass auf den indischen Müllkippen in einem Ausmaß recycelt wird, das die Kapazitäten in ganz Deutschland übersteigt."

Natürlich muss man nach Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme in Indien suchen. Aber das ist fürs erste nicht Enrico Fabians Thema. Er möchte die Kabaris bekannt machen, sie für ihren Dienst an der Gesellschaft hochleben lassen. In großen, farbigen, lebensfrohen Bildern.

Die Ausstellung "Tracing Waste – Auf den Spuren des Abfalls" kann von Museen, Galerien, Volkshochschulen etc. entliehen werden (den Kontakt gibt es hier).


Thomas Völker ist freier Autor in Berlin.