Das Leben nach dem Mord an Hrant Dink

Das Leben nach dem Mord an Hrant Dink
Vor vier Jahren wurde der Journalist Hrant Dink in der Türkei ermordet. Seine Witwe sprach nun in Berlin über das Leben nach dem Verlust ihres Mannes und das Verhältnis von Türken und Armeniern.

Der Mord, so sagt Rakel Dink, begann schon 2004. Die Witwe des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, wirkt bitter bei diesen Worten. Am 19. Januar 2007, heute vor vier Jahren, wurde ihr Mann in Istanbul auf offener Straße erschossen. Sein Mörder, ein damals 17 jähriger Jugendlicher, ohne Arbeit, nationalistisch gesinnt.

Auf Einladung der "Initiative zur Gründung eines Hrant Dink Forums" besuchte die Witwe des kritischen Journalisten letzte Woche Berlin. Im informellen Rahmen erzählte sie über die Zeit vor dem Mord und über das was seither geschehen ist. Über den Prozess in der Türkei, von dem sie sich kaum noch Gerechtigkeit erhofft. "Richter und Staatsanwälte sitzen erhöht, schauen auf uns runter , verhöhnen und beleidigen uns", so beschreibt sie die Situation im Gerichtssaal. Und die Flugblätter, die draußen verteilt würden. Auch die erwähnt sie mit fester Stimme und traurigem Blick.

Tabubruch

Hrant Dink war der Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung Agos. Auf türkisch und armenisch berichtete Dink über das verschwundene Armenien in der Türkei, thematisierte auch die Frage des Genozids. Darüber zu schreiben, in ultranationalistischen Kreisen ein Tabubruch. Unzählige Male wurde Dink vor Gericht bestellt. "Zwischen 2004 und 2006 war das. Es gab Lynchversuche, er brauchte Polizeischutz", so Dink. "Beleidigung des Türkentums", so lautete die Anklage. Und er wurde verurteilt.

Sabiha Gökcen, erste Pilotin der Türkei und Adoptivtochter von Staatsgründer Atatürk, war eigentlich Armenierin. "Mein Mann hörte von dieser Geschichte, recherchierte sie und es wurde nachgewiesen, dass das Kind tatsächlich armenisch war", sagt Rakel Dink. Damals zu dieser Zeit begannen die Aufmärsche vor dem Redaktionsgebäude. Schon Ende Februar 2004 demonstrierten die Ultranationalisten laut "Entweder liebst Du das Land oder Du verlässt es".

Diesen Nationalismus zu benennen und in die Debatte einzuordnen, das ist auch das Anliegen des türkischen Journalisten Cem Sey, Mitinitiator der "Hrant Dink Woche" in Berlin. Es gehe darum hier in Berlin eine andere Atmosphäre zu schaffen. Eine mit Strahlkraft auf die Türkei. "Natürlich spielt hier in Deutschland bei den Integrationsproblemen der Islam eine Rolle aber es ist eher der türkische Nationalismus, der eine Intergration behindert", erklärt er.

Ins Gewissen reden

Ihr Mann habe niemanden beleidigen wollen, sagt Rakel Dink. Er habe ihnen ins Gewissen reden wollen. Das sei sie gewesen, seine Philosophie. Eine des Dialogs. Bis heute sind die Ereignisse von damals, während des ersten Weltkrieges, nicht ausreichend rekonstruiert. Es gibt keine eindeutigen Opferzahlen. Für die Armenier war es Genozid, für die Türken eine sicherheitspolitische Maßnahme. Wer will hier ein Urteil fällen. Eine schwierige, eine politische Frage. Denn hier geht es um mehr als die Neuschreibung von Geschichtsbüchern. Hier geht es auch um den EU-Beitritt der Türkei. Und so mancher Gegner im Westen hat hier sein Instrument gefunden.

In manchen Momenten ist Rakel Dink versöhnlich: "Die türkischen Medien heute, sie wissen alles und sie schreiben auch alles." Sie hätten ein Interesse an der Thematik, so Dink. In der publizistischen Landschaft der Türkei herrsche mittlerweile eine offenerer Ton im Umgang mit der eigenen Geschichte. Das ist auch die Erfahrung von Do?an Akhanl?, einem in Deutschland lebenden türkischstämmigen Schriftsteller. "Wir mussten unser Schweigen brechen", sagt er. Die Ermordung Dinks, so schmerzhaft sie war und ist, habe letztlich dazu geführt, dass eine Diskussion begann, die nun nicht mehr aufzuhalten sei. "Heute", so Akhanl?, "kann man in der Türkei zum Thema Armenien alles veröffentlichen."

Am 24. April 2005 in der armenischen Hauptstadt Eriwan: Bei einer Gedenkveranstaltung am Mahnmal, das an die Toten erinnert, einem denkwürdigen Ort, da sei sie gewesen. Seine zweite und letzte Begegnung mit Hrant Dink, erinnert sich Do?an Akhanl?. "Kümmert Euch um Eure Verbrechen, das war seine einfache Botschaft aber nicht einmal seine Freunde haben ihn verstanden. Nach seiner Ermordung sind wir, 100.000 Menschen, auf die Straße gegangen, auch um uns zu entschuldigen, dass wir ihm nicht richtig zugehört haben." Man nimmt sie ihm ab, die Wut darüber, was der Schriftsteller als sein eigenes Versagen bezeichnet. Der politische Mord hinterlässt seine Opfer auf allen Seiten.

Täter als Bauernopfer

Am 7. Februar ist der nächste Prozesstag. Auch wenn die Medien über den Fall berichten, hinsichtlich des Prozesses würde es nicht nützen, erklärt Rakel Dink. Sie befürchtet, dass die Taktik des Gerichts sei, sie hinzuhalten, so dass es zu einer Verjährung komme. Der Täter, der sei doch nur ein Bauernopfer. Die staatlichen Institutionen arbeiteten zusammen, um alles zu deckeln, damit nichts ans Tageslicht komme: "Die wahren Täter sind Teil des politischen Systems, das war von langer Hand geplant."

Rakel Dink erinnert sich: "Nach der Geschichte mit der Adoptivtochter von Atatürk, da haben sie auf den Startknopf gedrückt. Am nächsten Tag begannen die Proteste vor Agos. Ab jetzt bist Du unser Ziel." Sie habe keine Beweise aber der Gouverneur und zwei Geheimdienstmitarbeiter hätten ihren Mann vor seinem Tod bestellt und gewarnt: Wir wollen das nicht aber irgendein Halbstarker könnte Dich auf der Straße angreifen. Heute würden sie das leugnen. Dink sieht müde aus. Wenn sie spricht, dann tut sie das bestimmt. Sie bewahrt die Fassung doch man sieht ihr den Kampf gegen das Schweigen der Behörden an. Müsse man nicht nach den Gründen suchen, die zu all dem geführt haben, fragt sie laut.

Kurz nach dem Mord haben sich zwei Polizisten mit dem Täter und einer türkischen Flagge fotografierenlassen. Ein anderer Polizist hat damals die Fotos an die Presse weitergegeben. Die Nachricht ging duch die Welt. Von den Menschenrechten des Opfers spreche keiner, sagt Dink. "Manchmal habe ich das Gefühl ich kritisiere nur, aber eigentlich erzählen wir nur das, was wir erleben." Stillstand. Als würde sie in der Mitte einer Brücke stehen und nicht wissen, ob sie vor oder zurück gehen solle.

Stiftung

Rakel Dink hat eine Stiftung gegründet. Die "International Hrant Dink Foundation", mit der sie sich für das Gespräch einsetzt, das Interesse wachhalten möchte. Armenier und Türken müssen miteinander reden, das ist ihre tiefe Überzeugung. Ganz im Sinne ihres Mannes, der nie einen "Wettbewerb der Toten" wollte. "Er hat immer gesagt, man redet nur von den Toten, lass uns von den Lebenden sprechen, damit wir in der Debatte vorankommen." Dann erinnert sie sich an etwas. Den intellektuellen Atatürk, den habe ihr Mann immer gemocht.

Das schwierige Verhältnis zwischen Armeniern und Türken. Die Schuldfrage, die doch immer im Raum steht. Wer hat Recht? Rakel Dink muss sich auch manche Frage gefallen lassen. Ob nicht vielleicht auch armenische Nationalisten den Mord für ihre Sache nutzen würden? Nichts ist so eindeutig, wie es manchmal erscheinen mag.

Nach dem Mord gingen nicht nur die Armenier auf die Straße, auch türkische Freunde und Unterstützer waren dort. Für diese Unterstützung ist Rakel Dink bis heute dankbar. Trotzdem hat sie Angst vor einem Stimmungsumschwung. Sicher, ihr Mann habe auch Freunde gehabt. Er sei durch seine Fernsehauftritte populär gewesen. Aber wie sicher könne sie sich sein, dass diese Freunde nicht auf einmal ihre Meinung änderten. Und die armenischen Türken? Sie seien zu ängstlich um parteiisch zu sein. Das moniert sie: "Wenn man für Gerechtigkeit eintritt, dann hat das doch nichts mit Parteinahme zu tun."

Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

Im letzten Jahr hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Türkei als mitverantwortlich für den Mord an Hrant Dink verurteilt. Wider besseren Wissen, habe der türkische Staat das Leben des Journalisten nicht ausreichend geschützt. Ein Urteil als Hoffnungsschimmer für den laufenden Prozess in der Türkei? Man werde sehen, ob das Einfluss habe. Eigentlich glaube sie nicht mehr daran, dass ihr Mann Gerechtigkeit erfahren werde. Und dann sagt Rakel Dink: "Gestern haben wir über die Berliner Mauer gesprochen, es ist viel schwieriger die Mauer in Herzen und Köpfen niederzureißen."


Karola Kallweit ist freie Journalistin und arbeitet in Berlin