Nikolaus 2010: Ich bin nicht der Weihnachtsmann!

Nikolaus 2010: Ich bin nicht der Weihnachtsmann!
Wenn der Mann in Rot die Kleinsten heute noch beeindrucken will, greift er nicht mehr zum Rutenbündel, sondern tief in die Trickkiste. Hobby-Nikoläuse müssen heute so einiges können. Ein Bericht über kratzende Bärte, diskrete Spickzettel und verkleidete Ärzte. Außerdem: Warum der Nikolaus in Indien kein Rentier dabei hat.

Der große Mann im roten Samtmantel und mit dem weißen Rauschebart keucht schwer, als er die letzten Treppenstufen erklimmt. Schwerfällig lässt sich der Nikolaus mit seinem Bischofsstab und dem dicken Jutesack in einen Stuhl fallen. Viele Kinderaugen blicken ihn ehrfürchtig an. "Na?", richtet er dunkel das Wort an seine kleinen Bewunderer, "Wisst ihr, wo ich herkomme?" - "Vom Himmel", klingt es leise aus einer Ecke. "Aus dem Wald", rät ein anderes Kind. Doch die Kleinen liegen alle falsch. Der Nikolaus kommt aus Münster und trägt eigentlich einen weißen Kittel: Winfried Keuthage ist Arzt - und seit mehr als 20 Jahren Hobby-Nikolaus.

In den zwei Jahrzehnten hat sich Keuthage viele Tricks zugelegt. "Besonders beeindruckt sind die Kinder, wenn ich sie spontan mit Namen anspreche." Das hat der Nikolaus von langer Hand vorbereitet. Eltern sollen Sorge tragen, dass die Kleinen möglichst auffällige Erkennungsmerkmale anhaben. Dank eines diskreten Zettels weiß der Mann in Rot dann, wer Max (Kennzeichen: "Brille"), wer Jakob ("blauer Pullover") und wer Jonah ("das einzige Kleinkind") ist. "Manche Nikoläuse fragen halt 'Wer ist der Max?' Das ist total out. Das mach ich gar nicht", sagt der Mann mit dem graumelierten Haar abfällig.

Der gebrechliche Gabenbringer

Die Rolle ist Keuthage in Fleisch und Blut übergegangen. "Erst war ich Nikolaus, dann wurde ich Arzt", erinnert sich der 43-Jährige, der im Dezember den gebrechlichen Gabenbringer spielt, aber sonst als Diabetologe den Blutzucker seiner Patienten überwacht.

Schon während des Studiums versuchte sich der Mediziner bei seinen Neffen als Nikolaus - mit wenig Erfolg. "Die haben mich trotz Verkleidung sofort erkannt", sagt der Münsteraner. Seitdem bringt er am Nikolaustag fremden Kindern die Geschenke. Inzwischen betreibt Keuthage eine Nikolausvermittlung. In die Datenbank "Nikolauszentrale" können sich Hobbyschauspieler gratis eintragen lassen. 13 Nikoläuse sind bisher registriert. "Der Markt ist da", sagt Keuthage. Wie viel Geld er für einen Auftritt bei einer Familie verlangt, will er nicht verraten.

"Die Bühne ist das Wohnzimmer"

Dass die Kinder nicht nur Geschenke bekommen, sondern auch etwas lernen, ist Keuthage wichtig. So erzählt er ihnen die Geschichte vom Nikolaus - und zwar historisch genau. "Ich versuche, diese Tradition aufrechtzuerhalten", sagt er. Viele Kinder wüssten gar nicht, dass der Nikolaus und der Weihnachtsmann nicht dasselbe seien. Ihn reizt vor allem, dass er in eine fremde Rolle schlüpfen kann. "Das ist wie Theater spielen, nur dass die Bühne mein Wohnzimmer ist", erklärt der Diabetologe. Früher sei er aber eher schüchtern gewesen. "Ich war nie der Alleinunterhalter oder Klassenclown."

Heute wird er bei den Kleinen verehrt wie ein großer Held. Die Kinder tragen ihm Gedichte vor oder singen Lieder mit ihm. Selbst die frechsten Bengel entpuppten sich vor dem Nikolaus als brave Engel, sagt Keuthage stolz. Doch auch ein Nikolaus hat natürliche Feinde. "Zehnjährige als Gruppe sind für den Nikolaus tödlich", weiß Keuthage. "Das ist dann ein Spießrutenlauf. Die machen blöde Sprüche, die wollen an den Bart fassen und einen enttarnen." Außer ungläubigen Zehnjährigen gibt es für Keuthage aber nur noch eine andere Sache, die ihn beim Auftritt manchmal ziemlich nervt: "Der Bart juckt."

"Feiern dieses Jahr einfach ein bisschen früher"

Weniger empfindlich darf der Nikolaus im fernen Indien sein, denn er bringt seine Gaben auf einem echten Dickhäuter. Bereits zwei Tage vor dem Festtag besuchte er die Kinder der Deutschen Schule in Neu Delhi (Foto: dpa). Traditionell kommt er nicht auf seinem Rentierschlitten, sondern auf einem Elefanten. So ritt er auch am Samstag in den Garten der Residenz des Deutschen Botschafters ein. Das weltweite Geschenkeverteilen koste viel Zeit, sagte der Ehrengast aus der Kälte bei strahlendem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen in Neu Delhi. "Damit ich auf keinen Fall zu spät zu Euch komme, habe ich gedacht, wir feiern dieses Jahr einfach ein bisschen früher."

Weil seine Rentiere in den kommenden Tagen sehr weit fliegen müssten, habe er ihnen eine kurze Pause versprochen. Ohnehin warte in Indien ja immer sein Freund, der Elefant, auf seinen Besuch. Botschafter Thomas Matussek und seine Ehefrau Ulla begrüßten den Nikolaus und die Kinder. Gesänge und eine südindische Tanzeinlage sorgten für Begeisterung unter den Gästen. Die Nikolausfeier mit Elefant hat in der Deutschen Botschaft Neu Delhi Tradition. Seit Jahren besucht der Nikolaus die Kinder dort auf einem Dickhäuter.

Der Heilige aus der Türkei

Der heilige Nikolaus ist übrigens seit Jahrhunderten einer der beliebtesten christlichen Volksheiligen. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, ist vor allem ein Tag der Kinder. Die Figur des Nikolaus geht zurück auf den für seine Mildtätigkeit bekanntgewordenen Bischof von Myra, dem heutigen Demre in der Türkei. Der als Freund der Kinder geltende Heilige soll um das Jahr 350 gestorben sein, vermutlich an einem 6. Dezember. Allerdings gibt es über den historischen Nikolaus so gut wie keine bezeugten Überlieferungen.

Seine Gebeine wurden Legenden zufolge 1087 von italienischen Seeleuten aus dem inzwischen islamisch gewordenen Myra geraubt und nach Bari in Apulien gebracht. Dort werden sie als Reliquien bis heute verehrt. Im mittelalterlichen Abendland wurde Sankt Nikolaus zum Nothelfer in allen möglichen Lebenslagen für Schüler, Liebende und Heiratswillige. Seefahrern galt er als Patron und Helfer bei Gefahren auf See. Die Russen betrachten ihn als ihren Schutzheiligen.

"Äpfel, Nuss und Mandelkern"

In vielen Hafenstädten gibt es Nikolauskirchen, in Norddeutschland "Nikolai"-Kirchen. In zahlreichen Überlieferungen wird der Einsatz des Nikolaus zum Wohle der Kinder geschildert. In Nikolausspielen müssen die Kinder Rechenschaft über ihr Verhalten im vergangenen Jahr ablegen. Wer "artig" war, wird vom Nikolaus mit "Apfel, Nuss und Mandelkern", heute in Form von Süßigkeiten, belohnt. Für die anderen hielten die Nikolaus-Begleiter - je nach Landschaft Knecht Ruprecht, Pelznickel oder Krampus - die Rute bereit.

dpa/epd