"Etwas Besseres als den Tod finden wir überall"

Palliativstation

Foto: Eva Giovannini

Im Markuskrankenhaus Frankfurt: links Ärztin Angelika Berg, rechts daneben Ernst Ehmer und seine Frau.

Deutschland spricht 2019
"Etwas Besseres als den Tod finden wir überall"
Eine Antwort auf die Sterbehilfe: Die Palliativstation im Markuskrankenhaus in Frankfurt am Main hilft unheilbar Kranken
Die Kirchen in Deutschland lehnen "Tötung auf Verlangen" als Form der Sterbehilfe ab. Das Markuskrankenhaus in Frankfurt hat seit knapp über einem Jahr ein Palliativzentrum. Es ist Teil einer christlichen Antwort auf diejenigen, die aktive Sterbehilfe verlangen.

Der Fußboden ist genauso grau wie im Rest des Markuskrankenhauses, Desinfektionsmittelspender hängen bereit. Doch auf den ersten Blick fällt auch auf: die sterile Krankenhausatmosphäre wird von den warmen Farben der Bilder an den Wänden gebrochen. Wo sonst der Essenswagen steht, gleich in der Nische am Eingang, stehen auf der Palliativstation im fünften Stock eine Kerze und ein Korbstuhl.

Medizinisch gesehen setzen nach dem Tod die Körperfunktionen aus; das Herz hört auf zu schlagen, die Organe beenden ihre Arbeit. Christlich gesehen ist der Tod ein Übergang von einer Welt in die andere, "kein Punkt, sondern hoffentlich ein Doppelpunkt", sagt Krankenhausseelsorgerin und Pfarrerin Andrea Klimm-Haag.

Stationsleiterin Angelika Berg glaubt an eine Welt, wo der Körper keine Rolle mehr spielt, dafür jedoch die Seele. "Es ist sicherlich nicht einfach zu gehen", sagt sie, "weil man so viel zurücklassen muss", Menschen, die einem wichtig sind, ein Leben, das man vielleicht gerne hatte.

Autonomie und Geborgenheit zurückgewinnen

Ärztin Angelika Berg trinkt auf der Station immer aus einer ganz bestimmten Tasse. Sie ist bauchig und blau, "Fehmarner Kaffeepott" steht darauf. Ein Stück Heimat sei das für sie. Und um das was Heimat symbolisiert, geht es auch auf der Palliativstation. Die Ärztin, die Seelsorgerin und das ganze Team auf der Station eint, dass sie Geborgenheit geben wollen.

Die Musiktherapeutin will das mit ihrem Wagen voller Holzinstrumente, mit denen sie für die Patienten spielt. Die Kunsttherapeutin möchte es auch, mit Erinnerungen die sie für die Patienten oder mit ihnen zusammen malt. Die Physiotherapeuten wollen es, durch Mobilisation geben sie den Menschen ein Stück Autonomie zurück. Wer vorher nur noch lag, lernt auf der Station manchmal auch wieder zu sitzen und selbst zu trinken.

Geborgenheit und Autonomie sind zentral für das Wohlbefinden eines Menschen, so sieht es Ärztin Angelika Berg. Und zur Autonomie gehört nicht nur ein Stück Beweglichkeit zurück zu bekommen. Es gehört auch dazu, dass die Patienten am Ende eines meist schmerzvollen und langen Therapiemarathons wieder eigene Entscheidungen treffen. "Wer keine Blutkonserven mehr will, der bekommt sie auch nicht", sagt Angelika Berg. "Die Patienten sind die Bestimmer."

Christliche Antwort auf aktive Sterbehilfe

Das zähe Ringen um Selbstbestimmung ist das, was die palliative Versorgung auszeichnet; sie zurück zu gewinnen und zu erleben. Das Recht auf Selbstbestimmung manifestiert sich auch in einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom Juni 2010, das besagt: Die Patientenverfügung soll gelten – egal, ob sie nur mündlich ausgesprochen oder schriftlich verfasst wurde.

Doch der Wille eines Patienten kann auch manchmal sein, sterben zu wollen. In Belgien, Holland und der Schweiz ist die "Tötung auf Verlangen" legal. Zum Beispiel durch das Verabreichen einer Überdosis Schlafmittel. Die Kirchen in Deutschland lehnen diese Form der aktiven Sterbehilfe jedoch ab.

Das Markuskrankenhaus in Frankfurt ist eine Diakonieklinik, erhält finanzielle Zuschüsse der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau. Das Palliativzentrum ist deshalb Teil einer christlichen Antwort auf diejenigen, die aktive Sterbehilfe verlangen.

Nicht das Leben, sondern das trostlose Dasein aufgeben

Aus christlicher Perspektive könnten Menschen nicht beurteilen, wann ein Leben "sinnlos" geworden ist, sagt Kurt Schmidt. Er ist Theologe und gehört zum Ethikrat des Markuskrankenhauses. Sein Leitmotiv für die Diskussion in der Debatte um Sterbehilfe sieht er in dem Satz: "Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden." Es ist ein Satz aus der Geschichte der Bremer Stadtmusikanten. Die Tiere überzeugen sich damit gegenseitig nicht ihr Leben aufzugeben, sondern nur ihr trostloses Dasein.

Ein Stück Würde zurück zu bekommen, um das Leben wieder bejahen zu können und das Sterben als einen natürlichen Prozess zu betrachten, das ist auch der Grundsatz der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Zahlen belegen, dass sich Menschen, denen die palliative Medizin helfen kann, seltener den Tod wünschen.

Auf der Palliativstation im Markuskrankenhaus beobachten Pfleger, Ärzte, Seelsorger und Therapeuten meist genau das: Menschen fassen neuen Mut, lernen Loszulassen. Obwohl es Ziel des Teams ist, die Menschen wieder nach Hause oder ins Pflegeheim entlassen zu können, stirbt cirka ein Drittel der Patienten auf der Station.

Bis an der Welt Ende

Jeder Mensch, der wegen seiner unheilbaren, oft schmerzvollen und immer zum Tode führenden Krankheit auf die Station kommt, bewohnt ein Einzelzimmer. So wie im Flur hängen auch in den Zimmern Bilder in warmen Holzrahmen. Sie zeigen Landschaften und Wolken; Dinge, die weit weg sind, für manche hier unerreichbar.

Ernst Ehmer, 75 Jahre alt, hatte einen Tumor im Gallengang und eine ganze Patienten-Odyssee hinter sich, als er auf die Palliativstation kam. Sowohl er als auch seine Frau waren dankbar für die Zeit auf der Station. "Alles menschenmögliche wird hier für uns getan", sagte Ernst Ehmer, seine Frau nickte dankbar und wirkte dabei betroffener als ihr Ehemann, angesichts des nahen Endes. Mit strahlenden, blauen Augen schweifte Ernst Ehmer gestikulierend in Erinnerungen an seine Jugend ab, während seine Frau ihm mit traurigen Bewegungen den Rücken streichelte. "Wer nicht über seine Krankheit sprechen will, der muss das auch nicht", sagt Angelika Berg.

"Für die Angehörigen ist es meist schwerer loszulassen", sagt Seelsorgerin Andrea Klimm-Haag. Auch mit ihnen sprechen die Mitarbeiter der Station viel. Im Wohnzimmer der Station können sie zur Ruhe kommen. Viele Kranke würden erst sterben, wenn die Angehörigen das Zimmer verlassen, sagt Klimm-Haag.

Wenn Menschen auf die Station kommen, dann gäben sie oft keine Religionszugehörigkeit an. Dennoch gebe es bei vielen den Wunsch mit ihr zu sprechen, einen Halt zu finden. Klimm-Haag versucht diesen Halt zu geben, auch wenn sie nicht immer auf eine gemeinsame Glaubensgrundlage bei sich und den Patienten stößt. Doch die Seelsorgerin möchte es machen wie Jesus, sagt sie. Ihr Glaubenssatz: "Jesus sagt: Ich bin bei Euch aller Tage, bis an der Welt Ende."


Lilith Becker ist Mitarbeiterin bei evangelisch.de und arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt am Main.

Der vorliegende Text ist am 21. November 2010 erstmals auf evangelisch.de erschienen.