Suizid: Das Vermächtnis von Robert Enke ein Jahr danach

Suizid: Das Vermächtnis von Robert Enke ein Jahr danach
Die Trauer über seinen Tod wurde mit der bei Michael Jackson verglichen und der nach dem Unfall von Lady Diana. Am 10. November 2009 warf sich der Hannover-96-Profi und gelegentliche Nationaltorhüter Robert Enke an einem Bahnübergang im niedersächsischen Eilvese nahe seines Wohnorts Empede vor einen Zug.

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Rückblende: Der Freitod des 32-Jährigen, dessen kleine Tochter drei Jahre zuvor an einem Herzfehler gestorben war, sorgte weit über Deutschlands Grenzen für Bestürzung. Ein bevorstehendes Länderspiel gegen Chile wurde abgesagt. Nach der Trauerandacht am 11. November folgten geschätzte 35.000 Menschen dem anschließenden Trauermarsch. Bei der Gedenkfeier vier Tage später sprachen der damalige Ministerpräsident Christian Wulff und Hannovers Oberbürgermeister vor etwa 40.000 Trauergästen. Fünf Fernsehsender übertrugen die Veranstaltung live.

Auch der Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Theo Zwanziger, sprach - ohne Manuskript - bei der Gedenkfeier und rief Funktionäre, Fans und Verbände dazu auf "das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft zu brechen". Er mahnte: "Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen, des Nächsten, des Anderen. Das wird Robert Enke gerecht." Was ist daraus geworden?

"Prävention und Früherkennung"

"Der DFB ist ein Fußballverband, daraus ergeben sich gerade bei diesem sensiblen Thema eng gesteckte Grenzen des Machbaren", schränkt DFB-Sprecher Hackbarth auf Nachfrage ein. Er verweist jedoch darauf, seit Enkes Freitod sei durchaus etwas geschehen. Zwei Ansätze habe man entwickelt: "Die Enttabuisierung der Krankheit Depression auch in der breiten Öffentlichkeit voranzutreiben, aber auch im Leistungssport und Profifußball selbst Grundlagen der Prävention und der Früherkennung zu entwickeln."

Der Spitzenverband ist Mitgründer der Robert-Enke-Stiftung unter Vorsitz von Enkes Witwe Teresa Enke. Ziel der Stiftung ist gleichermaßen die verbesserte Aufklärung und Behandlung von Kinder-Herzkrankheiten und Erwachsenen-Depressionen. Zwei Drittel der Einnahmen in Höhe von gut 900.000 Euro stammen vom DFB, davon 200.000 Euro von der deutschen Nationalmannschaft und ihren Trainern.

"Wir halten das Thema in der Öffentlichkeit", schreibt der Stiftungs-Geschäftsführer Jan Baßler in einem Positionspapier. "Unsere Arbeit sorgt für wichtige Informationen, und zwar für beide Seiten: die Erkrankten und deren Umfeld."

"Menschen schöpfen Mut"

Baßler war für ein Gespräch in den vergangenen Tagen nicht erreichbar. Die Bilanz seiner Stiftung und auch des DFB im Umgang mit an Depression erkrankten Sportlern nimmt sich gleichwohl bei genauerer Betrachtung bislang bescheiden aus. Das Stiftungsvermögen in Höhe von anfangs 150.000 Euro beträgt derzeit etwa eine Million Euro.

Die Robert-Enke-Stiftung bestreitet daraus die Finanzierung einer sportpsychiatrischen Hilfskraft an der Universität Aachen und beteiligt sich mit 6.000 Euro jährlich an der Finanzierung einer Psychologen-Stelle am Kinder-Herzzentrum der Medizinischen Hochschule Hannover. Wichtiger allerdings: Das Engagement des DFB und der Stiftung breche Tabus auf, schreibt Baßler. "Menschen schöpfen Mut, über ihre Probleme zu sprechen."

Andreas Biermann sieht das ganz anders. "Geändert hat sich nichts", bilanziert der Fußballprofi, der früher für den FC St. Pauli spielte. Auch Biermann wollte sich umbringen, weil er den Druck, der auf ihm als Leistungsportler lastete, nicht länger aushielt. Nach Enkes Tod ging er an die Öffentlichkeit - und zahlte einen hohen Preis: Nach eigenem Bekunden nimmt ihn kein Verein mehr unter Vertrag.

Zwanzigers bewegende Appelle, das vielfach zu lesende Versprechen, depressiven Menschen mehr Verständnis entgegenzubringen? "Das waren nur Lippenbekenntnisse", befand der heute 30-Jährige kürzlich in einem Gespräch mit der "Welt am Sonntag". Seine Einschätzung: "Vielleicht wird erst in vielen Jahren anders mit dem Thema Depression umgegangen. Vielleicht auch nie." Biermann rät Spielern sogar ausdrücklich davon ab, öffentlich über ihre Krankheit zu sprechen - bleibt aber seinerseits ansprechbar, indem er auf seiner Webseite sowohl seine Mailadresse als auch seine Handynummer veröffentlicht.

Bekenntnisbuch angekündigt

Biermann hat erfahren, wie sehr es Betroffenen helfen kann, über ihre Krankheit zu sprechen, als am Tag nach Robert Enkes Tod seine Frau Teresa auf der Pressekonferenz offen über die Depressionen ihres Mannes sprach. "Es war, als hielt sie mir einen Spiegel vor", erinnert er sich. "Sie hat damit dafür gesorgt, dass ich meine Krankheit erkannt, sie meinem damaligen Trainer Holger Stanislawski anvertraut und mich anschließend in stationäre Behandlung begeben habe. Dafür bin ich ihr ewig dankbar." Der Fußballer ist in therapeutischer Behandlung, im Frühjahr 2011 erscheint sein Buch "Rote Karte Depression".

Auch Matthias Sammer rät depressiven Profis davon ab, sich zu outen. "Wenn wir es schaffen, zu Spielern, die spüren, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist, Vertrauen zu schaffen, dass sie zum Trainer gehen, dann ist das doch schon die höchste Form, die wir erreichen können. Die Öffentlichkeit sollten wir dabei weglassen", sagte der DFB-Sportdirektor vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit dpa.

In den Clubs gebe es aber inzwischen eine größeres Bewusstsein und eine steigende Wachsamkeit für Probleme der Fußballer. "Ich glaube, dass mit dem Thema mittlerweile sehr offen umgegangen wird und auch die Sensibilität für das Thema bei den Vereinen sehr groß ist", so Sammer. Mit Andreas Biermanns Erfahrungen deckt sich das nicht: Bis heute habe niemand gefragt, wie es ihm geht, sagt er und fügt desillusioniert hinzu: "Ich finde das schade."

Enkes ehemaliger Verein Hannover 96 wird in Zukunft in der Robert-Enke-Straße residieren - wenigstens dieses Vermächtnis des unglücklichen Mannes im Tor wird von Dauer sein.

Mit Material von dpa

Thomas Östreicher ist freier Mitarbeiter bei evangelisch.de.