Zu viel Rampenlicht für die Bergleute von San José

Zu viel Rampenlicht für die Bergleute von San José
Die verschütteten Bergleute in Chile werden im Laufe des Mittwochs und Donnerstags einer nach dem anderen aus dem Schacht gezogen. 11 Wochen lang harrten sie dort unten aus, während überirdisch nicht nur die Rettungsmaßnahmen anliefen. Auch die Medienmaschinerie hat sich des Themas bewältigt, so sehr, dass in Chile von kaum etwas anderem die Rede ist. Solveig Schrickel lebt in Concepción und wirft in einem Gastbeitrag ein Schlaglicht auf den Medienrummel um die Bergarbeiter.

Dienstag, 12. Oktober 2010, 14 Uhr Ortszeit: noch 6 Stunden fehlen bis zum offiziellen Beginn des Einsatzes der Kapsel "Phönix", der die 33 in knapp 700 Metern Tiefe verschütteten Minenarbeiter nach langen 77 Tagen endlich wieder ans Tageslicht bringen soll.

Etwa 300 direkte Familienangehörige warten in unmittelbarer Nähe in einem improvisierten Camp auf die Rettung ihrer Liebsten, knapp 2.000 Journalisten aus Chile und dem Rest der Welt warten auf das Spektakel, Parlamentarier und Ministern drängeln sich vor, um die massive Medienpräsenz auszunutzen und selbst Präsidenten sind sich nicht zu schade, ihr Regierungsprogramm dem Rettungs-Stundenplan zu unterzuwerfen. Der chilenische Präsident Piñera betete dafür, dass die Minenarbeiter noch vor dem 20. Oktober aus den Tiefen geholt werden können, weil er dann seine Europareise antreten muss und nicht dabei sein könnte. Der bolivianische Präsident Evo Morales kündete ebenfalls seine Anwesenheit an, um seinen Landsmann zu empfangen, den einzigen ausländische Kumpel in der verschütteten Mine.

Historische Bezeichnungen begleiten jeden Schritt der Rettung

Außerdem warten eine Truppe Psychologen, Psychiater, Ärzte, Verhaltensforscher und sonstige Experten sehnsüchtig auf die Rettung der Minenarbeiter, um diese einmalige Erfahrung gründlichst auszuwerten. Weltweit hat es noch nie so eine grosse und erfolgreiche Rettungsaktion gegeben, um 33 verschüttete Kumpel aus knapp 700 Meter Tiefe durch einen extra dafür gebohrten 65 cm breiten Schacht wieder ans Tageslicht zu bringen. Historische Bezeichnungen wie "Phönix" (die Kapsel, die jeden Minenarbeiter einzeln hochziehen wird), "D-day" (der Tag der Befreiung), Wiederauferstehung und so weiter begleiten jeden Schritt der Aktion, die Medienpräsenz (über 50 Journalisten pro Minenarbeiter!) machen die Bergungsarbeiten zu einem Spektakel, die inzwischen unter dem Rest der Bevölkerung einen Sättigungsgrad erreicht hat, der das ganze schon unangenehm aufstossen lässt.

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Anfangs waren die Nachrichten noch relativ diskret, man bangte um das Schicksal der verschütteten Minenarbeiter und kaum einer glaubte nach 14 Tagen noch daran, sie lebend zu finden. Selbst der Bergbauminister glaubte wohl nicht so recht daran, ihm versagte anfangs in einer öffentlichen Stellungnahme die Stimme, so als müsste er Tote beklagen. Die Familienangehörigen glaubten aber felsenfest an Wunder, Schutzheilige, Jungfrau Maria oder Gottes Hand, je nach dem, welcher Kirche sie angehören.

Ganz Chile litt mit und der Freudentaumel war wirklich riesig, als bekannt wurden, dass sich alle 33 Kumpel nach dem Einsturz des Hauptstollens unverletzt in einen tiefer gelegenen Notraum bergen konnten, wo auch Nahrungsmittel und Wasser für eine bestimmte Zeit eingelagert waren. Wie nach der Qualifizierung zur zweiten Runde der Fussballweltmeisterschaft!

Der Medienrummel geht vielen auf die Nerven

Hier in Chile gibt es wohl niemanden, der sich nicht über die Rettung der Kumpel freut. Niemand hat die Unsummen an Geld kritisiert, die für ausländische Bergbautechnologien ausgegeben wurden, um den Rettungsstollen in Rekordfrist zu bohren. Dass das Ganze aber dermassen aufgebauscht und von Massenmedien und Politikern schamlos ausgenutzt wird, um sich ins Rampenlicht zu stellen, geht sehr vielen auf die Nerven.

Momentan wird in jedem zweiten Radio und jedem chilenischen Fernsehkanal fast 24 Stunden live über die Rettungsaktion berichtet, seit Tagen übertüncht dieses Geschehen alle anderen Nachrichten: über die Arbeitsverhältnisse in den Minen wird kaum noch diskutiert, der Hungerstreik der Mapuche ist beendet und somit in Vergessenheit geraten, die 300 tödlichen Arbeitsunfälle der letzten Jahre in den chilenischen Minen wären ein Störfaktor im Medienspektakel und der viel zu langsam laufende Wiederaufbau nach dem Erdbeben in Süd-und Mittelchile, beziehungsweise die wachsende Arbeitslosenzahl sowie Armut im Krisengebiet ist sowieso schon keine Nachricht mehr wert.

Am Mittwoch und Donnerstag werden die Kumpel wieder ans Tageslicht gebracht, medizinisch untersucht, psychologisch betreut, mit ihren Familien zusammengeführt und dann werden die Medien auf sie losgelassen. Unzählige Einladungen in Fernsehshows, Interviews in Zeitungen und Zeitschriften und selbst Einladungen ins Ausland und Pläne, ihr Leben zu verfilmen, existieren schon. Arme Minenarbeiter: Der Schock, wieder in die Realität zurückzukommen wird wohl schlimmer als die Verschüttung selbst.


Die Autorin Solveig Schrickel arbeitet in einem humanitären Projekt der chilenischen Methodistenkirche in Concepción (Südchile), das maßgeblich vom Basler Missionswerk Mission 21 unterstützt wird.