Deutschlands Jobwunder ist kein Strohfreuer

Deutschlands Jobwunder ist kein Strohfreuer
Selten hat eine Wirtschaftsentwicklung Ökonomen vor mehr Rätsel gestellt: Erst blieb die vielfach erwartete schwere Jobkrise aus, dann war der anschließende Boom auf dem Arbeitsmarkt wider Erwarten kräftig. Kein Wunder, dass selbst die Bundesagentur für Arbeit (BA) fast ein Jahr brauchte, bevor sie sich zaghaft zum deutschen Jobwunder bekannte. "Die Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt überraschen uns etwas. Es ist völlig klar, dass die Entwicklung besser als befürchtet ist", sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise am Donnerstag, nachdem er in den Monaten zuvor beharrlich vor drohenden Rückschlägen gewarnt hatte.

Klar ist: Nach einer rasanten Erholung der deutschen Wirtschaft spricht inzwischen kein seriöser Experte mehr von einem Strohfeuer auf dem Arbeitsmarkt. Vielmehr überbieten sich Konjunkturforscher mit Positiv-Prognosen. So rechnet die Denkfabrik der Bundesagentur, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), für das kommende Jahr im Durchschnitt mit einer Arbeitslosigkeit von
2,96 Millionen. Das würde bedeuten, dass die Zahl der Erwerbslosen im Frühjahr und Herbst 2011 auf neue historische Tiefstände rutscht.

Einen Vorgeschmack darauf lieferte bereits dieser September, in dem die Arbeitslosigkeit um 157 000 auf 3,031 Millionen sank. Der traditionell nach der Sommerpause einsetzende Herbstaufschwung fiel damit deutlich kräftiger aus als im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Volle Auftragsbücher bei vielen Unternehmen, beispielsweise im deutschen Maschinenbau mit einem 45-prozentigen Auftragsplus im August, führten im Spätsommer zu einer Einstellungswelle. Kaum noch ein Thema ist da die Kurzarbeit. Nach den jüngsten Zahlen vom Juli lag die Zahl der Kurzarbeiter nur noch bei 288.000.

Kurzarbeit als Erfolgsrezept

Dabei gilt das Instrument als Erfolgsrezept des deutschen Jobwunders. Die Strategie der Regierung, Unternehmen mit milliardenschweren Subventionen an der Entlassung eingearbeiteter Fachkräfte zu hindern, hat sich als sinnvoll erwiesen. Neue Aufträge können nun ohne Verzug abgearbeitet werden. Das bestätigte am Donnerstag auch der designierte Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Thomas Lindner. "Der Anstieg in manchen Branchen wäre bestimmt nicht zu bewältigen, wenn jetzt die eingearbeiteten Fachkräfte nicht da wären", erklärte er.

Das Nachsehen haben derzeit allerdings Arbeitslose in Ostdeutschland: Der dortige Mangel an exportorientierter Industrie - in der Finanz- und Wirtschaftskrise ein Vorteil - erweist sich nun im Boom als schweres Handicap. Zum Beginn des Herbstaufschwungs offenbart sich das Problem deutlich: Der Osten hat im September kaum vom Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit profitiert - ein Hinweis auf die dortige Konjunkturschwäche.

Aus der Statistik gefallen

Schließlich wird der Glanz des aktuellen Job-Booms auch bei einem genaueren Blick in die Statistik getrübt. So haben - neben den Hartz- Reformen, einer Runderneuerung der Arbeitsvermittlung und der Konjunkturerholung - auch Statistikänderungen die Arbeitslosenzahlen gedrückt. Allein die seit 2009 geltende Praxis, von privaten Vermittlern betreute Langzeitarbeitslose nicht mehr als arbeitslos einzustufen, hat die Zahl der offiziell Arbeitssuchenden im September um 70.000 verringert. Rechnet man auch noch die übrigen Jobsucher hinzu, die Trainingskurse und Weiterbildungsangebote nutzen oder einen Ein-Euro-Job haben, suchten im September 4,13 Millionen Männer und Frauen eine Arbeit.

dpa