Ramadan-Feier: Özkan wirbt für Integration

Ramadan-Feier: Özkan wirbt für Integration
Beim traditionellen Fastenbrechen lockt die Integrationsministerin als Hauptrednerin mehr Gäste als bislang zu der Feier, die erstmals statt in der Moschee in einem großen Hotel organisiert wird.

Als kurz nach 18.30 Uhr die Tür aufgeht und Aygül Özkan den Speisesaal betritt, atmet Avni Altiner auf. Zwar hatte der Vorsitzende der Schura Niedersachsen die feste Zusage des Ehrengastes. Doch ganz sicher konnte er sich nicht sein, dass Özkan denn auch wirklich am Fastenbrechen im Maritim Hotel in Hannover teilnehmen würde. Denn nur ein paar hundert Meter von der Nobelherberge entfernt gab es am Mittwochabend eine Konkurrenzveranstaltung, an der die Integrationsministerin nicht fehlen konnte: das Plenum des niedersächsischen Parlaments.

Und so bangte Altiner, dass der Stuhl der türkischstämmigen CDU-Politikerin frei bleiben könnte, zumal sie ein paar Tage zuvor ihre Teilnahme am Fasten-Mahl in Delmenhorst kurzfristig absagt hatte. Dass die junge Ministerin einen "dringenden Termin" als Grund angab, hat die Ausrichter des Iftar-Essens in Delmenhorst gewiss nicht wirklich getröstet. Denn am Ende konnten sie eben nicht auftrumpfen mit einem so hochrangigen Gast.

Die Schura Niedersachsen, ein Zusammenschluss von mehr als 80 muslimischen Vereinen und Gruppen unterschiedlicher Rechtsschulen, hingegen schon. Dies wiederum wird den Gastgebern des Iftar-Essens, das für tags darauf ebenfalls in Hannover anstand, sauer aufgestoßen sein: Die Merkez-Moscheegemeinde, die der türkisch-islamischen Organisation Ditib angehört. Diese Gemeinde bekam nämlich eine Absage aus dem Büro der CDU-Politikerin. "Weil es sich zeitlich nicht einrichten lässt", wie ihr Sprecher Thomas Spieker erklärte.

Kinder so früh wie möglich fördern

Im Speisesaal des "Maritim"-Hotels spricht die Ministerin, die als Tochter türkischer Gastarbeiter in Hamburg aufwuchs und Jura studierte, vor etwa 130 Gästen und richtet eine Botschaft an alle Muslime in diesem Land; Özkan fordert die muslimischen Eltern auf, ihren Nachwuchs in Kindertagesstätten zu schicken. "Sorgen sie dafür, dass ihre Kinder so früh wie möglich professionell gefördert werden und damit optimal vorbereitet die Schullaufbahn beginnen können." Aus eigener Erfahrung wisse sie, wie wichtig das ist, sagt die 39-Jährige, die der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff im Frühjahr in sein Kabinett geholt hatte.

Der Appell der Integrationsministerin ist durchaus im Sinne des Gastgebers. Denn mit "warmen Worten allein" möchte sich die Schura nicht begnügen, wie Vorsitzender Altiner klarstellt. "Wir Muslime möchten, dass Tacheles miteinander geredet wird", sagt der 43-Jährige. Und aus eben diesem Grund war das Programm des Iftar-Empfangs anders gestaltet als land auf, land ab üblich. Es gab keine Ansprachen "mit warmen Worten", sondern eine Podiumsdiskussion zum Thema "Religion in der Öffentlichkeit" - mit Bülent Uçar, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück, Landesrabbiner Jonah Sievers, Pfarrer Hans-Joachim Osseforth, stellvertretender Dechant der Region Hannover, und Christian Sundermann, Superintendent im Evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverband.

Anderen Religionen die Hand zum Dialog reichen

Gut möglich, dass auch andere muslimische Verbände und Vereine es der Schura Niedersachsen nachahmen und sich im nächsten Jahr um ein attraktiveres Programm bemühen werden. Denn Iftar-Empfänge mit andersgläubigen Gästen aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben sind inzwischen immer wiederkehrende Aktivitäten der Moscheegemeinden und islamischen Organisationen. Konkurriert word nicht nur um die hochrangigsten Personen auf der Gästeliste, sondern inzwischen auch um die repräsentativen Orte, in denen die Iftar-Feste ausgerichtet werden.

Der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) veranstaltet nach eigenen Angaben seit etwa 25 Jahren Iftar-Essen mit Gästen aus Politik, Kirche und Gesellschaft und nimmt für sich in Anspruch, diese Tradition angestoßen zu haben. "Es freut uns, dass das Iftar-Essen zu einem gesellschaftlichen Event geworden ist, damals hätte dies niemand geahnt", sagt Erol Pürlü als Dialogbeauftrager des VIZK.

"Wir Muslime sind selbstbewusster geworden"

Inzwischen gibt es im Fastenmonat Ramadan fast täglich in Klein- und Großstädten Iftar-Empfänge. Diese Entwicklung führt Schura-Vorsitzender Altiner auch darauf zurück, dass "wir Muslime inzwischen selbstbewusster geworden sind und uns nunmehr trauen, Politiker und Persönlichkeiten aus der Mehrheitsgesellschaft einzuladen". Und dies im Sinne der religiösen Gebote; denn der Fastenmonat Ramadan gilt als eine Zeit, in der die Gastfreundlichkeit und Wohltätigkeit im Vordergrund steht.

Die Tradition, Familienangehörige, Freunde und Nachbarn zum gemeinsamen Fastenbrechen einzuladen, wurde nach und nach auf den Kreis der christlichen Dialogpartner und Ansprechpartner in der Politik erweitert, "um gemeinsam feierlich zu essen und ihnen die islamische Religion und Kultur näherzubringen und sich gegenseitig besser kennen zulernen", wie Pürlü erklärt. Über die Jahre hat sich die Teilnahme von nichtmuslimischen Persönlichkeiten an Iftar-Essen gesteigert; so füllen die vielen Gäste mittlerweile große Speisesäle renommierter Hotels. Diese gesellschaftlichen Ereignisse tragen, so die gängige Ansicht in den muslimischen Gemeinden, zur Akzeptanz des Islams und Muslime in diesem Land bei.

Politik spielt bei Iftar-Empfängen immer eine Rolle

Um den interreligiösen Dialog allein geht es bei diesen Empfängen aber längst nicht mehr, das wissen die Verbandsvertreter, auch wenn es keiner offen aussprechen möchte, denn das würde sich "negativ auf die Gästeliste auswirken".

So manchem muslimischen Gastgeber fällt es nämlich schwer zu glauben, dass ein CDU-Politiker ganz ohne Hintergedanken mit am Tisch sitzt. Spätestens seit Wahlforscher das Potential stimmberechtigter Muslime in diesem Land zum Thema machten, werden Gelegenheiten öffentlicher Auftritte in muslimischen Kreisen von Politikern aller Parteien gern wahrgenommen. Einen ersten Boom bei Iftar-Empfängen gab es im vergangenen Jahr. Da fiel der Fastenmonat Ramadan nämlich in die Zeit vor den Bundestagswahlen. Sei es in Berlin, Frankfurt, Hannover oder anders wo: Politiker ließen es sich nicht nehmen, an den Essen teilzunehmen und bei den Ansprachen auch dafür zu werben, das Kreuzchen an entsprechender Stelle zu machen.

Imame in Deutschland ausbilden

Parteipolitik, wenn auch indirekt, betrieb bei ihrem Auftritt im Maritim-Hotel auch Integrationsministerin Özkan. Sie erklärte, dass sie sich dafür einsetzen werde, dass Imame künftig in Deutschland im Rahmen eines Bachelorstudiengangs ausgebildet werden. Da hat sie die Muslime auf ihrer Seite, denn dass aus den Herkunftsländern Imame ohne Kenntnisse der Sprache und der Gesellschaft in den Moscheegemeinden tätig sind, missfällt nämlich nicht allein Vertretern der Mehrheitsgesellschaft.

Ob in Delmenhorst, wo der Gastgeber eine Moschee der vom Verfassungsschutz beobachteten Islamischen Gemeinde Milli Görüs war, oder in Hannover beim Mahl der Schura Niedersachsen, die vor etwa zehn Jahren als Ansprech- und Verhandlungspartner der niedersächsischen Politik ins Leben gerufen wurde: Bei den Iftar-Empfängen spielt Politik immer eine Rolle. Mal mehr, mal weniger offensichtlich.


 privat

Canan Topçu lebt und arbeitet als Journalistin und Buchautorin in Frankfurt am Main und arbeitet unter anderem für die "Frankfurter Rundschau".