"Im Computerspiel rennt schon mal einer vor"

"Im Computerspiel rennt schon mal einer vor"
Ein neues Gütesiegel kennzeichnet seit diesem Jahr pädagogisch wertvolle Spiele. Pädagogisch wertvoll spielen geht allerdings auch anders: Der Verein "Waldritter" aus dem Ruhrgebiet schickt Spieler nahtlos von der digitalen in die analoge Welt.

Auf der Gamescom in der Halle 8 stehen drei mannshohe, dunkle Zelte. Von außen sind sie unspektakulär, drinnen geht die Post ab. Ein Krieger, ein Magier und ein Elf können dort ein kleines Abenteuer erleben. Krieger, Magier, Elf? Das gibt’s auf der Gamescom an jeder Ecke. Aber hier ist das Erlebnis echt, nicht nur digital.

Die Zelte sind der "Dungeon 2 Go", ein Projekt des Vereins "Waldritter" aus Castrop-Rauxel. Drei Räume voller Abenteuer warten hier auf erlebnishungrige junge Gamescom-Besucher zwischen sechs und 16 Jahren. "Wir machen Erlebnispädagogik im Wald", erklärt Daniel Steinbach, der junge Geschäftsführer des Vereins, nur dass es auf der Messe natürlich keinen Wald gibt. Sonst aber gehen die "Waldritter" mit regelmäßigen Gruppen, immer zweieihalb Stunden in der Woche, in Ferienprogrammen, an Schulen und in der Behindertenarbeit mit Kindern und Jugendlichen raus und lassen sie eine Fantasiewelt live erleben.

Analoge und digitale Jugendwelten vermischt

Daniel und seine Mitstreiter sind Liverollenspieler, ursprünglich ohne Schnittstellen zur digitalen Welt. Die regelmäßigen Spielrunden mit Kindern waren aus einem Fantasy-Spiel im Sommer 2007 entstanden, in einem Maisfeld in Rosbach vor der Höhe (bei Frankfurt), komplett mit mittelalterlichen Fantasy-Kostümen und Schaumstoff-Schwertern. "Danach haben die Eltern gefragt: Kann man so was nicht öfter machen?" Normalerweise ist Liverollenspiel sehr aufwendig, ein Spiel dauert ganze Wochenenden.

Daniel und die "Waldritter" dachten sich einen Weg aus, wie man auch zweieinhalb Stunden in der Woche damit verbringen kann, sich draußen eine neue Welt zu erspielen – klassische analoge Jugendarbeit. Dann kam das "Quest in Mittel-Mühlheim", eine pädagogische Erlebniswoche mit dem Computerprojekt Köln und der Fachhochschule Köln. In fünf Jugendzentren gleichzeitig spielten 70 Jugendliche das Computerrollenspiel "Gothic II". "Daraus haben sie sich dann Charaktere ausgedacht, sich selbst die Ausrüstung gebaut, mit Theater-Pädagogen ihre Charaktere weiterentwickelt und am Ende ein großes gemeinsames Liverollenspiel gemacht", fasst Daniel Steinbach zusammen.

Im echten Dungeon rennt keiner einfach vor

Die Waldritter waren von der Aktion begeistert. Also setzten sie sich mit dem Institut Spielraum der Fachhochschule Köln und dem Computerprojekt Köln zusammen und entwickelten gemeinsam den "Dungeon 2 Go", der auch auf der Gamescom steht. Im Grunde ist er die Kurzversion des eine Woche langen Quests: Drei junge Spieler und Spielerinnen spielen am Computer gemeinsam ein Level des Rollenspiels "Neverwinter Nights". Einer ist Krieger, einer ist Elf, einer ist Magier. Dann ziehen die drei sich Kostüme an und spielen gemeinsam ihre Rollen aus dem Spiel in der Wirklichkeit weiter. In jedem der drei Räume erwartet sie eine Herausforderung, die einer der drei bewältigen muss – immer mit Hilfe der anderen.

"Unser Ziel ist, dass sie sehen, was man in real alles machen kann", erklärt Daniel. Die Spielerfahrung ist viel eindrücklicher, wenn sie nicht nur am Computer passiert: "Der Schwertkämpfer im Dungeon, auf den die Spieler treffen, hat einen stärkeren Effekt als der Riese im Computerspiel, weil er echt ist." Dadurch erleben die Jugendlichen einen viel stärkeren Gruppenzusammenhalt, auch weil die Aufgaben im Dungeon sich nur gemeinsam lösen lassen: "Wenn sie das Computerspiel spielen, rennt auch mal einer ohne die anderen vor", berichtet Daniel. "Im Dungeon passiert das nicht."


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und berichtet von der Gamescom in Köln.