Der Hamburger Schulkampf und die ungelösten Probleme

Der Hamburger Schulkampf und die ungelösten Probleme
Von wegen Schwamm drüber: Nach dem Hamburger Nein zum längeren gemeinsamen Lernen geht die Auseinandersetzung in Deutschland über das beste Schulmodell weiter.

Am Tag nach dem Sieg kramten CDU-Kultusminister wie Philologen altes Kampfvokabular aus den Mottenkisten vergangener Schulkämpfe hervor: "Abwehr der Einheitsschule" und "Schluss mit den ideologischen Experimenten" - als wären sie selbst frei von jeder Ideologie. Mit dem klaren Ausgang des Hamburger Volksentscheides gegen eine sechsjährige gemeinsame Grundschule ist wieder einmal eine Schulschlacht geschlagen. Doch die Probleme im deutschen Schulsystem bleiben weiter ungelöst.

Dabei hat der erst vor vier Wochen vorgelegte neue Bundesländer-Schulleistungsvergleich erneut die hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland belegt. Auch bei gleichen Leistungen in der wichtigen Schlüsselkompetenz Lesen und Textverständnis hat ein Kind aus der Oberschicht gegenüber einem Gleichaltrigen aus einer Facharbeiterfamilie ein viereinhalbmal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Dabei ist in Bayern und Baden-Württemberg dieses soziale Bildungsgefälle besonders ausgeprägt.

Bei Zehnjährigen keine Prognose möglich

Außer in Deutschland und Österreich werden in keinem anderen Industriestaat der Welt Kinder bereits nach vier gemeinsamen Schuljahren auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt. Sechs Jahre sind international Mindeststandard. Kaum noch aufzuzählen sind inzwischen die zahlreichen Untersuchungen über die Problematik, bei einem zehnjährigen Kind eine treffsichere Prognose für die weitere Schullaufbahn abzugeben, wie unsicher und häufig unwohl sich Grundschullehrer dabei fühlen und wie sehr Elternerwartungen und soziale Stellung dabei Einfluss nehmen.

Doch mit der in Hamburg gescheiterten Ausweitung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre hat die schwarz-grüne Koalition vergeblich am größten Tabuthema der deutschen Schulpolitik gerüttelt. Seit nahezu 100 Jahren wird dazu in der Pädagogik wie in der deutschen Bildungspolitik erbittert gestritten. Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 brachte zwar für ganz Deutschland eine vierjährige gemeinsame Schulzeit für die Kinder aller Bevölkerungsschichten. Doch alle Bestrebungen, diese Zeit auszuweiten, scheiterten bisher - sieht man von den Ausnahmen in Berlin und Brandenburg ab.

Saarland im Blickpunkt

Nach dem Hamburger Scheitern zielt der Blick jetzt auf das Saarland, wo das schwarz-grün-gelbe Jamaika-Bündnis unter CDU-Regierungschef Peter Müller sich im Koalitionsvertrag auf eine fünfjährige Grundschulzeit verständigt hat. Nach den jüngsten Hamburger Erfahrungen will Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne) nun noch behutsamer vorgehen als bisher geplant. Kessler will nicht nur die Eltern und Lehrer, sondern vor allem die Bürgermeister der Gemeinden für das Projekt gewinnen.

Doch bei den einzelnen Schulen vor Ort hat inzwischen längst ein Kampf um jeden Schüler eingesetzt. Im Vergleich zu 1990 gibt es heute infolge des Geburtenknicks bundesweit fast 20 Prozent weniger Schüler. Da geben die Schulen nicht gern eine ganze Jahrgangsstufe komplett ab. Denn dabei geht es an den Gymnasien unter anderem auch um die Zahl der besser dotierten Beförderungsstellen, die sich in der Regel an der Schulgröße orientieren.

Viele Eltern gegen Schulzeitverkürzung

Die in den vergangenen Jahren auch im alten Bundesgebiet erfolgte Schulzeitverkürzung bis zum Abitur hat auch den Hamburger Schulkonflikt befeuert. Viele Anhänger des Gymnasiums sehen sich nach wie vor um diese 13. Klasse beraubt. Laut Umfragen würden Eltern dies am liebsten wieder rückgängig machen. Doch bei einem Abtrennen auch der fünften und sechsten Klasse wäre den Gymnasien nur noch eine sechsjährige Rumpfzeit geblieben - anstatt neun Jahre wie zuvor. Dies erklärt auch, warum mancher Gesamtschulbefürworter von einer verlängerten Grundschulzeit gar nicht so angetan ist und sich die Mobilisierung der Schulreformer gegen den Volksentscheid in Grenzen hielt.

Der jetzt entschiedene Hamburger Kulturkampf um das Gymnasium wird gern mit den Auseinandersetzungen um die 1978 in Nordrhein-Westfalen gescheiterte Einführung der "Kooperativen Schule" verglichen. Damals wollte eine SPD-FDP-Koalition in dem Bundesland flächendeckend eine schulformunabhängige Orientierungsstufe mit den Klassen fünf und sechs etablieren. Auch dieses Vorhaben wurde mit einem Volksbegehren zu Fall gebracht. Die Folgen waren jahrzehntelanger Stillstand bei jeglichen Reformbemühungen in der Schulpolitik.

dpa