Jens Böhrnsen: Staatsoberhaupt für 30 Tage

Jens Böhrnsen: Staatsoberhaupt für 30 Tage
Mit einem Paukenschlag trat Horst Köhler als Bundespräsident zurück. Nun führt Jens Böhrnsen, Bremer Bürgermeister und Bundesratsvorsitzender, die Geschäfte solange, bis ein Nachfolger für Horst Köhler gewählt ist. Hanseatisches Unterstatement und eine ausgeprägte soziale Ader zeichnen den kommissarischen Bundespräsidenten Jens Böhrnsen aus.

Um den Hals des Bremer Roland, wo zum Auftakt des Volksfestes "Freimarkt" alljährlich ein Lebkuchenherz prangt, hing diesmal ein handgemaltes Schild: "Hurra! Wir sind Präsident!" Der Rücktritt Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten hat den Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen über Nacht ins bundespolitische Rahmenlicht gestellt. Als Präsident des Bundesrates fällt ihm laut Verfassung die Aufgabe zu, das höchste Amt im Staat zu übernehmen, bis innerhalb von 30 Tagen ein neuer Bundespräsident gewählt ist.

"Jens wer?", fragte man sich dagegen in anderen Teilen der Republik. Die Frankfurter Rundschau lästerte, der Bremer Landesvater sei bisher höchstens Politikjunkies ein Begriff gewesen. In Bremen indes hat Böhrnsen seinen schillernden Vorgänger Henning Scherf in Sachen Beliebtheit beinahe eingeholt. Wo Scherf jeden und gerne auch politische Gegner stürmisch umarmte, ist von Böhrnsen höchstens ein fester Händedruck zu erwarten. Stets mit hanseatischer Zurückhaltung, kultiviert, ausgeglichen und ausgleichend - so kennt man den 60-Jährigen. Als er einmal entnervt die Linksfraktion in der Bremischen Bürgerschaft als "wild zusammengewürfelten Haufen" bezeichnete, zogen Kommentatoren schon verwundert die Augenbrauen hoch angesichts des Temperamentsausbruchs. "Ich habe Politik immer als ernsthafte Angelegenheit verstanden und nicht als Event", sagte er in einem Interview, und man glaubt ihm aufs Wort.

Scherf hinterließ große Fußstapfen

Es waren große Fußstapfen, in die Jens Böhrnsen 2005 trat, als sich Scherf aus der Politik zurückzog. Still und überraschend deutlich setzte sich der damalige Vorsitzende der SPD-Bürgerschaftsfraktion bei einer parteiinternen Abstimmung gegen den umtriebigen Ex-Werder-Manager und heutigen UN-Sonderberater für Sport, Willi Lemke, durch. Nach der Bürgerschaftswahl 2007, die die SPD wie bisher noch jede Wahl seit der Gründung des Bundeslandes für sich entschied, beendete Böhrnsen die von Scherf favorisierte große Koalition. Seitdem steht er der einzigen rot-grünen Regierung der Republik vor.

Sparen ist das Dauerthema in Bremen. Wirtschaftlich ist der Zwei-Städte-Staat ertragsstark, doch die Steuern der 80.000 Pendler, die jeden Morgen aus dem niedersächsischen Umland anreisen, gehen am Staatssäckel vorbei. Böhrnsen fordert unermüdlich die Solidarität des Bundes für die armen Stadtstaaten ein, zuletzt kämpfte er gegen die Steuersenkungspläne der Regierung.

Seine Wurzeln liegen im Arbeiterstadtteil Gröpelingen, wo seinerzeit der Bremer Hafen war. Böhrnsen betont seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu nicht, doch sie verleiht ihm Glaubwürdigkeit. Sein Vater, Betriebsrat und SPD-Politiker, hat unter den Nazis im Gefängnis gesessen. Der Sohn studierte Jura in Kiel, was für ein Arbeiterkind in den sechziger Jahren alles andere als selbstverständlich war. Zurück in Bremen wurde er Richter am Verwaltungsgericht. Politisch ist er eher ein Spätzünder, erst 1995 wurde er in die Bürgerschaft gewählt. Während des Wahlkampfs 2007 galt ihm das Mitgefühl der Bremer, als seine Frau Luise Morgenthal plötzlich starb. Böhrnsen sagte zwei Wochen lang alle Termine ab, dann machte er weiter. Heute ist die Schulleiterin Birgit Rüst die Frau an seiner Seite, er hat zwei erwachsene Kinder.

Für Mindestlohn, gegen die Agenda 2010

Im vorigen Jahr schüttelte der Bürgermeister auf dem Marktplatz symbolisch Betten auf, um die Bremer zu motivieren, den Kirchentagsbesuchern ihre Sofas und Gästebetten zu beziehen. "Menschenfreundliche Haltungen und Visionen, in denen sich die Ehrfurcht vor dem Menschen und der Natur spiegelt" forderte der Gastgeber in seiner Eröffnungsansprache zum 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Das sind Leitlinien, die sich in seiner Politik nachvollziehen lassen: Böhrnsen streitet für den Mindestlohn und gegen die umstrittenen Affenversuche an der Bremer Universität, er kritisiert die Agenda 2010 und die Rente mit 67. Mit harschen Worten hat er Dieter Bohlens Casting-Zirkus aus dem Rathaus gewiesen. Seine Kritiker, von denen es nicht allzu viele gibt, bemängeln, dass er zu gerne den Gutmenschen gibt und die Konflikte in Bremen von anderen austragen lässt.

Seit er den Spagat zwischen Bremen und Berlin bewältigen muss, bemüht sich Jens Böhrnsen, nicht zu präsidial aufzutreten. Er zeigt nach wie vor viel Präsenz in Bremen. Statt als Staatsoberhaupt zur Fußball-WM zu reisen, kündigte er an, sich die Spiele auf dem heimischen Fernseher anzusehen - oder beim Public Viewing auf dem Domshof.


Annedore Beelte ist freie Journalistin in Oldenburg.