"Day of Song": Botschaft für Millionen

"Day of Song": Botschaft für Millionen
„Ich bin sprachlos.“ Es ist nicht mehr weit bis Mitternacht, als Steven Sloane seinen Glücksgefühlen freien Raum lässt. Der Künstlerische Leiter des Finales von „!Sing Day of Song“ hat das bislang spektakulärste Projekt der Kulturhauptstadt Europas Ruhr 2010 in der Arena auf Schalke über die Bühne gebracht.

Eine „Bühne“ ohne Beispiel: drei pyramidenähnliche Podeste in einem 360-Grad-Konzept, unter dem Hallendach der wuchtige Videowürfel, quasi Sloanes Regie- und Dirigentenpult für diesen Abend. 55.000 Sängerinnen und Sänger, davon 8.000 fest platziert im Innenraum, die Bochumer Symphonikern, das ChorWerk Ruhr und weitere Vokalensembles sowie die Gesangsstars Vesselina Kasarova und Bobby McFerrin sowie die Acappella-Gruppe Wise Guys haben Europas Fußballoper für drei Stunden in ein emotionales „Glücksgebiet“ verwandelt. Von dem schwärmt Herbert Grönemeyer in seiner Revierhymne „Komm zur Ruhr“, die von allen im Finale dieses grandiosen Konzertabends so emphatisch gesungen wird, als gelte es nach über 50 Jahren eine deutsche Meisterschaft von Schalke 04 zu feiern.

Endlich haben die Macher von Ruhr2010 das Event, das Strahlkraft nicht nur nach außen, sondern gerade nach innen vermittelt. „Eine Region“, freut sich sichtlich beglückt Geschäftsführer Oliver Scheytt, „hat gezeigt, was sie kann.“ Die für ein Wochenende zum universalen Klangraum gewordene Idee habe „ideal ins Konzept gepasst“. „Ausgerechnet“ Chöre, um an ein verbreiteten Vorurteilen gegenüber diesem Genre in Deutschland anzuknüpfen, vermögen einer historisch fragmentierten Region im Strukturwandel so etwas wie Identität zu schenken.

Ein Mammut

Da nun mal aus „kleinen Anfängen ein Mammut“ geworden sei, beeilt sich Ko-Geschäftsführer und Ex-WDR-Intendant Fritz Pleitgen die Arena an der A2 als Austragungsstätte für den Eurovision Song Contest im kommenden Jahr ins Spiel zu bringen. Lena auf Schalke 2011 – wer will da noch das Stereotyp von Tristesse hinter Abraumhalden und ehemaligen Zechentürmen bemühen?

An diesem sonnenüberfluteten Wochenende im Zeichen eines kollektiven Gemeinschaftserlebnisses war zwischen Bergkamen und Wesel ohnehin das Gegenteil angesagt. Den ganzen Tag agierten Chöre aus der Region auf Straßen und Plätzen, in Fabrikhallen und Einkaufszentren, in Kirchen und Kulturzentren, unter Tage in U-Bahnen und selbst zu Wasser. In Nordsternpark Gelsenkirchen begrüßte die Chorcommunity den Sonnenaufgang. Der Gasometer in Oberhausen war um Mitternacht Schauplatz einer musikalischen Sternstunde. In Dortmund ging ein Polizeichor „auf Streife“, auf dem Rhein-Herne-Kanal ein Journalistenchor auf Fahrt. Mehr als eine Million Menschen – so die Schätzung des Projektteams – war in den Städten der Region Ohr und Stimme, als zum Auftakt um 12.10 Uhr das Steigerlied „Glück auf“ intoniert wurde.

26.000 Sängerinnen und Sänger

Rund 750 Chöre, darunter 30 Partnerchöre aus 14 Nationen, haben sich in den Klangraum Ruhr mit 26.000 aktiven Sängern bei 600 Auftritten eingereiht. Ein Chor kam aus den USA, einer aus Nicaragua. Mit dem Bela Bartok Chor aus Pécs und der Acapella Group 34 aus Istanbul traten Ensembles beim !Sing-Finale auf, die die weiteren Kulturhauptstädte Europas - neben Essen 2010 - repräsentierten.

Die !sing-Macher dachten in der Stunde der Superlative über den Tag hinaus. Das Projekt soll Folgen haben. „Es sind Netzwerke entstanden, die weiter leben wollen und sollen“, äußerte sich Projektleiterin Benedikte Baumann programmatisch. Man wolle Mut machen, die eigene Stimme zu entdecken, zu singen und vor allem in Gemeinschaft zu singen. Es ist die eigentliche Botschaft dieses Abends, die sich an Millionen richtet. Sie soll vor allem von jenen gehört werden, die bei der erhofften Reaktivierung einer Alltagskultur einen offensiven Part übernehmen könnten: Schulen, Eltern, Organisationen, vielleicht auch Medien. Wie denn sonst einen 16jährigen erreichen, der für Skateboard und in Facebook lebt, gerade noch von der Musik eines Xavier Naidoos berührt wird.

Gustav Mahlers "Sinfonie der Tausend"

Apropos: Wie heißt es in Naidoos „Was wir alleine nicht schaffen“, hinreißend interpretiert von der Entdeckung des Abends, vom Mädchenchor Scala aus Aarschot in Belgien, geleitet von den Pianistenbrüdern Stijn und Steven Kolacny. „…das schaffen wir dann zusammen. Nur wir müssen geduldig sein.“ Diese Geduld wird vorerst nicht auf eine harte Probe gestellt. Für den 12. September steht in der Kraftzentrale Duisburg eine Aufführung von Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ an, auf den Tag genau 100 Jahre nach der Uraufführung. Für das Projekt unter Leitung von Lorin Maazel werden noch begeisterungsfähige Kinderchöre gesucht.


Ralf Siepmann ist freier Journalist und lebt in Bonn.