Confessio Digitalis

Hanno Terbuyken, Leiter Digitale Kommunikation im GEP, notiert im Blog "Confessio Digitalis" seine Gedanken, Beobachtungen, Links und Interviews rund um Digitalisierung, digitale Kirche und die vernetzte Gegenwart.

Rezo gegen die CDU: Kontrollverlust und Vertrauen

Rezo gegen die CDU: Kontrollverlust und Vertrauen
Die "Zerstörung der CDU" auf YouTube und die anschließenden Reaktionen zeigen: Wie eine digitalisierte, entgrenzte Kommunikationswelt funktioniert, ist offenbar immer noch nicht bei allen angekommen.

Wer hat noch Vertrauen in wen? Nachdem der YouTuber Rezo sich die CDU (und die SPD) mit seinem "Zerstörungsvideo" vorgeknöpft hat (übrigens ein gängiges YouTube-Genre), das nach einer Woche an 10 Millionen Aufrufen kratzt, war eines sehr deutlich: Niemand, offenbar auch nicht der eigene Parteivorstand, hat der CDU zugetraut, eine nicht-peinliche Videoantwort zu formulieren. Philipp Amthor, 26 Jahre alt, Bundestagsabgeordneter für die Mecklenburgische Seenplatte, sollte es zunächst richten. Das Video kam nie, stattdessen wurde #Amthor zum Beispiel-Hashtag, wie die CDU es mal wieder nicht hinbekommt.

Der #Amthor-Versuch ist ein Paradebeispiel für den Kontrollverlust, den die digitalisierte Welt verursacht. Jemand wie Rezo ist aus Sicht der politischen Parteien kein Akteur, dem sie große Bedeutung beimessen müssten. Für knallharte Politik ist er bisher auch nicht bekannt. Trotzdem müssen sie sich jetzt mit ihm auseinandersetzen – und zwar in der Webvide-Welt, die gerade der CDU nicht besonders liegt. Allein die Idee "lasst uns mal den Amthor fragen, der ist doch jung und kann das sicher" zeugt von Unverständnis. Denn niemand wird als YouTube-Star geboren. Wenn die Antwort nicht ähnlich authentisch und substantiell wie der Auftakt ist, wird's nur peinlich.

Dass sich die CDU am Ende doch für ein PDF als Antwort auf Rezo entschieden hat, ist folgerichtig und war vermutlich die beste Lösung (dazu siehe auch Johnny Häusler und Thomas Knuewer). Nur Jenna Behrends, Berliner CDU-Politikerin, fand eine gute Antwort (auf t-online.de) - aber auch nur, weil sie die Politik der eigenen Partei in Sachen Klimawandel selbst infrage stellt. Das kann eine offizielle Reaktion des Parteivorstandes natürlich nicht.

Mit Versprechen bekommen CDU und SPD das Vertrauen nicht zurück

Die SPD ging übrigens besser damit um. Tiemo Wölken, Europa-Abgeordneter der SPD und aus eigenem Antrieb YouTuber mit 40.000+ Abonennten, brachte ziemlich schnell ein Antwortvideo. Bei ihm merkt man: Er kennt das Medium und trifft die Ansprache. Aber ein EU-Abgeordneter spricht natürlich nicht für die ganze Partei. Ein paar Tage später machten dann Lars Klingbeil, Kevin Kühnert und Tiemo Wölken im offiziellen Antwort-Video der SPD auch nochmal klar: Die Auseinandersetzung mit der CDU in Sachen Klimawandel haben sie bisher eher verloren.   Das Problem der beiden Regierungsparteien ist, dass sie mit Worten und Versprechen in Videos oder PDFs das Vertrauen nicht zurückbekommen, dass sie das Problem der globalen Erwärmung wirklich aktiv lösen wollen. Dafür waren sie in den vergangenen Jahrzehnten an den verschiedenen Schaltstellen der Macht zuwenig radikal. Ganz besonders für die SPD rächt sich damit der Versuch, als kleinerer Partner in einer großen Koalition ein eigenes Profil zu entwickeln. Denn die rot-grünen Regierungszeiten sind schon 14 Jahre her. 2005, als die zweite rot-grüne Regierung mit vorzeitigen Neuwahlen endete, war Rezo gerade 13 Jahre alt. Die YouTuber-Generation kennt keine Alternative zu Angela Merkels CDU an der Spitze der Bundesrepublik.

Dabei haben die sieben Jahre Rot/Grün tatsächlich Weichen gestellt, die bis heute nachwirken. Neben den Kriegen in Kosovo und Afghanistan, Hartz IV und der Agenda 2010 war Rot/Grün unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer auch für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (2000) und die Vereinbarung zum Atomausstieg verantwortlich. Die übrigens wurde dann 2010 von der CDU/FDP-Regierung mit der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke wieder gekippt, bevor Fukushima kam.

Gegen die Klimakrise reicht Realpolitik nicht mehr

Rezos Video ist auch deswegen eine Herausforderung, weil er Ehrlichkeit einfordert. Er möchte, dass Politiker ihre politischen Entscheidungen nicht hinter falschen Vorwänden verstecken. Denn es gibt Erkenntnisse, die wissenschaftlich so abgesichert sind, dass man sie als Tatsache nicht mehr infrage stellen kann – allen voran die Klimakrise. Was antwortet man denn auf die Frage: "Warum tut ihr nicht alles, um unseren Planeten zu retten?", wenn man das nachgewiesenermaßen in den letzten 14 Jahren nicht getan hat? Ehrlicherweise müssten diese Parteien sagen: Uns waren andere Dinge wichtiger, und die radikalen Veränderungen, die nötig wären, verändern die Gesellschaft stärker als wir das mittragen wollen. Oder: Wir haben es nicht geschafft, unseren Job zu machen.

Beides sind Antworten, die eine wütende Menge Jugendlicher, die an #FridaysForFuture aktiv für den Planeten eintreten, nicht akzeptieren werden. Realpolitik ist nun einmal keine gute Antwort auf Idealismus. Andere Fragen in Rezos Video (Drogenpolitik, Atomwaffen, Drohnenkrieg) lassen sich durchaus politisch anders beantworten. Bei denen kann man sagen: Das sehen wir anders als du, und inhaltlich darüber streiten. Bei der Klimakrise geht das nicht mehr. Da reicht Realpolitik nicht mehr.

Und gerade die CDU muss akzeptieren, dass solche Vorwürfe völlig legitim auch von einem Entertainment-YouTuber kommen können und nicht deshalb einfach verworfen werden können. Es ist Binsenweisheit, aber in einer digitalisierten Gesellschaft können alle Menschen mediale Sender und Empfänger sein. Wie Ann-Kathrin Büüsker (@uedio) in ihrem DLF-Kommentar sagt: Da kann ja jeder kommen? Genau! Und die, die da kommen, denen schenken ihre Zuschauer mehr Vertrauen als den Abgeordneten, den Parteien, den klassischen Medien und den Kirchen. Darüber kann man sich ärgern, aber der Mechanismus lässt sich nicht einfach wegignorieren.

Eines zeigen das Rezo-Video und der darauf folgende Wahlaufruf der YouTube-Szene gegen CDU, SPD und vor allem die AfD aber auch: ein starkes Vertrauen darin, dass Wahlen Einfluss haben und sich alle an demokratische Prozesse halten. Das ist in den Tagen von Trump, in denen unser Grundgesetz 70 Jahre alt wird, eine gute Nachricht. Deswegen sollten wir alle an diesem Sonntag wählen gehen: Für den Planeten, für die Zukunft, für die Demokratie. Und stellvertretend für alle, die zu jung zum Wählen sind, aber sich ihre Zukunft nicht wegnehmen lassen wollen.

Vielen Dank für's Lesen und Mitdenken!


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!

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