Kulturschätze in Pappkartons

Kirchenarchiv

©epd-bild/Bettina von Clausewitz

Im siebenbürgischen Hermannstadt werden vergilbte Dokumente, ledergebundene Bibeln und dicke handgeschriebene Kirchenbücher, in denen die Taufen, Trauungen und Sterbefaelle ganzer Dorfgemeinschaften dokumentiert sind.

Kulturschätze in Pappkartons
Nach dem Exodus bewahrt ein Kirchenarchiv das siebenbürgische Erbe
Rumäniens evangelische Kirche in Siebenbürgen umfasste einmal Hunderttausende Christen. Nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur verließen viele Deutschstämmige ihre Heimat. Jetzt wird das 850-jährige Kulturerbe gesichert.
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Nicht jeder Schatz wird in einer kostbaren Schatulle verwahrt. Im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR) im siebenbürgischen Hermannstadt etwa werden Schätze abgeliefert, von denen man nicht vermuten würde, dass sie das gut 850 Jahre alte kulturelle Erbe einer fast verschwundenen deutschsprachigen Minderheit bergen: verbeulte Pappkartons etwa, notdürftig mit Bindfaden umwickelt. Darin vergilbte Dokumente, ledergebundene Bibeln und dicke handgeschriebene Kirchenbücher, in denen die Taufen, Trauungen und Sterbefälle ganzer Dorfgemeinschaften dokumentiert sind.

"Dieses Archiv war anfangs nur als Rettungsaktion gedacht", erzählt Oberarchivarin Monica Vlaicu. Mittlerweile bildet es eine der vier Säulen des 2003 gegründeten kirchlichen Begegnungs- und Kulturzentrums Teutsch-Haus in der historischen Altstadt, benannt nach dem früheren Bischof Friedrich Teutsch. Wichtigstes Anliegen: Die einzigartigen historischen Schätze schnell zu sichern, die durch die abrupte Auswanderung Tausender Siebenbürger Sachsen mit dem Ende des Kommunismus ab 1990 verloren zu gehen drohten.

Alles hing irgendwie mit der Kirche zusammen

"Das konnte nur die Kirche tun", davon ist die 73-jährige Monica Vlaicu überzeugt, die den Inhalt der Kisten und Kartons jetzt professionell archiviert: "Von der Wiege bis zur Bahre hat die Kirche das ganze kulturelle Leben patroniert, Frauenverein, Turn- und Gesangverein, die evangelische Schule, alles hing irgendwie mit der Kirche zusammen", so Vlaicu.

Bisher werden hier die Archivalien aus fast 300 aufgelassenen Gemeinden verwahrt und sind für Wissenschaftler aus aller Welt zugänglich. Ebenso wie für ausgewanderte Angehörige auf der Suche nach ihrer Familiengeschichte, oder die sogenannten "Sommersachsen", wie sie von den Gebliebenen mit liebevollem Spott genannt werden.        

So ist das Teutsch-Haus der Evangelischen Kirche zur natürlichen Hüterin des kulturellen Erbes der Rumäniendeutschen geworden. Das "Verwalten und Bewahren der Archiv- und Kulturgüter" wird ausdrücklich in ihrem Aufgabenkatalog genannt, während sie selbst sich im 20. Jahrhundert von der "Volkskirche" zur "Diasporakirche" gewandelt hat. Ab 1990 wanderten zwei Drittel der verbliebenen 110.000 Mitglieder nach Deutschland aus, heute sind es weniger als 13.000. Vorbei die alten Zeiten, in denen die Rumäniendeutschen insgesamt rund 800.000 zählten.

Unverkennbar jedoch ist der Stolz geblieben auf ein reiches kulturelles Erbe mit umfangreichem Verlags- und Literaturwesen, Universitäten und Schulen, Kirchenburgen und dem siebenbürgischen Zentrum Hermannstadt, heute Sibiu, das 2007 Kulturhauptstadt Europas war. Auch für Touristen ist das Teutsch-Haus mit seinem gemütlichen Buchladen-Café, Archiv, Museum, Kulturveranstaltungen und der Johanniskirche ein beliebter Treffpunkt geworden.  

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick hat für ihre Doktorarbeit über rumäniendeutsche Literatur im Teutsch-Haus in Hermannstadt geforscht.

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Michaela Nowotnick, die für ihre Doktorarbeit über rumäniendeutsche Literatur selbst im Teutsch-Haus geforscht hat, spricht von einem "Prozess der eigenen Musealisierung". Oft ältere, engagierte Mitarbeitende wie Monica Vlaicu würden hier "die Zeugnisse ihrer eigenen Kultur in Schränke, Regale und Archivschachteln legen, um sie als Gedächtnis für die Nachwelt zu erhalten". Darunter viele Zeugnisse der Alltagskultur. Denn längst werden auch jahrelang verborgene Schätze von Dachböden und Kellern gebracht: Briefe, Tagebücher, Stammbäume. Fotos, Zeitschriften und unzählige Bücher.       

Pfarrhof des siebenbürgischen Pfarrers und Schriftstellers Eginald Schlattner in Rothberg bei Hermannstatd. Schlattner ist der letzte Pfarrer in Rothberg, der 51. nach der Reformation.

Der siebenbürgische Pfarrer und Schriftsteller Eginald Schlattner dagegen hält den Begriff Musealisierung für irreführend. "Auch wenn es die Träger dieser Kultur nicht mehr gibt, bleibt sie doch durch die vielfältige Rezeption anderer Menschen lebendig", so seine Erfahrung. Der 85-Jährige, der den Exodus der frühen 90er Jahre als "ethnische Selbst-Säuberung" bezeichnet, ist auf seinem idyllischen Pfarrhof mit Hühnern und Kutsche vor der Tür in Rothberg bei Hermannstadt geblieben. "Ich bin der letzte Pfarrer von Rothberg, der 51. nach der Reformation, nach mir wird es keinen mehr in dieser Kirche geben, die schon 1225 erwähnt ist", sagt Schlatter.

Bei aller Wehmut jedoch ist er überzeugt davon, dass das Siebenbürgische nicht nur in den Archivordnern des Teutsch-Hauses weiterlebt, sondern auch im Alltag. Deutsch als Fremdsprache sei bei jungen Rumänen beliebt, ebenso wie siebenbürgische Tanz- oder Literaturkreise. Und in Rothberg gebe es neuerdings eine buntgemischte kleine Gemeinde, darunter Literaturbeflissene aus aller Welt auf den Spuren von Schlattners Romanen. "Auch wenn unsere Geschichte statistisch zu Ende geht", so seine nüchterne Prognose, "ein paar Generationen wird unsere Kultur noch lebendig bleiben, wir sind noch immer da".