Mit Luther zu einer neuen Wirtschaftsethik

Gezeichnete Glühbirne auf einer Tafel und ein kleiner Globus.

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Mit Luther zu einer neuen Wirtschaftsethik
Die beiden großen Kirchen in Deutschland wollen eine gesellschaftliche Debatte über christliche Werte in der globalisierten Wirtschaft anstoßen.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, und der evangelische Sozialethiker Wolfgang Huber kritisierten am Dienstag auf einer Tagung zu "Reformation und die Ethik der Wirtschaft" in Berlin, die von den Volkswirtschaften entkoppelten Finanzmärkte gingen zu Lasten vieler Menschen. Der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht, Udo di Fabio, sieht in der Weltwirtschaftskrise das Indiz einer falsch verstandenen Wirtschaftsmoral.

"Wir reden von Globalisierung, finden aber nicht den Weg, den produktiven Kräften einen Rahmen zu geben", sagte Marx auf der Tagung des wissenschaftlichen Beirats für das Reformationsjubiläum 2016. Dabei sieht Marx die Kirchen in der Pflicht. Fragen von Ethik und Moral gehörten untrennbar zu einer freiheitlichen Gesellschaft dazu. Hier könnten die Kirchen einen konstruktiven Beitrag leisten, sagte er.

Marx betonte: "Freiheit und Verantwortung beziehen sich auf das gesamte Feld der Gesellschaft." Deshalb müssten etwa die Auswirkungen politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen auf die nächste Generation oder auf die Lebenssituationen von Menschen in Krisengebieten stärker diskutiert werden. Öko- und Sozialbilanzen müssten eine ebenso große Rolle spielen wie Gewinnbilanzen.

"Handeln aus Verantwortung" als christlicher Grundsatz

Marx unterstrich, Märkte seien sinnvoll. "Aber nur, wenn sie als Zivilisationsprodukt verstanden werden. Märkte sind nicht von Natur aus da", sagte er. Es dürfe nicht nur um Wachstum gehen. "Die Rahmenbedingungen der sozialen Marktwirtschaft müssen neu verhandelt werden", forderte er.

Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Huber, sagte, Ansätze der Reformation könnten auch heute für die Gesellschaften sinnvolle Orientierung geben. So sei "Handeln aus Verantwortung" als christlicher Grundsatz für die Wirtschaftsstruktur wichtig. 

Der Altbischof betonte, die Reformatoren in Luthers Zeit hätten natürlich nicht die Probleme der Globalisierung im Blick haben können. Dennoch hätten sie eine Vorstellung davon entwickelt, dass merkantiles Handeln am biblischen Ethos überprüft und zum Wohle der Gesellschaft neu ausgerichtet werden müsse. 

In Deutschland gebe es bereits viele vor allem mittelständische Unternehmen, die nach ethischen Grundsätzen wirtschafteten. Die Polarisierung allerdings zwischen entkoppelten Finanzströmen und Armut greife "das Gewebe der Gesellschaft" an. Eine religiös geprägte Haltung und Kultur könne dafür sorgen, dass dieses Gewebe erhalten bleibe.



Der frühere Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio sagte, schon die Menschen der Reformation hätten darüber diskutiert, wie ein soziales Miteinander möglich sein könne, "wenn jeder auf seine eigene Faust wirtschaftet". Sie hätten dabei erkannt, dass Freiheit nur dann erlebt werden könne, wenn es eine freiwillige Rückbindung an Systeme, Ordnungen oder etwa die Heilige Schrift gebe. "Was passiert, wenn solche Selbstbegrenzungen in Alltagsmoral und kommunikativer Rückbindung ausfallen, hat vielleicht die Weltfinanzkrise dem Westen eindringlich vorgeführt", sagte Di Fabio.

Die Tagung "Reformation und Ethik der Wirtschaft" ist die dritte des wissenschaftlichen Beirats zum Reformationsjubiläum. Frühere Themen waren "Reformation und Recht" sowie "Reformation und Säkularisierung". Dem Gremium gehören 24 Mitglieder an. Erstmals wurde der Beirat 2009
vom Kuratorium für das Reformationsjubiläum berufen. Die Mitglieder beraten das Kuratorium in wissenschaftlichen Fragen zu Luther und zur Reformation.

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