TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen" (ARD)

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TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen" (ARD)
8.12., ARD, 20.15 Uhr
Schon der Titel deutet an, dass der zweite Fall für die Münchener Oberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) kein gewöhnlicher Film ist.

Regie führte Dominik Graf, der für den Bayerischen Rundfunk viele herausragende Sonntagskrimis gedreht hat; zwei seiner zehn Grimme-Preise gab es für die "Polizeiruf"-Beiträge "Der scharlachrote Engel" und "Er sollte tot" (2005/2006). Werke von Graf sind immer etwas Besonderes, weil sie betont anders sind, zumal sich das Medium Fernsehen für den meistdekorierten deutschen TV-Regisseur regelmäßig als zu klein entpuppt.

Grafs Markenzeichen ist nicht zuletzt eine spezielle Arbeit mit der Tonspur, die nie allein der reinen Informationsvermittlung dient und in seinen Krimis für eine stetige Geräuschkulisse sorgt. Diesmal ist zudem die Musik sehr präsent, und weil der Film ständig die Zeit- und Handlungsebenen wechselt, bedarf "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" höchster Konzentration. Da die Materie ziemlich kompliziert ist, gibt es viel Erklärungsbedarf, selbst wenn die Geschichte vordergründig ganz einfach ist: Eyckhoff und ihre Dienstgruppe sollen ein Unternehmen überwachen, das im Verdacht steht, "Insider-Trading" zu betreiben, also aus einem Wissensvorsprung an der Börse illegales Kapital zu schlagen. Die Polizisten können der Versuchung des schnellen Geldes nicht widerstehen und investieren hinter dem Rücken ihrer Chefin sämtliche Ersparnisse in eine bestimmte Aktie. Der Jubel ist groß, als der Kurs unaufhaltsam nach oben klettert. Noch größer ist der Schock, als die Börsenaufsicht eingreift und den Handel aussetzt. Nun ist nicht nur das Geld futsch; wenn rauskommt, was die Truppe getrieben hat, wäre dies das Ende der Polizeilaufbahn. Einen Anfangsverdacht gibt es bereits, und prompt steckt Eyckhoff in einem Loyalitätsdilemma, als sie gegen die Kollegen ermitteln soll.

Einer der besten Filme Grafs war der 1994 fürs Kino entstandene Polizeithriller "Die Sieger", der seine hohen Produktionskosten jedoch bei weitem nicht einspielen konnte. Im Mittelpunkt der Handlung, in der es unter anderem um die Korruption hochrangiger Politiker und um Geschäfte mit der Mafia ging, standen die Mitglieder eines Spezialkommandos; das Miteinander der Gruppe war mindestens genauso wichtig wie die Krimiebene. Das Drehbuch war von Günter Schütter, der seither regelmäßig Vorlagen für Graf-Filme liefert; weitere gemeinsame Arbeiten waren neben "Der scharlachrote Engel" die ebenfalls preisgekrönten Werke "Tatort: Frau Bu lacht" (1995), "Doktor Knock", "Der Skorpion" (beide 1997) sowie die "Polizeiruf"-Episoden "Cassandras Warnung" (2011) und "Smoke on the Water (2014).

Wie einst "Die Sieger" bezieht auch die jüngste Zusammenarbeit des kongenialen Duos ihren Reiz aus dem Ensemble-Charakter der Handlung. Das abrupte Zerplatzen der Träume sowie das drohende Ende der Polizeilaufbahn setzen gruppendynamische Prozesse in Gang, die kein gutes Ende nehmen: Als es dem Staatsanwalt gelingt, einen Keil zwischen die Mitglieder der Truppe zu treiben, führt das prompt zum Ausbruch von Gewalttätigkeiten, in deren Verlauf einige auf der Strecke bleiben.

Nicht zuletzt dank der Überwachungskameras in den Räumlichkeiten des observierten Unternehmens ist "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" wie praktisch alle Graf-Filme enorm bilderreich, was den Film optisch entsprechend aufwändig wirken lässt (Kamera: Martin Farkas). Gerade zu Beginn dienen viele Szenen allerdings vor allem dazu, die Polizisten einzuführen. Ein ausgelassenes Kostümfest zum Beispiel hat letztlich nichts mit der Handlung zu tun, sondern soll die Gruppe als verschworenen Haufen charakterisieren. Lange Zeit hat es zudem den Anschein, als nehme nicht Eyckhoff, sondern ihr Kollege Maurer (Andreas Bittl) die zentrale Rolle ein, zumal er auch seine Ko-Investoren vorstellt. Eyckhoff rückt erst in den Mittelpunkt, als sie den Auftrag bekommt, die anderen zu bespitzeln. Außerdem kommt es zu einer Art Romanze zwischen ihr und dem Mitarbeiter (Wolf Danny Homann) der Börsenaufsicht, der ihr zur Seite gestellt wird. Weil sich im Verlauf der Geschichte noch weitere unerwartete Allianzen ergeben, nimmt die Handlung bis zum ernüchternden Schluss immer wieder überraschende Wendungen. Die Musik (Sven Rossenbach, Florian Van Volxem) hat zudem Kinoformat. Am besten ist der dialogreiche Film ohnehin immer dann, wenn die Bilder für sich sprechen. Brillant ist unter anderem die Idee, das am geistigen Auge vorbeiziehende Leben eines Sterbenden mit Fotos aus Jugend und Kindheit zu illustrieren; in solchen Momenten nimmt "Die Lüge, die wir Zukunft nennen" wahre Größe an.

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