Spiritus

Spiritus: geistvoll in die Woche

Geholfene Wut

Geholfene Wut
Kennt ihr Wut? Also nicht diese Wut, die einen überkommt, weil wieder jemand rücksichtslos die Vorfahrt nimmt, eine Freundin ein Geheimnis ausplaudert oder ein Freund eine Verabredung kurzfristig und fadenscheinig begründend ablehnt.

 Ich meine jene Wut, bei der man gefühlt hilflos alles brennen sieht. Die Wut, bei der man mit den Händen auf den Rücken und den Füßen festgegossen in Beton zusehen muss, wie hässliche Fratzenclowns dein eigenes Haus Stück für Stück auseinandernehmen und dir jeden einzelnen Stein dabei lachend vor die Nase halten.

Also eine Wut, die dich hilflos macht und ohnmächtig und zugleich deinen Mund zu einem einzigen Ungerechtigkeitsschrei verzerrt. Hilflose Wut.

Manchmal, wenn ein Kind stirbt, dann wird von so einer Wut geschrieben, oder auch wenn es um Missbrauch geht. Ich habe mal ein Interview mit einer Frau gehört, die als Jugendliche in der katholischen Kirche missbraucht wurde und jetzt als Erwachsene vor einem Journalisten stand und die Frage beantworten sollte, wie sie es denn findet, dass der Täter, der sie missbraucht hat, später einfach auf einer anderen Stelle weitermachen konnte, weil Freunde von ihm, Kleriker, ihm bescheinigten, dass das nie wieder passieren würde. In ihrem Gesicht sah ich diese hilflose Wut. Eine Wut, die es wohl in vielen Formen gibt.

Eine Form davon kenne ich mittlerweile auch. Und ich werde noch wütender auf mich, weil ich diese Wut nicht im Griff haben kann. Wenn die Clownsfratzen vor mir tanzen und ich schreien möchte, weil ich sehe, wie das, was für mich gut und richtig ist, zerstört wird, dann werde ich selber ein schlechterer Mensch.

Wut zerstört so viel. In der Bibel hat mal der eine Bruder den anderen getötet und ein Vater wollte seinen Sohn töten, alles nur aus Wut. Und ich bin mir sehr sicher, dass diese Menschen damals nur noch wütender geworden wären, wenn ihnen dann jemand geraten hätte, einfach mal durchzuatmen, oder Yoga zu machen oder ähnlich realitätsfernes.

Wenn überhaupt, dann hilft mir in der Wut nur Abstand. Abstand zum Ort, aber auch zu mir. Und so sehr ich von Gott in der Wut auch nichts hören will, so sehr brauche ich ihn danach. Denn irgendwann, nach jeder Wut, kommt mein Denken zurück. Ich weiß mittlerweile, dass ich einfach nur bis dahin warten muss. Ich muss dastehen und innerlich Backsteine mit meinen bloßen Händen zermalmen. Ganz ehrlich, das tut richtig gut. Denn irgendwann, wenn ich den Staub in den Händen schon fühlen kann, kommt das Denken zurück. Und mit dem Denken auch Gott und die Frage, was Gott wohl gerade von mir denkt.

Von mir als seinem kleinen hilflosen Kind, das dieser Welt manchmal einfach ausgeliefert ist. Dann denke ich darüber nach, dass da bestimmt auch Liebe ist. Bis ich das Fühlen kann, dauert es noch viel länger. Aber schon das Nachdenken darüber hilft mir wirklich. Die Wut geht dann nicht weg. Sie bleibt da in meinem Körper, mit der Energie, die nur Wut hat. Aber wenigstens kommt etwas dazu. Aus hilfloser Wut wird geholfene Wut. Es bleibt Wut, aber eine, bei der ich nicht mehr gefesselt bin. Dieses Jahr zum Erntedank ist das mein größter Dank: Dass Gott mich nach der Wut denken lässt. Sonst hilft mir nichts. Das aber wirklich

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