Spiritus

Spiritus: geistvoll in die Woche

Fronleichnam in Oberbayern

Fronleichnam in Oberbayern
Über den Zustand der römisch-katholischen Kirche

Nachdem ich mir die zum Teil unsäglichen Bilder diverser Fronleichnamsprozessionen angeschaut habe, geht mir nicht mehr aus dem Sinn, was für ein seltsames Fest Fronleichnam ist. Es fängt schon damit an, dass die wenigsten wissen, was es mit dem "Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi" auf sich hat. Und was es bedeutet, wenn das "Allerheiligste" in einer Monstranz durch die Straßen getragen wird. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach. Es geht nicht um irgendwelche Bischöfe, die sich gern selbst inszenieren (und damit zum Gespött ihrer Kritiker*innen im Internet werden). Es geht allein um die Anwesenheit Gottes in unserer Welt.

Ich habe Fronleichnam in einem kleinen Dorf in Oberbayern miterlebt. Wie anders es dort zuging als in den Städten. Hier verbarg der Pfarrer sein Gesicht hinter dem Allerheiligsten, als wolle er sich unsichtbar machen, weil er weiß, dass es nicht auf ihn ankommt. Die Menschen zogen ihre schönste Tracht an, um Gott die Ehre zu erweisen. Die Schützen zogen auf. Die Musik erklang. Alle zeigten Gottes Anwesenheit in der Welt, eine jede, ein jeder auf ihre, seine Weise. Es war die helle Freude.

Und eine Wohltat nach einer Woche voller erschreckender Nachrichten.

Christof May, Domkapitular im Bistum Limburg, hatte sich das Leben genommen. Er war durch eine Predigt bekannt geworden, die auf YouTube zu sehen ist, und dadurch zum Hoffnungsträger für die vielen Gläubigen geworden, die sich eine liberalere Kirche wünschen: für wiederverheiratete Geschiedene, die gemeinsam zur Kommunion gehen wollen, für Menschen, die auf die Weihe von Frauen hoffen, für Homosexuelle, die sich nicht länger verstecken wollen. Doch dann wurden "Vorwürfe übergriffigen Verhaltens" gegen ihn bekannt, wie es hieß. Und May nahm sich das Leben. - Wen kann das schon kalt lassen.

Das Missbrauchsgutachten aus Münster für die Zeit von 1945 bis 2020 wurde veröffentlicht. Von mehr als 600 minderjährigen Opfern ist da die Rede. Die Dunkelziffer ist zehnmal so hoch. Tatsächlich geht es also um 6000 Opfer. 6000 Menschen, fürs Leben gezeichnet. Knapp 200 beschuldigte Kleriker listet das Gutachten auf. Wie in den anderen Bistümern wurden auch hier die Täter geschützt und nicht die Betroffenen. - Der Bericht ist so grauenvoll, dass es mir die Sprache verschlug. Nichts kann wiedergutmachen, was in diesen 75 Jahren geschah.

Das also ist der Zustand, in dem die sich römisch-katholische Kirche befindet. Skandale, wo man nur hinschaut. Die Folgen sind Enttäuschung und Ohnmacht, Fassungslosigkeit und Wut. Auch bei mir. Natürlich!

Kaum traut man sich noch, Gutes zu berichten. Unangebracht erscheint es, Hoffnung zu haben. Zu nah liegt der Verdacht, die Verbrechen zu relativieren.

Und doch gibt es auch Gutes in dieser Kirche. In vielen Pfarreien zum Beispiel. Bei den vielen Priester, die so ganz anders sind. Oder eben das schöne Fronleichnamsfest in Oberbayern.

Darum gebe ich die Hoffnung nicht auf. Ich lasse mich von Kirchenleuten, die lieber sich in den Mittelpunkt stellen als Jesus, nicht verscheuchen.

Denn nicht sie machen meine Kirche aus. Du und ich, wir alle gehören zum "Allerheiligsten". Wir sind Teile des Leibes Christi, "gerade die schwächer scheinenden Glieder", wie Paulus schreibt. Also tragen auch wir alle etwas von Gott in die Welt. Und Gott ist in jeder und jedem anwesend in dieser Welt. Egal, wer wir sind. Egal, wie wir sind.

Nicht nur am Fronleichnamsfest.

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