Spiritus

Spiritus: geistvoll in die Woche

Jesus ist nochmal vorbeigekommen: sehen, was Leute glauben

Jesus ist nochmal vorbeigekommen: sehen, was Leute glauben
Jesus lässt sich im Taxi durch die Stadt fahren. Er will sehen, was Leute glauben. Das erlebt er in Hamburg.

Er lässt sich im Taxi umherfahren, nachts. Tagsüber besucht er die Blumenfrau mit den roten Händen auf dem Isemarkt. Inkognito. Sie redet nicht viel. Jesus lässt sich zeigen, wie man ein feines Gesteck arrangiert. Als sie merkt, dass er sich wirklich interessiert, holt sie von hinten die Mistelzweige und zeigt ihm, wie man die schneiden muss, damit sie den Rosenblüten nicht die Schau stehlen. Er sieht sie von der Seite an, wie ihr Mund beim Binden mitarbeitet: so sieht es also aus, wenn man etwas liebt. Er zahlt, legt eine kleine fremde Münze aus Gold dazu und geht rasch weiter. Die Blumen schenkt er sich selbst.

Das Taxi bringt ihn Richtung Hauptbahnhof, vorbei am Berliner Tor. Auf der vierspurigen Straße steht ein junger Mann mitten auf der Fahrbahn, die Autos lauern schon auf grün. Aber als wäre es nichts, schlägt er ein Rad, einen Salto nach vorn und landet neben dem Fahrerfenster des weißen Audi. Heraus ragt eine Hand mit Silber-Geld. Grün! und ein Satz auf den Gehsteig rettet. Er lacht und winkt den Monster-Corso geschmeidig an sich vorbei wie ein Torero. Und lacht. Jesus geht bei der nächsten Grünphase mit Salto schnell zu den ersten Autos und kassiert. Eine Stunde lang. Gibt das Geld dem Tänzer. Der lacht und weiß sofort: Jesus.  Am Ende ein Handschlag mit Gold-Münze.

Der Taxi-Fahrer sagt: Ich bring dich mal zur Kapelle in die Hafencity in der Shanghaiallee. Eine Häuserfront mit einem Kreuz drauf und einer Riesen-Beule, als habe da ein Orkan hineingeblasen, als der Stein noch feucht war. Vorbei am Empfang ein kleiner Raum. Rote Steine bilden ein Halbrund, man kann hier fast immer reingehen. Stühle. Eine junge Frau mit schwarzen Haaren kniet auf dem Steinboden. Jesus setzt sich auf einen Stuhl. Nach einer halben Stunde – sie kniet immer noch – stellt er sich neben sie. Sie schaut ihn etwas erschrocken an. Er verbeugt sich tief vor ihr, legt sein Goldstück neben ihre Füße und geht hinaus. Auf der Münze die Krone. Sie schaut ihm nach.

 

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