Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Wer soll das alles hören?

Wer soll das alles hören?
Podcast-Perlen gibt es, nur zum Beispiel, über vietnamesische Einwanderer, alte Bücher und Zusammenhänge in der Wirtschaft. Und der Journalismus-Haudegen Gabor Steingart und die RTL-Gruppe wollen längst auch auf Abruf angehört werden.

Die Frage "Wer soll das alles hören?" beantwortete neulich auf Twitter ein Podcaster mit der guten Gegenfrage "Schon mal in einer Buchhandlung gestanden?" Podcasts, also Audio-Angebote auf Abruf, gibt es in fast schon ähnlich unüberblickbarem Ausmaß wie alle anderen Formen von Medien. "Studien gehen derzeit von deutlich über zehn Millionen Podcast-Nutzern in Deutschland aus", teilte Bertelsmann gerade mit. "Podcasts sind zu einer festen Größe im Repertoire der Netz-Publizistik geworden", fand die Nominierungskommission des Grimme Online Award/ GOA [Offenlegung: der ich angehörte].

Sie zu hören, kostet Zeit – aber auch solche, die für andere Medien, Texte zum Lesen oder Videos zum Sehen, eher nicht genutzt werden kann. Wie es der "taz"-Zukunftsreport formuliert: "Unschlagbarer Vorteil des gehörten Worts: Ich kann nebenbei noch putzen, Fahrrad fahren oder Fotos sortieren. In einer Zeit, in der alle Menschen sich immer gestresster fühlen, ist ein Medienkonsum, der Platz für andere Tätigkeiten lässt, ein großes Versprechen."

Nachteile hat gesprochenes Wort zumindest für die, die lieber im eigenen Tempo lesen statt vorgegebenen Dramaturgien folgen zu müssen. "Es mag Menschen geben, die sich gerne anhören, wie jemand redet. Mir redet dieser Jemand meist zu lang", schrieb der Journalist Hans Hoff gerade in einer Polemik gegen diese Medienformen (dwdl.de).

"Was denkst Du denn?"

Das ist tatsächlich ein Unterscheidungsmerkmal im vielfältigen Medien-Genre: In manchen Podcasts reden sich Menschen erst mal warm, indem sie einander erzählen, was sie gerne essen. Da hilft auch das technisch längst mögliche Anpassen der Abspielgeschwindigkeit wenig. Wobei etwas Redundanz manchen Hörern wiederum entgegenkommt; auch Fahrradfahren und putzen erfordern ja Konzentration. Manche Podcasts bestechen geradezu dadurch, wie bewusst geredet wird. "Was denkst Du denn?", 2018 GOA-nominert, ist ein Beispiel, würde ich sagen.

Dieses Jahr wurden "nur" drei Podcasts nominiert, obwohl die Kommission über viele lange diskutierte. "Durch die Gegend" ist einer davon. Dem "Spaziergang mit Gespräch" stand ich zunächst skeptisch gegenüber, da es schon mehr als genug Formate gibt, die die überall befragten Prominenten auch noch mal befragen. Die Herangehensweise im Wortsinn – dort, wo die Gesprächspartner sowieso herumzugehen pflegen – hat mich überzeugt. "Rice and Shine" über vietnamesische Einwanderer in Deutschland und "Mensch Mutta", sozusagen über die DDR, sind die anderen Titel. Weitere Podcasts gefielen mir, kamen aber in den Diskussionsrunden am Ende nicht durch. Die "Mikroökonomen" sprechen so fundiert und dennoch zugänglich über Wirtschaftsthemen, wie es sonst in der deutschen Medienlandschaft – auch der öffentlich-rechtlichen – kaum geschieht. Was Podcast-Aficionados an die so lange wie dichte "Lage der Nation" erinnern dürfte. "Die Backlist" ist ein Podcast über Bücher, der sich nicht (wie ungefähr alle klassischen Literatur-Formate) um spektakuläre Neuerscheinungen kümmert, sondern um umso ältere Titel.

"Hier hörst Du alles"

In kommerzielleren Gefilden wird auch kräftig gepodcastet. Gabor Steingart, der fernsehprominent gewordene Printjournalist von "Spiegel" und zuletzt "Handelsblatt" ließ gerade mit großem publizistischem Getöse ein Schiff namens "Mediapioneer" ins Wasser der Spree. Zum Paket, das er gemeinsam mit dem Springer-Konzern vermarkten will, gehört außer dem morgendlichen E-Mail-Newsletter (noch so einer nicht mehr jungen, aber oft gut funktionierenden Medienform) ein Podcast, der auch, aber nicht nur aus dem Newsletter in gesprochener Form besteht.

Das ist ein etwas seltsamer Podcast – vielleicht, weil der selbstbewusste Journalist gern mit so lieber Stimme spricht, als würde er im gleich "zarte Hähnchenbrustfilets" oder was gerade sonst Discounter besonders billig anbieten, anpreisen. Oder wegen des hohen Durchsatzes an Gesprächspartnern aus einem, zugegeben: schön breiten Spektrum. Manchmal (etwa hier bei Jörg Kachelmann) fragt Steingart bloß rasch Positionen ab und scheint dann froh zu sein, wenn er mit "lieben Grüßen" zum Smalltalk mit der Börsenreporterin übergehen kann. Wie er Kachelmanns kontroverse Ansichten einschätzt, weiß man hinterher jedenfalls nicht.

Hinter dem Konzept steckt die gewiss zutreffende Berechnung, dass neue Angebote in Audio-Form am ehesten Mediennutzungszeit gewinnen. Auf dem Weg zur Arbeit kann die Zielgruppe gut etwas hören. Das hat auch RTL, die wichtigste deutsche Tochter des Bertelsmann-Konzerns, erkannt, wegen der erwähnten Millionen-Nutzer-Berechung die Plattform audionow.de ("Hier hörst Du alles") eingerichtet und einen "Head of Audio" ernannt. Der soll "neue populäre Inhalte für den Wachstumsmarkt Audio systematisch und crossmedial ... kreieren und verbreiten, linear sowie auf Abruf". Und das "Zukunftsthema Sprache/Sprachsteuerung" im Blick haben.

Böhmermann, Spotify, "Alexa"

Schließlich drohen zusätzliche Abhängigkeiten von US-amerikanischen Konzernen wie Amazon mit seiner "Alexa". Ohnehin dominieren internationale Konzerne große Teile des Geschäfts. Spotify, das dem öffentlich-rechtlichen RBB Jan Böhmermann und Olli Schulz und deren Sendung "Sanft & Sorgfältig" wegschnappte, woraus der Podcast "Fest & Flauschig" wurde, der von der Reichweite des deutschen "Satire-Trump" ("Tagesspiegel" über Böhmermann) partizipiert, ist ein Beispiel. Auch Amazons de wirbt mit Podcasts um Abonnenten. Und obwohl es überdies Radiosender- und Zeitungs-Podcasts gibt, stellen deutschsprachige nur einen kleinen Teil des Gesamtangebots dar.

In der wohl ersten Podcast-Kolumne einer Zeitung (der "Süddeutschen") stehen drei deutschsprachigen Podcasts noch erst zwei englischsprachige gegenüber. Die wohl erste reine Podcast-Kolumne im Internet (bei uebermedien.de, ebenfalls in Form schriftlichen Textes...) begann gleich mit der Ankündigung, dass es "oft um Englisches und ... selten um deutschsprachige Podcasts" gehen wird. Wobei es in der aktuellen Folge allerdings doch ums oben erwähnte "Mensch Mutta" geht.

Die Frage "Wer soll das alles hören?" wird sich vermutlich einfach als noch eine weitere rhetorisch zu denen, wer alles, was es so gibt, lesen und angucken soll, gesellen.

 

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