One Love?

Katar, Lebensformen, Gewalt, Unterdrückung, Krieg.
Die spezielle Kapitänsbinde als Zeichen gegen Diskriminierung und für Vielfalt liegt auf einem Tisch.

© Sebastian Gollnow/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa

One Love?
"Schweigen bedeutet Gewalt", sagt der Generalsekretär der United Church of Canada. Warum das nicht nur mit Blick auf (sexuelle) Lebensformen gilt - und die One-Love-Binde daher vielleicht ein wichtiges Zeichen gewesen wäre.

One Love?

Ein Zeichen wollten sie setzen, die Kapitäne mehrerer europäischer Fußballmannschaften: Mit einer an den Regenbogen angelehnten (!) One-Love-Binde als Kapitänsbinde wollten sie ein deutliches Zeichen für Toleranz setzen – ausdrücklich nicht nur mit Blick auf die in Katar unterdrückte queere Community (https://www.ran.de/fussball/weltmeisterschaft/wm-news/one-love-binde-wm-2022-katar-bedeutung-fifa-verbot-konsequenzen-strafe-dfb-162496).

Schon dieser Kompromiss war innerhalb der queeren Community zum Teil heftig kritisiert worden, nicht zuletzt von Thomas Hitzelsperger. https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/thomas-hitzlsperger-katar-warum-nur-100.html Die FIFA hatte im Vorfeld der WM bereits sehr deutlich gemacht, dass sie eine ausdrücklich queere Solidaritätsbekundung nicht akzeptieren würde. Doch auch ein allgemeines Zeichen für Toleranz war nun für eine internationale Veranstaltung in einem autokratischen Staat offenbar zu viel. Seit die Kapitäne kollektiv vor FIFA und Emir eingeknickt sind, schlagen ihnen wahre Shitstorms entgegen. Auch Michael Güthlein hat dieses Ereignis hier bereits eindeutig kommentiert (https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2022/53266/fussball-wm-in-katar-keine-one-love-binde).

Deutlich weniger mediale Aufmerksamkeit, so scheint mir, hat dagegen der Beschluss der russischen Staatsduma vom 24. November erhalten. Diese billigte eine Gesetzesvorlage, nach der in Russland nun jegliches Werben für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen unter Strafe gestellt wird (https://www.tagesschau.de/ausland/russland-lgbtq-gesetze-101.html) . Schon seit 2013 gibt es in Russland so ein Verbot von "queerer Propaganda" gegenüber Minderjährigen, nun wird Reden über queere Lebensformen generell tabuisiert.

Bereits nach dem Beschluss des Jahres 2013 ist das Leben für Queers in Russland deutlich gefährlicher geworden – auf die verbale Aufrüstung vieler Politiker:innen im Vorfeld des Gesetzes folgte eine signifikante Zunahme von gewaltsamen Übergriffen gegen Queers. (https://www.hrw.org/report/2018/12/12/no-support/russias-gay-propaganda-law-imperils-lgbt-youth)

Erschreckend ist, wie deutlich Queers in der Argumentation der Gesetzesbefürworter:innen als Hass-Objekte des "westlichen Lebensstils" herhalten müssen: Alexander Chinstein, der den Entwurf in die Duma einbrachte, sprach ausdrücklich von einer "zivilisatorischen Konfrontation" und stellte den Kampf gegen queere Propaganda in eine direkte Linie mit Russlands "Befreiungskampf" in der Ukraine (https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/internationale-politik/id_100082004/russland-verabschiedet-neues-gesetz-queer-sein-wird-jetzt-praktisch-illegal-.html).

Dass die russisch-orthodoxe Kirche in dieser nationalistisch-repressiven Propaganda eine sehr unheilige Allianz mit staatlichen und gesellschaftlichen Kräften eingegangen ist, ist hinreichend bekannt. In vielen Regionen dieser Welt jedoch spielen Kirchen eine ähnlich unrühmliche Rolle, obwohl doch "one love" in Form des Gebotes der Nächstenliebe eigentlich zu den Grundelementen des christlichen Glaubens gehört. Das Netzwerk der Rainbow Christians of Faith versucht seit fast zehn Jahren, diese Zusammenhänge öffentlich zu machen – und queeren Christ:innen aus betroffenen Ländern eine sicheren Raum zu geben, in dem sie über ihre Erfahrungen sprechen können.

Auch bei der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe war das Netzwerk mit einer Fülle von Veranstaltungen vertreten, gut dokumentiert auf der Webseite der Rainbow Pilgrims (https://rainbowpilgrims.faith/home/). Michael Blair, der Generalsekretär der United Church of Canada, kommentierte bei einer dieser Veranstaltungen sehr deutlich die immer wieder geforderte Zurückhaltung im Miteinander verschiedener Kulturen: "Silence is Violence" – Schweigen bedeutet Gewalt. "One of the realities is that many of us experience violence because even folks who consider themselves allies perpetrate violence because of their silence." (Eine der Tatsachen ist, dass viele von uns Gewalt erfahren, weil selbst Menschen, die sich für unsere Verbündete halten, mit ihrem Schweigen die Fortdauer von Gewalt unterstützen.). Blair ist in Jamaika geboren und hat als schwuler Jugendlicher selbst solche Gewalt erfahren.

Zurückhaltung aus falsch verstandenem kulturellen Respekt – Matthias Albrecht hat letzte Woche in diesem Blog bereits darauf hingewiesen, dass dies keine zutreffende Interpretation des christlichen One Love sein könne: "Respekt gilt jenen Menschen, denen tagtäglich versucht wird, ihre Würde zu nehmen, in dem sie für ihre Liebe, ihr Begehren und ihre Familien verfolgt werden. Und er gilt den kulturellen Leistungen derer, die sich dafür einsetzen, dass diese Verfolgung endet." Dem ist hier nichts hinzuzufügen.

Sehr wohl zu ergänzen ist allerdings, dass One Love nicht bei Engagement für die Vielfalt (sexueller) Lebensformen enden darf. Die Diskussion in der Staatsduma zeigt, wie oft die Ausgrenzung von sexuellen Minderheiten nur ein Indikator für viel tiefer gehende Gewalt gegen andere ist. So gesehen wäre es vielleicht gar kein so schlechtes Zeichen gewesen, dass die Kapitäne sich mit der One-Love-Binde gegen jegliche Form von Unterdrückung engagieren wollten. Schade, dass sie dies nun selbst unterdrückt haben!

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