Karwoche

Am Palmsonntag zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein.

©Kerstin Söderblom

Am Palmsonntag zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein. Er wollte mit seinen Gefährt*innen in Jerusalem Pessach feiern.

Karwoche
Die Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag heißt „Karwoche“. Das Wort ist abgeleitet vom althochdeutschen Wort „kara“ und heißt Trauer, Klage. In dieser Woche geschieht in verdichteter Form alles, worum es im Christentum geht.

Die "Karwoche" heißt im Englischen und in vielen romanischen Sprachen "Heilige Woche". Ob Trauer, Klage oder heilige Woche. In den verschiedenen christlichen Traditionen geht es in dieser Woche um alles, was das Leben existenziell zu bieten hat: Um Jubel und Hoffnung auf Befreiung, um gemeinsames Essen und Abschied nehmen, um Enttäuschung und Verrat, Anklage und Verurteilung, Hass und Gewalt, bis hin zu Mord, Verlust, Trauer und Verzweiflung. Aber der Reihe nach.

Am Palmsonntag zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein. Er wollte mit seinen Gefährt*innen in Jerusalem Pessach feiern. Die Menge am Straßenrand jubelte ihm zu und grüßte ihn mit Palmwedeln.

"Hosianna! Gelobt sei der da kommt im Namen G*ttes!"

Das riefen sie ihm zu. Denn im Prophetenbuch des Sacharja steht geschrieben, dass der Retter Israels auf einem Esel in Jerusalem einziehen würde. Die Leute hofften, dass Jesus sie retten würde. Er sollte eine Rebellion anführen und sie aus der Knechtschaft der Römer befreien. Als Jesus ihren Erwartungen nicht entsprach, rief die Menge fünf Tage später schon wieder. Diesmal aber nicht voller Jubel, sondern voller Enttäuschung, Wut und Hass. Sie schrien ihn förmlich ans Kreuz:

"Kreuzigt ihn!"

Wie mag es Jesus selbst in all dieser Aufregung um seine Person ergangen sein? Wusste er, dass er die jubelnde Menge enttäuschen würde und deshalb Wut und Hass erleben würde? Er bat G*tt  in der Nacht vor seiner Verhaftung darum, den schweren Kelch an ihm vorüber ziehen zu lassen. Ahnte er, welche Torturen und Schmerzen er bis zu seinem nahen Tod erleiden musste?

Früher an jenem Abend, der im deutschsprachigen Raum Gründonnerstag genannt wird (von "greinen", "grinen" – weinen), traf sich Jesus mit seinen Gefährten ein letztes Mal zum Essen. Zuerst wusch Jesus ihnen die Füße. Dann teilten sie Brot, Wein und ein letztes Mal Gemeinschaft. Jesus sagte beim Essen sogar seinen Verrat voraus. Seine Gefährten wollten das nicht glauben. Niemand würde ihn verraten. Da waren sie sich sicher.

Aber der Verrat geschah. Jesus wurde am nächsten Tag festgenommen, zum Statthalter Pontius Pilatus geführt, von der Menge zum Tode verurteilt, gefoltert und wie ein Verbrecher ans Kreuz genagelt.

Er war als Retter bejubelt worden. Fünf Tage später, am Karfreitag, wurde sein Leidensweg beklatscht, seine Kreuzigung begafft und sein Tod gefeiert. So nah liegen Jubel und Freude, Hass und Gewalt beieinander.

Große Menschenansammlungen wie damals am Palmsonntag können befreiend wirken und Menschen Hoffnung geben. Sie können aber auch von rechtspopulistischen und fundamentalistischen Menschenfängern gekapert werden. Jubel kann schnell in Hass und Gewalt umschlagen. Und eine Menschenmenge kann selbst gewalttätig werden. So wie Donald Trump, der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, seine Anhänger während seiner Rede am 6. Januar 2021 in Washington DC zum Sturm auf das Kapitol hetzte.

Aber die Menge kann auch selbst Opfer von Gewalt werden: Ich denke an zahllose Demonstrationszüge, die mit Tanz und Jubel beginnen und dann im Blutbad enden: Die Demonstrationen in Myanmar, die seit dem Militärputsch fast täglich stattfinden. Das Militär knüppelt auf friedliche Zivilist*innen und schießt auf sie mit scharfer Munition. Hunderte Frauen, Männer und Kinder wurden bereits erschossen.

Tanzende und singende Demonstrant*innen in Belarus protestieren seit Monaten gegen die Wahlfälschungen der Regierung. Viele von ihnen wurden geschlagen, verhaftet, bedroht und gefoltert.

Ich denke an die "Black-Lives-Matter-Bewegung" in den USA damals in den sechziger Jahren, als der Theologe und Baptistenprediger Martin Luther King und andere für Gleichberechtigung und gegen Rassismus und Gewalt auf die Straßen gingen. Sie besetzten Busse und öffentliche Plätze, feierten Gottesdienste und sangen Gospels. Martin Luther King und andere wurden dafür kaltblütig ermordet. Bis heute werden Schwarze nur aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt, geschlagen und ermordet. Die "Black-Lives-Matter-Bewegung" gibt es bis heute. Aber ihre Demonastrationszüge werden immer noch diskreditiert und angegriffen.

Und ich denke an Lesben, Schwule, Bi* und Trans*Personen, die 1969 vor der Bar "Stonewall Inn" in der Christopher Street in New York erstmals gegen Razzien und Polizeigewalt auf die Straße gingen. Sie wurden von Polizisten niedergeknüppelt, verhaftet, bedroht und kriminalisiert. Aber sie gingen weiter auf die Straße. Bis heute demonstrieren sie jährlich weltweit auf den Christopher Street Paraden für Respekt und Gleichberechtigung. Dennoch ist Homosexualität noch in über 70 Ländern kriminalisiert und in sieben Ländern steht darauf immer noch die Todesstrafe.

Jesus starb am Kreuz. Die Menge verhinderte es nicht. Nur wenige trauerten um ihn. Einige weinten unterm Kreuz, andere versteckten sich. Denn sie fürchteten sich vor der Wut der Menge. Als er gestorben war, wurde Jesus vom Kreuz abgenommen und begraben. Aber das war nicht das Ende der Geschichte. Am Sonntag danach fanden Maria aus Magdala und alle anderen Frauen, die den Leichnam waschen wollten, nur noch das leere Grab. Ein Engel G*ttes erklärte ihnen, dass Jesus aus dem Grab herausgestiegen war. Leid und Tod waren geschehen. Es war etwas zu Ende gegangen. Aber es gab auch einen Neuanfang.

Am Ostersonntag erinnern Christ*innen auf der ganzen Welt, dass Jesus auferstanden war. Alle, die das leere Grab gesehen hatten, erzählten die Geschichte weiter. Seine engsten Gefährt*innen begegneten dem Auferstandenen noch einmal. Sie schöpften Mut, fanden neue Hoffnung und sangen Halleluja! Seitdem wird es in Ostergottesdiensten auf der ganzen Welt gesungen.

"Halleluja!"

Die Auferstehung Jesu von den Toten begründet die Hoffnung des christlichen Glaubens.Jesus Christus ist für alle Menschen gestorben und auferstanden. Dunkelheit und Verzweiflung, Leid und Tod waren real, und sie sind es bis heute. Aber es gibt auch eine andere Erzählung: Von Neuanfängen, Comingout-Geschichten, Transitionen, großen und kleinen Aufbrüchen und mutigen Erklärungen von queeren Menschen und ihren Freund*innen, die auch in der römisch-katholischen Kirche trotz Glaubenskongregation nicht länger schweigen wollen.

Hass und Gewalt, Drohung, Leid und Tod haben nicht das letzte Wort. Das Leben geht weiter. Es reckt sich dem Frühling entgegen, dem Licht und der Hoffnung. Es erzählt von Frühlingsblüten und geschwisterlicher Solidarität. Solche Ostererfahrungen wurden von Generation zu Generation weitererzählt und erinnert. Bis heute wird das Osterlicht zu den Menschen gebracht und gefeiert, selbst in Zeiten der Pandemie.

"Lumen Christi!"

Das Licht Christi. Es leuchtet in der Dunkelheit. Und die Dunkelheit hat es nicht ergriffen.

Zum Weitersehen und Hören Kerstin Söderblom, Palmsonntag, im Rahmen der Aktion der ESG'n der EKHN: "Lass dich unterbrechen! Drei MInuten für die Seele"

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