Sanftes Sausen in anstrengenden Zeiten

Regenbogenregenschirm

Foto: Rainer Hörmann

Sanftes Sausen in anstrengenden Zeiten
Für die durch Corona gefährdete queere Community werden Rettungsschirme gefordert. Doch wie steht es um die seelische Gesundheit des Einzelnen? An "Denk positiv"-Belehrungen ist kein Mangel. Aber es geht auch anders. Gedanken und Impulse zur Erzählung von Elia am Berge Horeb.

1.

"Es geht jetzt nicht um die Institution, sondern um die Bedürfnisse der Menschen", sagt EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm in einem Interview mit dem "Spiegel", danach gefragt, ob Corona nicht die Chance für das Comeback der Kirche sein könne. Er spricht von einer verwundeten Gesellschaft, davon, dass jeder Einzelne lerne müsse, mit der Pandemie umzugehen und "eine gewisse Resilienz zu entwickeln". Die Kirche könne Trost und Aufmunterung geben, es sei "einen Versuch wert", mal wieder die Bibel zu lesen. Der Ratsvorsitzende empfiehlt die Psalmen, ich finde die Erzählung vom Propheten Elia am Berge Horeb (1. Könige, 19) interessant. Sie handelt von einem Mann in einer existenziellen Krise und ist von einer geradezu zärtlichen Nüchternheit. Vor allem tut sie das nicht, was vielfach derzeit zu lesen und zu hören ist: negative Gefühle mit einem Schwall gutmeinendem Positive Thinking zutexten.

2.

Zur Sicherung der queeren Community fordert aktuell eine Online-Petition von der Politik einen Rettungsschirm. Mehrfach haben - etwa die queerpolitischen Sprecher*innen der Grünen oder die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld - gefordert, stärker als bislang die besondere Situation von LGBTQ und ihrer Infrastruktur in den Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Pandemie zu berücksichtigen. Cafés, Bars, Saunen, Tagungshäuser, queere Magazine sind durch den zweiten (Beinahe-)Lockdown und finanzielle Einbußen ein weiteres Mal in ihrer Existenz gefährdet. Die sicheren Räumen, in denen "wir" unter uns sein können, sind geschlossen und ob und auf welche Weise sie wieder öffnen, lässt sich derzeit schwer sagen. Die Einschränkung sozialer Kontakte und Kontaktmöglichkeiten kann - muss nicht - Einsamkeit, Ängste hervorrufen. Der Zugang zu Hilfsangeboten queerer Institutionen ist erschwert. Erste Studien deuten an, dass dabei weitaus mehr Jüngere als Ältere unter dem auferlegten "Social Distancing" leiden. Allgemein nehmen Depressionen zu, vermutlich werden bereits vor Corona bestehende psychische Probleme und/oder Erkrankungen durch die Ausnahmesituation verstärkt.

3.

Der Prophet Elia (Kerstin Söderblom hat hier im Blog bereits eine Auseinandersetzung mit der biblischen Geschichte beschrieben) gilt als Paradebeispiel für einen depressiven Mann. Genauer und mit heutiger Begrifflichkeit müsste man sagen: für einen Mann mit Burnout. Ganz präzise müsste es heißen: für einen religiösen Eiferer und Mörder mit Burnout, denn im Feldzug für die Sache Gottes hat er die "Propheten Baals" abgeschlachtet. In einer Predigt, auf die noch zurückzukommen ist, wird von den "Allmachtsfantasien" des Elia gesprochen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht kippt jedoch die Stimmung. Angst kommt in Elia auf, es wird ihm alles zuviel, er flieht in die Wüste.

4.

Covid-19 hat unsere Fantasien von grenzüberschreitender Mobilität, von der sofortigen Verfügbarkeit aller Dinge erschüttert. Die Corona-Pandemie trifft eine Community, die sich gerade aus dem langen, langen Schatten von HIV/Aids zu lösen begonnen hatte. Gerade in Großstädten, wo queere Community und Szene in den letzten Jahren von einem riesigen Tourismus-Hype geprägt und gestützt wurde, ist die Kränkung groß. Das vitale, vibrierende Clubleben ist zum Stillstand gekommen - welche Folgen das für den Stadtraum haben könnte, beschreibt Jan Noll, Chefredakteur des Berliner Magazins "Siegessäule". Betroffen sind queere Sportvereine ebenso wie Chöre oder Fetischtreffen. Das beliebte "Städte-Hopping", die motivierenden CSD-Paraden, all diese Selbstverständlichkeiten, bei denen man wie selbstverständlich anderen begegnen konnte, kamen schon im Frühjahr zu einem Halt. Ein kurzer Sommer ließ uns dann ein wenig vergessen, nun folgt der erneute (Beinahe-)Lockdown. Hier und da gibt es gute Nachrichten hinsichtlich eines Impfstoffes, aber eigentlich wissen alle, dass sich alles noch geraume Zeit hinziehen wird.

5.

In der Wüste macht der gehetzte Elia das Naheliegende. Er legt sich hin und schläft - erschöpft vom Stress, den aufwühlenden, negativen Emotionen, dem Gefühl, ein Versager zu sein, der "nicht besser" ist als seine Väter. Zweimal weckt ihn ein Engel auf, spricht die zum Klassiker avancierte Formel "Steh auf und iss!". Es gibt Brot und Wasser. Derart gestärkt macht sich Elia dann auf einen 40-Tages-Marsch zum Horeb, dem Berg Gottes.

6.

Man stelle sich das vor: schlafen! Hallo, geht's noch? Corona-Pandemie schön und gut, aber da kann man die Wohnung renovieren, 200 Videos für Freunde drehen, eine neue Sprache lernen, überhaupt ein besserer Mensch werden. Nichts von all dem, scheint die Elia-Erzählung zu besagen. Manchmal ist man einfach erschöpft - vom Alltag, den vollen S-Bahnen, vom Arbeiten an der Kasse des Supermarkts, vom ständigen Umringtsein von Menschen, von der ständigen Vorsicht, von den vielen Nachrichten. Wenn die Welt zuviel wird, wenn die Seele sich verdüstert, dann zieht sich Elia zurück und schläft eine Runde. "Schlaf, der des Grams verworr'n Gespinst entwirrt", heißt es in Shakespeares "Macbeth".

Doch dabei bleibt es nicht. Elia wird von einem Engel berührt. Der sagt - wie üblich bei Engeln mit Ausrufezeichen -, dass Elia essen und trinken soll. Er soll auf seinen Körper achten, ihn stärken, ihm etwas Gutes tun. Es ist "geröstetes Brot" und "kühles Wasser", das ihm vom Engel gereicht wird. In der Wüste darf das als Luxus gelten. Die Berührung durch den Engel mag in Corona-Zeiten eigentümlich klingen, aber verweist natürlich auf die heilende Wirkung des körperlichen Kontaktes. In Kontakt bleiben heißt aber auch: Verbindungen zu anderen nicht abreißen lassen, telefonieren, Postkarten schreiben, mit Nachbarn ein freundliches Wort wechseln, an andere denken und sich von Mitmenschen, die einem entrückt sind, trotz aller Distanz "berühren" zu lassen - auch wenn man selbst gerade in der Wüste steht. Doch all das ist bereits Ausdeutung. Eigentlich steht an dieser Bibelstelle bloß "Steh auf und iss!" und trotz Ausrufezeichen ist es eben kein "Reiß dich zusammen!", sondern das Wort ist begleitet von einer freundlichen Berührung und einer freundlichen Geste des Reichens von Brot und Wasser.

7.

Am Berg Horeb, in einer Höhle, angekommen, darf Elia, gefragt vom Wort des Herrn, endlich jammern und soll dann irgendwie vor Gott treten. Jetzt kommt die volle Special-Effects-Maschinerie zum Einsatz: Sturm, Erdbeben, Vulkanausbruch (Feuer) - und versagt schmählich, denn es passiert ... nichts. Niemand lässt sich blicken. Stattdessen "stilles, sanftes Sausen". Elia zieht sich in die Höhle zurück; er steht im Eingang, auf der Schwelle zwischen Innen und Außen. Erst jetzt kommt die Stimme des Herrn aus dem Off und erstaunlich: kein Genöhle, keine belehrende Besserwisserei, ja noch nicht mal das unvermeidliche "Fürchte dich nicht!", das schon der Engel in der Wüste nicht parat hatte.

In einem Vortrag zu Elia und der besagten Bibelstelle merkt Ingrid Riedel, Psychotherapeutin und evangelische Theologin, an: "Gerade verzweifelte Menschen brauchen weder Moral noch künstlich aufgesetzten Lebenswillen, sondern Zuwendung, Resonanz und Zartheit". Sie spricht von der "mütterlichen Seite Gottes".

Auf den ausbleibenden Ratgeber-Sprech, mit den besten Tipps, wie alles wieder gut wird, weist auch Pfarrer Dr. Werner Schwartz in einer online abrufbaren Predigt hin: "Gott ist Gott. Er redet weniger deutlich, als Elia, als wir das wünschen." Zwar hört er Elias Klage an, aber "Das verändert nicht mit einem Schlag seine Situation. Sie ist und bleibt beklagenswert. Elia ist und bleibt voller Angst. Dies ist nicht einfach erledigt." Stattdessen der nüchterne Auftrag: "Geh wieder deines Wegs durch die Wüste. Geh zurück, zurück in deinen Alltag, an deinen Platz, zurück zu deinem Leben. Geh und tu, was du tun musst. (...) Geh und ordne, was zu ordnen ist. Nicht mit Gewalt, nicht mit dem Schwert. Salbe Hasael zum König, ordne die Verhältnisse, in denen du mit den andern lebst. Nicht ein neues Gemetzel, sondern eine faire, humane Regelung."

Keine Drohkulisse, aber auch kein abschließendes "Und es war gut". Stattdessen die Empfehlung, ins Leben zurückzukehren und schauen, was geht, tun, was getan werden kann. Wer an Depression erkrankt, sollte sich auf dem Weg zurück ins Leben professionelle Hilfe von Ärzten, Psychotherapeuten holen. Denn darum geht es in der Geschichte von Elia: Die Dinge eben gerade nicht alleine in der Wüste oder in der Höhle regeln, sondern geduldig seinen Weg in der Gesellschaft gehen und das Nötige tun, was man tun kann. Dies ist, wie Pfarrer Schwartz es predigt, auch wenn wir es kaum wahrnehmen, "der Weg, auf dem uns Gott begegnet".

8.

Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung für viele: physisch, psychisch. Sie verlangt viel Improvisationstalent, was den Alltag angeht, und noch mehr Verständnis und Zärtlichkeit mit uns selbst. Nicht alles kann sofort gelöst werden. Ein Rettungsschirm für die queere Comunity ist eine gute und hilfreiche Idee, die hoffentlich gehört und umgesetzt wird. Doch letztlich geht es, genau wie Heinrich Bedford-Strohm für die Kirche gesagt hat, auch nicht um die queere Community als solche, sondern um die Bedürfnisse der Menschen, die Teil von ihr sind oder sein möchten. Für die Community hieße das, füreinander da zu sein, auch wenn man gerade keine schnelle Lösung parat hat. Und für den Einzelnen: Ab und an ohne schlechtes Gewissen innehalten, um auf das stille, sanfte Sausen zu lauschen.

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