Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Matthias Albrecht

Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?
Wenn Gottes Wirken Neues schafft, gehen uns oft alte Sicherheiten verloren. Wichtig ist, sich dann nicht von Ängsten leiten zu lassen, sondern den Blick auf das zu richten, was Gott Neues wachsen lässt. Das gilt auch für die Überwindung unheilvoller Geschlechter- und Sexualitätsnormen. Ein Wort, das beim Propheten Jesaja steht, kann uns hierbei helfen.

Annie hadert mit Gott. "Warum, Herr?", fragt sie. Warum hat sie den Job verloren? Seit drei Jahren arbeitet sie bei einem großen Softwareentwickler, bei dem sie sich sehr wohl fühlt. Jetzt wird ihre Abteilung aufgelöst. Keine Anschlussbeschäftigung. Annie muss sich etwas Neues suchen. In eine andere Stadt umziehen. Ihren Freundeskreis verlassen. Warum lässt Gott zu, dass ihr Leben so aus den Fugen gerät, wo es ihr bislang doch so gut ging? Jahre später lebt Annie in Berlin. Der Anfang war hart. Wie befürchtet fand sie zunächst keine Stelle. Die erste Wohnung in der neuen Stadt: Eine Katastrophe. Sie fühlte sich einsam. Schließlich hat Annie sich selbstständig gemacht. Heute ist ihre Firma mehr als erfolgreich. Noch wichtiger, Annie kann dort ihre Gaben frei entfalten. Mittlerweile kann sie sich gar nicht mehr vorstellen, innerhalb der eingeengten Strukturen eines Großunternehmens zu arbeiten. Das große Loft, in dem Annie jetzt lebt, ist ein Traum. Neben vielen neuen Freund*innen hat sie vor einigen Monaten auch die Liebe ihres Lebens gefunden. Wenn Annie sich heute fragt, warum, warum das alles damals sein musste, dann versteht sie Gottes Plan mit ihr. Hätte sie ihren Job damals nicht verloren, dann wäre all das Gute, das ihr der Neuanfang gebracht hat, nicht möglich gewesen.

Vielleicht warst Du schon einmal in einer ähnlichen Situation wie Annie. Etwas, das Dir wichtig ist, ist zerbrochen. Sicherheiten, Tragendes, Werte, Gewissheiten und Segensvolles, auf das Du Dein Leben aufgebaut hast, das wird infrage gestellt, zerstört und ist nicht mehr vorhanden. Kollektiv hat das Volk Israel eine solche Erfahrung während der Babylonischen Gefangenschaft gemacht. Gott hatte es aus der Knechtschaft befreit, es durch die Wüste ins Gelobte Land geführt und nun ist die Freiheit wieder verloren. In dieser Situation spricht Gott zu seinen Kindern: "Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?" (Jesaja 43, 19a).

Die Schöpferkraft Gottes wirkt niemals zerstörerisch, aber sie kann durchaus durch Zerstörung wirken. Gott nimmt sich dessen an, was uns nicht gut tut und legt es zuweilen in Trümmer. Wenn es sich dabei um Dinge handelt, von denen wir bereits erkannt haben, dass sie uns nicht zuträglich sind, dann sind wir Gott meist dankbar dafür. Anders ist es bei solchen Sachen, von denen wir noch nicht begreifen, dass sie uns nicht oder nicht länger zum Vorteil gereichen. So wie bei Annie in unserem Beispiel. Als sie die Kündigung bekommt, ist ihr Blick für das Neue, das Gott schaffen will, noch verstellt. Auch das Volk Israel ist zu der Zeit, in der das Bibelwort aus Jesaja zu ihnen gesprochen wurde, noch fixiert auf die Gegenwart und kann nicht sehen, welche Zukunft Gott für sie bereithält.

"Homosexuelle sollen in Würde einen Platz in der Gemeinde Jesu finden", fordert der in evangelikalen und pietistischen Kreisen recht bekannte Psychotherapeut Martin Grabe. Der absehbare Aufschrei, den diese eindeutige Positionierung in vielen, sich selbst als "fromm" bezeichnenden Gemeinden, Werken und Medien hervorrief, ließ nicht lange auf sich warten. Einmal mehr wurden von den Kritiker*innen Grabes die alten und theologisch nicht haltbaren Argumentationsmuster hervorgeholt, die versuchen, Homosexualität unter Verweis auf die Heilige Schrift zu verurteilen. Ich trete einen Schritt zurück. Schaue mir diese Debatte von der Metaebene aus an. Es kommt mir vor, wie ein sich stetig wiederholendes Schauspiel. Einer traut sich das zu sagen, was viele der "Frommen" mittlerweile denken und sofort wird auf diese Person eifrig - und mal so gar nicht christlich - eingeprügelt. Meine Solidarität mit Grabe und anderen, die trotz dessen den Mut aufbringen, ist groß. Trotzdem verspüre ich nur noch wenig Motivation, mich diesbezüglich auf Diskussionen über die Auslegung der Bibel einzulassen. Nicht weil dies nicht wichtig ist, nein, es ist zentral, aber: Alle Argumente sind mittlerweile unendlich oft ausgetauscht! Wenn ich nun den Nächsten der zahllosen Akte in der Diskussion um Homosexualität anschaue, kommt mir unser Bibelvers in den Sinn: "Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?"

Viele, nicht nur, aber eben auch eine bedeutende Zahl von Christ*innen, haben sich in einem Welt-, Menschen- und Familienbild eingerichtet, dass mich, salopp gesagt, eher an die US-Fernseh-Serie Unsere kleine Farm erinnert, als an das, was über Beziehungen, Liebe und Sexualität in der Bibel steht und an das was darüber vom Evangelium her zu sagen ist. Die heterosexuelle Kleinfamilie ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr auf einen Sockel gehoben worden und wird wie ein goldenes Kalb gleichermaßen manisch wie geistlos umtanzt. Alles was diesem goldenen Kalb gefährlich werden könnte, wird als vermeintliche Bedrohung der göttlichen Schöpfung zu diffamieren versucht. Selbstverständlich nehmen auch diese "tanzenden" Geschwister wahr, dass sich die Welt um sie herum verändert. Sie bekommen durchaus mit, dass alte Geschlechterarrangements ihre Gültigkeit verlieren und dass Sexualität in ihrer Vielfalt zunehmend als gute Gabe erkannt, statt länger als etwas Dämonisches verkannt wird. Dass genau das bedrohlich für all jene erscheint, die ihren Kult auf dem, was da angetastet wird, aufbauen, scheint nicht verwunderlich. Wer seine Identität auf Heterosexualität als Zwangsnorm, statt auf Jesus Christus gründet, den erschüttern diese Veränderungen bis ins Mark. Daher auch die heftigen, reflexhaften Abwehrreaktionen auf Äußerungen wie die von Grabe und anderen.

In der Tat, hier gerät etwas ins Wanken. Und das glücklicherweise! Denn es ist ja nicht so, als fände die Verherrlichung der Heterosexualität in einem wert- und konsequenzenfreien Raum statt. Christ*innen haben durch diese Verherrlichung über ihre Geschwister unendliches Leid gebracht: Gleichgeschlechtlich liebende Menschen wurden stigmatisiert, ausgegrenzt, verfolgt, in den Suizid getrieben und ermordet. Gott sprengt nun - zumindest in einigen Bereichen - diese Fesseln. Er zerstört die Unterdrückung seiner Kinder. Wie das Volk Israel einst aus der Babylonischen Gefangenschaft, so beginnt er heute uns aus der Gefangenschaft des Patriarchats zu befreien. Er ist es, der es ermöglicht, dass gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden können und damit auch homosexuelle Partner*innenschaften endlich die staatliche Anerkennung bekommen, die auch heterosexuell Begabten zusteht. Er ist es, der Menschen den Heiligen Geist gibt, um die weltweit steigende Zahl von Verboten der sogenannten "Konversionstherapien" durchzusetzen. Und er ist es, der es ermöglicht, dass in Gemeinden Kasualien begangen werden, die Geschlechtsangleichungen feiern. Um nur einige Beispiele seines reichen Schaffens zu nennen.

Während all dies geschieht, verharren viele der sich selbst als "fromm" Bezeichnenden in einer sehr egozentrischen, teilweise etwas paranoid anmutenden Position. Sie sehen nur, was zerstört wird, aber können (noch) nicht wahrnehmen, was gerade zur gleichen Zeit wächst. Vielleicht kann unser Bibelvers alle denen, denen es so geht, als Inspiration dienen. Siehe, heißt es dort. Siehe, das bedeutet: Sieh hin! Und es gibt extrem viel zu sehen von dem Neuen, das Gott schafft. Also, wenn die beschriebene Situation auf Dich zutrifft, dann schau Dir doch einmal an, was Du zu verurteilen versuchst. Nimm Abstand davon, die hundertunddritte homosexualitätsfeindliche Konferenz zu organisieren und verlass die geistlichen Mauern, die Du und Deine Gemeinde um Eure Köpfe und Herzen gebaut habt. Statt dagegen draußen vor der Kirche hasserfüllt zu demonstrieren, setz Dich einmal hinein, in einen Traugottesdienst für ein gleichgeschlechtliches Paar. Sieh in ihre glücklichen Gesichter, wenn sie zum Abendmahlstisch schreiten. Lausch während der Predigt der Geschichte ihrer Liebe und beobachte, wie sie den Segen Gottes zugesprochen bekommen. Oder schreib nicht mehr seitenlange nächtliche Emails an Menschen, die sich für Emanzipation einsetzen, sondern geh früher schlafen und besuch gut ausgeruht eine Regenbogen-Familie. Erlebe dort, dass die Menschen hier genau so glücklich, aber eben auch mit den gleichen Sorgen leben, wie in Familien, in denen Mutter und Vater gemeinsam Kinder erziehen. Der Möglichkeiten, den Blick auf das zurichten, was Gott in seiner Weisheit entstehen lässt, sind viele.

Das was heute noch einige als den Untergang des christlichen Glaubens fürchten, ist ein von Gott geschenkter Neuanfang. Dort wo jetzt noch unheilvolle Geschlechter- und Sexualitätsnormen regieren, wird in Zukunft wieder Christus im Zentrum stehen. Aus den Trümmern der alten Unterdrückung können Gemeinden wachsen, die nicht nur die einladen, die einer Norm entsprechen, die als solche zerstörerisch ist, sondern die ein Zuhause für alle Kinder Gottes sind. Richten wir schon jetzt unsere Blicke, unsere Herzen und unser Tun auf diese segensvolle Zukunft aus.

 

Herr, öffne immer wieder unseren Geist für das Neue, das Du schaffen willst. Lass uns hinsehen und verstehen. Vertreibe die Angst vor Veränderungen aus unseren Herzen. Richte unseren Blick auf Dich und auf unsere Geschwister. AMEN.

 

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