Hashtag #AndersAmen

Anders Amen

© Clemens Beckmann/ekn

Seit Anfang Januar 2020 laden Ellen und Steffi Radtke einmal in der Woche mittwochs einen Videobeitrag, einen Vlog, bei Youtube unter dem Namen "Anders Amen" hoch.

Hashtag #AndersAmen
Ellen und Steffi Radtke sind ein queeres lesbisches Paar auf dem Land in Niedersachsen. Sie sind im verflixten siebten Ehejahr und wollen gerne ein Kind. Gleichzeitig sind sie beide Theologinnen und Pastorinnen in einer ländlichen Kirchengemeinde. Und seit neustem haben sie den Youtube-Kanal "Anders Amen".

Seit Anfang Januar 2020 laden Ellen und Steffi Radtke einmal in der Woche mittwochs einen Videobeitrag, einen Vlog, bei Youtube unter dem Namen "Anders Amen" hoch. Vier Beiträge gibt es bisher plus einige Interviews mit den beiden, einen offiziellen Kanaltrailer und einem Special zum Gespräch der beiden mit Domian bei "Domian live" im WDR-Fernsehen in Köln am 31. Januar 2020.

Die Vlogs der beiden waren von Anfang an witzig, kurzweilig und schlagfertig. Ihre Sprache ist schnoddrig und liebevoll zugleich. Auch als Personen haben die beiden Frauen mich sofort für sie eingenommen. Die beiden unterhalten sich über Alltagsthemen genauso wie über theologische und kirchenpolitische Fragen. Sie sind meistens unterschiedlicher Meinung, lachen viel und besuchen den Gottesdienst von Pfarrkolleg*innen an ihrem freien Sonntag. Sie treffen sich mit Konfirmand*innen auch außerhalb des Konfi-Unterrichts zum Spielen, Serie schauen und quatschen. Und was am wichtigsten ist: Sie kommen gut an bei den jungen Leuten. 

Als ich mir den Vlog #1 angeschaut habe, war ich direkt fasziniert und wurde neugierig auf mehr. Die beiden kommen so frisch und unpastoral daher, dass es eine Freude ist. Trotzdem sind sie gläubig und auf ihre Weise fromm. Sie verkörpern eine spannende Mischung. 

Innerhalb von ein bis zwei Wochen hatten über tausend Leute den Youtube-Kanal der beiden abonniert. Mittlerweile sind es über Dreitausend. Sie werden seitdem von Radio- und TV-Sendern interviewt, tauchen als Expertinnen in Videos der Evangelischen Kirche in Deutschland auf und waren schon bei der Talkshow von "Domian live" in Köln. Alles in allem haben sie innerhalb eines Monats bereits eine beachtliche Karriere in den sozialen Medien hingelegt. Und das war bisher nur der Anfang. Ich habe die beiden zu ihrem Youtube-Kanal "Anders Amen" interviewt. 

Söderblom: Wie kam es zur Idee mit Eurem YouTube-Kanal "Anders Amen"?

Anders Amen: Es war eine Mischung aus einer Schnapsidee auf einem Empfang einer kirchlichen Einrichtung, bei der wir beide das erste Mal Leuten des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsens begegnet sind und einem generellen Unwohlsein mit Blick auf das, was Kirche bei YouTube ist. Wir erleben unsere Kirche als sehr offen und bunt. Wir haben so viel Freiheit unseren Dienst zu gestalten, doch bei YouTube verkauften sich immer nur die Kanäle richtig gut, die Gott eher als Moralapostel darstellen und für den hippen Anschein ein wenig Konfetti in die Luft werfen. 

Söderblom: Was ist das Ziel Eurer YouTube-Arbeit?

Anders Amen: Wenn es da draußen junge queere Menschen gibt, die eigentlich nichts mehr mit Kirche am Hut haben, die denken, dass Kirche sie sowieso ausstößt, die wollen wir vom Gegenteil überzeugen. Oder ihnen zumindest zeigen, dass Kirche auch anders ist. Wir hatten schon ganz überraschte Zuschriften von Leuten, die nicht wussten, dass die bei uns heiraten können. Und von Menschen, die nie gedacht hätten, dass die Kirche uns überhaupt einstellt. Da aufzuklären ist das wichtigste für uns. Wir haben uns für unseren Kanal eine klare Zielgruppe definiert, von jungen queeren Menschen zwischen 20 und 24 Jahren, die von der Kirche höchstens noch den Heilig Abend Gottesdienst der Kindheit kennen. Menschen, die nicht in Orgelkonzerte gehen und auch nicht als erstes Hobby Bücher lesen angeben. Menschen, die Spaß am Leben haben, Erfüllung suchen und noch nicht ganz wissen, wie sie die finden. Das bedeutet aber auch, dass es Menschen sind, für die es bisher eigentlich keinerlei kirchliche Angebote gibt. Gleichzeitig ist eine solche Zielgruppenarbeit in der Kirche schwer zu vermitteln, weil immer irgendwer sagt: Aber ich würde eher das und das wollen. Kirche kennt es nicht, sich wirklich auf eine klar definierte Zielgruppe einzulassen und ein Angebot zu stricken, dass auf diese passt. Zu zeigen, wie das vielleicht funktionieren kann, ist ein weiteres unserer Ziele.

Söderblom: Wie passen queer und christlich für Euch zusammen?

Anders Amen: Ganz hervorragend natürlich. Wobei es für unsere christlichen Geschwister in den orthodoxen oder der katholischen Kirche natürlich anders aussieht. Sie könnten wohl kaum so antworten. Christlich gesehen sehen wir da kein Problem, aber Christentum gibt es nur in bestimmten kulturellen Ausprägungen und einige davon sorgen für den Ausschluss queerer Menschen.

Söderblom: (Ver)zweifelt Ihr manchmal auch an der Kirche? Und was hält Euch aufrecht?

Anders Amen: Ja, wenn die Kirche mal wieder mehr problematisiert als freudig lebt. Wenn in Arbeitskreisen über Menschen gesprochen wird, statt mit ihnen. Wenn man über die Flure kirchlicher Einrichtungen läuft und einem an keiner Stelle Freundlichkeit begegnet. Wir lieben unser Leben und wir wollen unseren Glauben leben. Und das mit der Freude ist in der ernsthaften evangelischen Kirche manchmal so eine Sache. Dass wir aber Freude an allem haben, was wir tun, das spürt man schnell. Und immer mal wieder stecken wir jemanden damit an. Das hält uns aufrecht.

Söderblom: Was ist Euer Lieblings-Bibelvers oder die wichtigste biblische Geschichte und warum?

Anders Amen: Jona! Auf jeden Fall Jona, der keinen Bock hat nach Ninive zu laufen und echt glaubt, er könnte sich verstecken. Dass da mal jemand Widerworte gibt und nicht einfach mit sich machen lässt, ist grandios. Und dass er am Ende einsehen muss, dass er es vielleicht auch wirklich nicht besser weiß als Gott, ist eine hervorragende Lektion für uns beide.

Söderblom: Was sagt Ihr Leuten, die behaupten, Homosexualität ist nicht gottgewollt, sondern sündig?

Anders Amen: Dass sie uns leidtun. Wenn es irgendwie geht, bieten wir ihnen im realen Leben Segen an. Wir glauben, Segen kann Herzen wieder weich machen. Mit vielen reden wir aber auch tatsächlich nicht mehrt. Es gibt unter denen genug Menschen, die unser geplantes Kind jetzt schon als Missgeburt bezeichnen. Was soll man mit denen noch reden? Das können wir nur noch Gott überlassen.

Söderblom: Was wünscht Ihr euch für die Zukunft der Kirche?

Anders Amen: Dass sie fröhlicher und mutiger und lauter wird. Dass sie zeigt, wie wundervoll das Leben im Glauben ist. Dass sie Position bezieht für jene, die ausgegrenzt oder abgewertet werden. Und zwar nicht, weil ein Arbeitskreis das so beschlossen hat, sondern weil in jedem Menschen, der Teil der Kirche ist, die Erkenntnis gewachsen ist, dass jedes einzelne Leben kostbar und gesegnet ist.

Söderblom: Vielen Dank für das Interview und alles Gute weiterhin für Eure Arbeit!

Zum Weiterhören: Der offizielle Youtube Kanal Anders Amen

Siehe auch: Das evangelische Content-Netzwerk yeet ist gestartet

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