Pflanzen im Kirchengarten

Bild zeigt ausgestrecktem Arm, der Saat in Regenbogenfarben verstreut. Es ist ein Detailbild aus dem Buchcover zu "Aufgehende Saat. 40 Jahre Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche"

Foto: Buchcover (Detail)/ Kohlhammer Verlag

Pflanzen im Kirchengarten
Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) feiert ihr 40-jähriges Bestehen. Mit dem Band "Aufgehende Saat" blickt sie zurück auf eine bewegte Geschichte und blickt voraus auf das, was zu tun bleibt.

Wenn du nicht mehr weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis! Heutzutage ist dieses Motto eher negativ besetzt und steht für aufschiebendes Dauerdebattieren. In den bewegten Siebzigern dagegen war der Arbeitskreis durchaus noch wichtiges und nötiges Mittel, um eine erzwungene Vereinzelung zu durchbrechen und einen gemeinsamen Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. Vor fast genau 40 Jahren, im Juni 1977 auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin, wagten homosexuelle Christen diesen Schritt, um gegen das repressive Klima der Gesellschaft und die Homosexualitätsfeindlichkeit der christlichen Kirchen anzugehen. Von Beginn an verstand man sich als ökumenisch. Als ein Jahr später dem Arbeitskreis ein verbindlicher Name gegeben werden musste, setzte sich "Homosexuelle und Kirche" gegen "Homosexualität und Kirche" durch, "weil es um Menschen, nicht um eine Sache gehen sollte". So Klaus Fitschen in seinem Beitrag "Die Anfänge der HuK" in dem nun erschienenen Band "Aufgehende Saat" anlässlich des Jubiläums.

Widerstand kam dabei nicht nur aus den starren Trutzburgen der christlichen Kirchen, sondern quasi auch aus der blechernen Motorhaube, dem Symbol für Mobilität schlechthin. Ein Kfz-Versicherungsunternehmen reklamierte die drei Buchstaben für sich: Man gab sich wenig amüsiert von der Idee, dass schutzsuchende Autofahrer statt einer weltlich-kostenpflichtigen Police kostenlos Rat und Hilfe bei engagierten christlichen Homosexuellen finden sollten. Weswegen Wert auf ein kleines "u" zwischen H und K gelegt werden und im Internet dem Kürzel ein ".org" hinzufügen muss, wenn man die homosexuelle Arbeitsgruppe im Sinn hat.

In zahlreichen Beiträgen wird die Arbeit und der Kampf der HuK um Anerkennung von Schwulen und Lesben in den Kirchen geschildert. Einerseits gilt es Vorurteile gegen Homosexualität und homosexuelles Leben abzubauen, andererseits gilt es, sich im theologisch-kirchlichen Rahmen einer einseitigen Auslegung der Heiligen Schrift zu stellen. Große Öffentlichkeit entstand, als sich 1979 der Pastor Klaus Brinker in der Gemeinde in Hannover zu seinem Schwulsein "bekannte". Zahlreiche Menschen solidarisieren sich mit ihm, doch er wird 1981 aus dem Pfarrdienst entlassen. Auf dem Evangelischen Kirchentag in Nürnberg werden 4700 Unterschriften für den Pfarrer gesammelt. Es ist zugleich der erste Kirchentag, auf dem die HuK offiziell vertreten ist. 19 Jahre später (!), 1998 in Mainz, dann erstmals auf einem Katholikentag. Anfang der neunziger Jahre entsteht das Projekt "Farbe bekennen", mit dem Gemeinden ermutigt werden, sich mit den Themen Sexualität/Homosexualität zu beschäftigen.

Natürlich ist das Wirken der HuK auch ein Spiegel der allgemeingesellschaftlichen Veränderungen. Das durch die Immunschwächekrankheit Aids ausgelöste tausendfache Sterben in den achtziger und neunziger Jahren findet bedauerlicherweise kaum Widerhall in dem Rückblick auf 40 Jahre. Dieses Ausblenden einer Zeit, der "wir" - darin liegt ihr Paradox - gerade angesichts dunkelster Tage die Bildung wichtiger Strukturen wie die Erfahrung großer Solidarität verdanken, sagt auch ein wenig über den Nimbus aus, der heutzutage noch die HuK umgibt: ein bisschen bieder, immer ein bisschen zurückhaltend, immer ein bisschen das Hinterzimmergespräch bevorzugend - Letzteres mag man gern in Kirchenkreisen. Den ganz großen Krach mit den Kirchen hat man nie riskiert. Es ist auch eine der zentralen Entscheidungen der HuK, keine eigene Kirche zu bilden, sondern innerhalb der bestehenden christlichen Kirchen Veränderungen erreichen zu wollen. Damit geht man einen anderen Weg als etwa die Metropolitan Community Church. Vieles, was in dem Sammelband zu lesen ist, lässt sich auch als Argumentation dafür lesen, dass diese Entscheidung der HuK - auf lange Sicht gesehen - vielleicht eine kluge war.

Welche Herausforderungen und Aufgaben sich heute stellen, dem widmen sich die Beiträge unter der Überschrift "Beteiligung an gesellschaftspolitischen Diskussionen". Sie zeigen zudem die zahlreichen Ebenen, auf denen heute Engagement und Aufklärung erfolgt. Da ist das Streiten vor Gericht; eine Aufgabe, die Andreas Merschmeier schildert: Die HuK wird mittlerweile als "sachkundiger Dritter" vom Bundesverfassungsgericht um Stellungnahmen zu Anträgen gebeten. Eine andere Ebene ist das von Thomas Beckmann vorgestellte Projekt, bei der Umgestaltung der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Lichtenburg in Prettin mitzuwirken.

Franz Kaern-Biederstedt erläutert das differenzierte Familienbild der HuK, Michael Brinkschröder zeigt auf, wie sich unter dem Deckmantel "Family Values", "Traditionelle Werte" eine religiöse Allianz (eine "homophobe Ökumene") bildet, die in der Liberalität den Schuldigen für Veränderungen vermeintlich traditioneller Ordnungen der Familie und Geschlechter ausmacht.

Heutiges Handeln wird wesentlich vom Netzwerkgedanken bestimmt. Das ist der Kern des Kapitels "Auf dem Weg zum Forum der christlichen Regenbogengruppen". Hier sind auch zwei "kreuz & queer"-BloggerInnen mit Texten vertreten: Wolfgang Schürger stellt die Arbeitsgemeinschaft "Schwule Theologie" vor, Kerstin Söderblom berichtet vom internationalen Engagement des Europäischen Forums christlicher LSBT-Gruppen beim Ökumenischen Rat der Kirchen. Zusammenarbeit, auch über (Landes-)Grenzen hinweg, scheint wichtiger denn je.

Wie sehr die HuK bei aller kirchlich-gesellschaftlichen Auseinandersetzung auch zum Raum, zum Schutzraum für schwule und lesbische ChristInnen (wobei die Zahl der Lesben in der HuK sich stets im überschaubaren Rahmen hielt!) wurde, davon zeugen die zahlreichen biografischen Schilderungen zum Schluss des Buches. Erst hier wird nachhaltiger die spirituelle, religiöse Bedeutung von Gruppen wie der HuK deutlich: eine Heimat, ein Fluchtort zu sein für Menschen, die von ihren Gemeinden, von Pfarrerinnen und Pfarrern ausgegrenzt wurden und werden, für Menschen, die an der Haltung der Kirchen gegenüber Homo-, Bi- und Transsexuellen oder gegenüber Menschen, die nicht auf ein Geschlecht festgelegt werden wollen, verzweifeln. Für Menschen, die sich mit ihre Weise zu leben, nicht im Gottesdienst wiederfinden.

Vielleicht täte ein wenig mehr "Spiritualität" der HuK gut? Ich weiß es nicht. Sicher aber kann die HuK sehr stolz auf 40 Jahre geleisteter Arbeit zurückblicken. Mit dem Band "Aufgehende Saat" wird ein Moment des Innehaltens markiert. Aber, um im Bild des Buchtitels zu bleiben, das Pflänzlein ist ein sehr zartes. Es weiter zu pflegen, ist eine beständige Aufgabe. Im Wechsel der Jahreszeiten weiter zu bestehen, das sei nicht nur der HuK und den in ihr engagierten Menschen von Herzen gegönnt.

Buchinfo: Brinkschröder, Horatz, Kaern-Biederstedt, Wörner (Hg.): "Aufgehende Saat - 40 Jahre Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche", Kohlhammer Verlag, 309 Seiten, 25 Euro. Bei Bestellung (Versand kostenfrei) über Geschäftsstelle der HuK hilft man bei der Finanzierung des Projektes.

Gottesdienst & Buchpräsentation: Auf dem Ev. Kirchentag in Berlin wird das HuK-Jubiläum mit einem Ökumenischen Gottesdienst gefeiert, anschließend wird der Band "Aufgehende Saat" vorgestellt. Samstag, 27. Mai 2017, 19 Uhr in der Pfingstkirche, Petersburger Platz 5, Berlin-Friedrichshain. Gestaltung des Gottesdienstes u.a. durch HuK, Martin L. Carl (Organist), Dr. Kaern-Biederstedt (Musikpädagoge) sowie Queerubim (Chor).

Kirchentag: Auf dem Ev. Kirchentag in Berlin vom 24.-28.5.2017 gibt es wieder ein Zentrum Regenbogen - im Kosmos, Karl-Marx-Allee 131 a, 10243 Berlin. Internetseite mit Programm (PDF). Auf dem Markt der Möglichkeiten (25.-28.5.2017, Messe Berlin) findet man zahlreiche LSBTIQ-Gruppen, u.a. die HuK in Halle 4.2, Stand C11, sowie div. Lesbennetzwerke mit gemeinsamem Stand in Halle 4.2, Stand Nr. C18. Ansonsten sei auf den Beitrag von Wolfgang Schürger im "kreuz & queer"-Blog hingewiesen, dort auch Hinweis, wie man über die Datenbank des Kirchentages Veranstaltungen findet.

(Alle Angaben ohne Gewähr)

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