Loslassen

Foto zeigt Weg durch einen winterlichen Wald, an dessen Ende unscharf die Silhouette eines Menschen auszumachen ist.

Foto: Rainer Hörmann

Loslassen
Viele werden 2016 als schreckliches Jahr in Erinnerung behalten, geprägt von heftigen gesellschaftlichen Debatten, von Gewalt und sich abzeichnenden politischen Veränderungen. Ein fragmentarischer Jahresrückblick als Versuch, loslassen zu können.

Loslassen zum Jahreswechsel ist so eine Sache. Man hätte gern alles ordentlich aufgeräumt, alles erledigt, um dann unbeschwert ins neue Jahr zu gehen. Meistens kommt es anders und um einen herum finden sich auch im neuen Jahr die diversen Unerledigt-Päckchen. Erinnerungen an das vergangene Jahr wollen noch nicht so richtig vergehen, wahrscheinlich, weil man fürchtet, dass sie auch 2017 eine Rolle spielen werden. Manches ist wichtig zu errinnern, gerade weil etwas erreicht wurde.

So etwa in der Frage der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Gleich drei Landeskirchen haben sich 2016 getraut zu trauen: die Evangelische Kirche Rheinland, Baden und Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Zusammen mit Hessen-Nassau ist man in der Gleichstellung schon weiter als die deutsche Gesetzgebung. Und selbst in Sachsen hat man sich immerhin schon mal zur Möglichkeit einer Segnung durchgerungen, ins klitzekleine Weingläschen der Freude goss der Pressesprecher der Landeskirche gleich mehrere Liter Wasser und qualifizierte das Ganze als "Burgfrieden". Bei so viel fröstelnder Distanz klingt auch das hehre Kirchentagsmotto "Du siehst mich" noch eigentümlicher, als es ohnehin ist. Also im Bereich "Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung" geht noch was.

Apropos Kirchentag: Der ist vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin. Es wird wieder ein Zentrum Regenbogen geben, das von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender für dieselben und alle Interessierten organisiert wird.

Zu den düsteren Punkten des letzten Jahres gehört die weltweite Gewalt gegen Homosexuelle. Wie das Massaker im Pulse, einem Club für Homosexuelle, Transgender vor allem aus der Latino-Community in Orlando, USA, bei dem im Juni 2016 49 Menschen starben. Der Mörder wurde von der Polizei erschossen. Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" brüstete sich mit der Tat - wie auch nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche in der Woche vor Heilig Abend oder unmittelbar nach dem schrecklichen Massaker in Istanbul, wo in der Silvesternacht 39 Menschen starben. Immer geht es darum, die als "westlich dekadent" verunglimpfte Freiheit und das Lebensgefühl zu zerstören.

Dieser Terror trifft dabei auf eine gesellschaftliche Situation, in der in westlichen Gesellschaften ein "Diskurs" der Verunglimpfung seinerseits salonfähig geworden ist. Quasi als lautes, aggressives Rauschen, das jeden Vorfall begleitet. Die Konfliktlinien verlaufen dann irgendwo zwischen "Traditionelles" gegen (moderne) Vielfalt und Veränderung, Nation gegen Globalisierung, Abendland gegen Islam.

Und in diesem Rauschen, mitunter Brüllen, sind immer auch homophobe Töne zu vernehmen. In Deutschland wird mit Schlagwörtern wie "Frühsexualisierung", "Familienschutz" und "Genderwahnsinn" Stimmung gegen Schwule und Lesben, gegen Transgender-Rechte geschürt. So hat sich die CSU das geplante Wort "Akzeptanz" für LGBT von "Demo für alle"-Aktivistinnen aus den Richtlinien für Familien- und Sexualerziehung in den bayerischen Schulen streichen lassen. Und der AfD-Politiker Gehlmann tritt für Tabuisierung von Homosexualität ein. Nach einem Zwischenruf im Landtag von Sachsen-Anhalt bestritt er, für eine Strafverfolgung von Homosexuellen einzutreten, aber beharrte darauf, dass er "Sittenverfall" und "offen ausgelebte Sexualität" ablehne.  Die AfD und die auf ihrer Woge schwimmenden Stimmen befördern gern das Zerrbild von der Verführung durch Homosexuelle, vorgetragen im Tonfall der Verachtung. Insofern finde ich es gut, dass der Berliner Bischof Markus Dröge allgemein klare Worte zur AfD findet. Und umso wichtiger eine kleine Broschüre der EKD, veröffentlicht zum Tag der Menschenrechte: "Hier ist nicht Frau noch Mann". Darin wird das "Recht auf Gleichbehandlung ungeachtet sexueller Orientierung und Identität" betont, die Situation von LGBT in Deutschland und weltweit erläutert und zugleich werden Anregungen etwa für Liturgien gegeben.

Bei aller Heftigkeit der Ereignisse und der Debatten: Es gilt, der Verdüsterung zu wiederstehen. So jedenfalls würde ich für mich die richtige Haltung zu Gewalt, gesellschaftlicher Hysterie, den Hass- und Neidtiraden im Internet, in den dann oftmals unsozialen Medien, formulieren.

Zwei Momente aus 2016 kommen mir noch in den Sinn, und beide haben etwas mit Loslassen zu tun. Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, hat sich Anfang des vergangenen Jahres mit "queeren" Flüchtlingen getroffen. Er zeigte sich sichtlich betroffen von deren Geschichten, versprach Engagement der Caritas, "dass diese Gruppe der Flüchtlinge würdig ankommen kann". Ich finde es im Nachhinein gut, dass Koch dies getan hat. Ist er doch auch derjenige, der einst befand, dass der Partner des schwulen Schützenkönigs gefälligst in der zweiten Reihe zu laufen habe. Vielleicht lassen sich Haltungen ja doch ändern? Vielleicht muss ich, der einmal das "katholische Dauerfeuer" auf Schwule und Lesben kritisierte, an meiner kritischen, ablehnenden Haltung gegenüber Bischöfen wie Heiner Koch etwas ändern? Loslassen vom "Feindbild"?

Das zweite Moment führt nochmals zum Anschlag auf den Pulse-Club in Orlando zurück. In Berlin haben sich daraufhin mehrere tausend Menschen am Brandenburger Tor versammelt. Darunter waren sehr viele Jugendliche. An diesem Abend fand ich es tröstlich zu wissen, dass sie ihre Trauer artikulieren, dass sie für ihre Art zu leben, für ihre Art zu lieben einstehen. In düsteren Momenten ist es gut zu wissen, dass man sich nicht alleine wehren muss. Und es wird einfacher, loszulassen.

"Denn Loslassen", sagte kürzlich ein Freund bei einem Spaziergang, "ist die leichteste Übung!" Er schnappte sich ein paar Blätter aus einem Laubhaufen, warf sie in die Luft, und wie sie so um uns herab rieselten, lächelte er.

weitere Blogs

Die Sache mit dem CO2-Ausgleich ist nicht ganz unumstritten. Aber in bestimmten Fällen trotzdem sinnvoll.
Wo wohnt Gott. In den anderen? In mir? Überall?
Warum brauchen sich die Kirche und das GEP, wie kann das Medienhaus der EKD und der Gliedkirchen kommende Herausforderungen bewältigen und warum brauchen wir Social Media?