Das Serum

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Foto: Matthias Albrecht

Das Serum
Homosexuellenfeindlichen Äußerungen werden in Deutschland zunehmend weniger akzeptiert. Deshalb verfolgen Gleichstellungsgegner_innen Strategien, die ihre Aussagen, wie durch die Einnahme eines Serums, gegen Kritik immunisieren sollen. Queertheory leistet einen Beitrag das Immunisierte wieder zu enttarnen.

"Ich habe nichts gegen Schwule, nein, überhaupt nicht", so oder so ähnlich formulieren es derzeit viele, die so vehement gegen die Gleichstellung verschiedener Geschlechter und Sexualitäten wettern. Da ist beispielwiese Gabriele Kuby. Die Publizistin hält bei der Demo für Alle eine Rede, die an homosexuellenfeindlichen Äußerungen kaum noch zu überbieten ist. Sie skandalisiert Regenbogenflaggen vor dem Bundesfamilienministerium, empört sich über homosexuelle Paare, dass sie Kinder in den Schulen angeblich "anturnen", es doch mal auszuprobieren und warnt vor einer groß angelegten "Homosexualisierung" der Menschheit durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Etwa in der Mitte ihrer Ausführungen erklärt Kuby, falls Homosexuelle oder Transgender anwesend seien, würde sie sofort mit diesen in ein Wirtshaus gehen, denn alles was sie sagt, bedeute "nicht einen Augenblick, dass wir [die Teilneher_innen der Demo für Alle] nicht tolerant sind".

Dieses Muster lässt sich in vielen anderen homosexuellenfeindlichen Beiträgen nachweisen. Beispielweise in der Diskussion um die Verankerung Sexueller Vielfalt im Bildungsplan des Bundeslandes Baden-Württemberg. Garbriel Stängle, Initiator der vielbeachteten Online-Petition gegen diesen Bildungsplan erklärt darin etwa, er sei für die Thematisierung bestehender Diskriminierungen Homosexueller im Unterricht und befürwortet sogar ein Klima der Akzeptanz. Hier stimmt auch Peter Hauk, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg mit ein, der in einer Parlamentsrede deutlich macht, die CDU sei "für die Akzeptanz sexueller Vielfalt, auch für die Verankerung dieses Themas im Bildungsplan". Diese Liste ließe sich noch lange ergänzen, so dass mensch am Ende fragen könnte: "Wenn ihr doch alle homosexuell Liebende so sehr schätzt und ebenfalls deren Akzeptanz als Ziel habt, wogegen kämpft ihr dann so erbittert?"

Die Antwort auf diese Frage lässt sich bei dem Literaturwissenschaftler und Queertheoretiker Andreas Kraß finden. Kraß versteht Heteronormativität als einen Mythos, der mittels verschiedener Denkfiguren aufrechterhalten wird. Die erste dieser Denkfiguren nennt er das Serum. Das Serum funktioniert nach folgender Logik: "Ein partielles Unrecht wird anerkannt, um ein prinzipielles Unrecht zu verschleiern" (Kraß 2007: 147).

Beim sorgfältigen Lesen der Äußerungen von Hauk, Stängle und Kuby wird sehr schnell offensichtlich, dass ihr Eintreten gegen Diskriminierung sowie für Toleranz und Akzeptanz, ein partielles ist. So möchte Hauk zwar Sexuelle Vielfalt im Bildungsplan verankern, aber eben am seiner Meinung nach richtigen Platz, etwa im Rahmen einer Projektwoche. Damit spricht er Homosexuellen das Recht auf Repräsentation im Unterricht einerseits zu, macht aber andererseits gleichzeitig klar, dass Homosexuelle als Minderheit keinesfalls legitimiert sind, allgegenwärtig im Schulalltag in Erscheinung zu treten. Wenn, dann sind Schwule und Lesben in einer Sondereinheit, während eines abgegrenzten Zeitraumes, eben der Projektwoche, zu thematisieren. Das partielle Unrecht der generellen Unsichtbarkeit wird also von Hauk anerkannt, während das generelle heteronormative Dogma, dass verschiedene sexuelle Identitäten nicht an allen Stellen des Lehrplanes auftauchen dürfen, verteidigt wird. Darum geht es im Kern. Es geht Hauk, Stängle, Kuby und vielen anderen um eine Verteidigung der heterosexuellen Hegemonie. In diese sollen sich Homosexuelle mehr oder weniger integrieren, aber das, was über eine Integration hinausgeht, wird vehement abgelehnt. Das heteronormative Dogma der allgegenwärtigen Vorherschaft heterosexueller Liebe und Sexualität darf nicht angetastet werden.

Dies kommt ganz besonders in der bereits zitierten Rede Gabriele Kubys zum Ausdruck, wenn sie im Anschluss an ihre Einladung ins Wirtshaus, beinahe anklagend formuliert, dass ihre Haltung, mit jedem Menschen, egal in welcher Sünde dieser auch immer leben mag zu reden, ja nichts nütze. Was soll denn ihre gönner_innenhafte Geste für einen Nutzen bringen, drängt sich hier die Frage auf. Und die Antwort folgt so gleich, wenn Kuby erklärt, dass die Homosexuellen und ihre Unterstützer_innen quasi dennoch planten die ganze Gesellschaft zu verändern.

Ja, in der Tat, das ist der Konflikt, das ist der Dissens. Die einen wollen weiterhin ausgrenzen, bedingungslos die Heteronormativität durchsetzen, die ihnen Sicherheit gewährt, sich aber in fataler Weise gegen die Schöpfung richtet, die Gott in seiner unendlichen Erhabenheit mit so vielen Geschlechtern und Sexualitäten gesegnet hat. Die anderen sehen in der Heteronormativität ein generelles Unrecht. Menschenrechtsorganisationen, emanzipative Bewegungen, LGBTI-Verbände und nicht zuletzt queere Christ_innen wollen eine andere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der nicht mehr relevant ist, dass ein Mensch das vermeintlich richtige Geschlecht liebt und/ oder begehrt. Eine Gesellschaft, in der diese Frage nicht mehr über Entwicklungsmöglichkeiten, Zugänge zu Ressourcen, Institutionelles und die Chance auf persönliches Glück entscheidet. Auf diese generelle Veränderung setzen Menschen ihre Hoffnung, daran arbeiten sie unermüdlich, so wollen sie Reich Jesu Christi bauen. Und das kann unter anderem nur dann gelingen, wenn die Anwendungen des Serums, als Versuche, den alten, bitteren Wein der heteronormativen Ausgrenzung in neue Schläuche zu füllen, klar analysiert, benannt und zurückgewiesen wird. Gott gebe uns dafür einen wachen Geist und Verstand.

 

Quelle und Tipp zum weiterlesen:

Kraß, Andreas. (2007). Der Mythos der Heteronormativität. Homosexualität, Homophobie und homosoziales Begehren. In: Mechthild Bereswill/Michael Meuser/Sylka Scholz (Hg.), Dimensionen der Kategorie Geschlecht: Der Fall Männlichkeit. Münster:  Dampfboot. S. 136-151.

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