Story Telling

Seitenansicht einer Frau, die ihr Gesicht hinter einem Buch versteckt.

Foto: Getty Images/RooM RM/pchyburrs

Story Telling
Wenn Vorurteile auf persönliche Geschichten treffen, fangen erstere oftmals an in sich zusammenfallen. Denn wer Gesicht zeigt, zeigt sich als Mensch. Konkret, verletzbar, einzigartig. Der Coming-Out-Day, der jedes Jahr am 11. Oktober gefeiert wird, würdigt genau diese persönlichen Geschichten. Der Tag weist darauf hin, dass für viele ein Coming Out immer noch (lebens-) gefährlich ist.

Im Mai 2015 haben fast zwei Drittel aller Iren und Irinnen für die Zulassung der gleichgeschlechtlichen Ehe gestimmt. Ein "katholisches Land" hat mit "Ja" gestimmt. Menschen im In- und Ausland reagierten begeistert oder fassungslos. Viele waren überrascht über das klare Urteil, andere konnten es kaum fassen oder verstanden die Welt nicht mehr. Das katholische Irland hat mit "Ja" gestimmt und erhält nun eine fortschrittlichere Gesetzgebung als Deutschland und viele andere europäische Länder? Unglaublich!

Für den Ausgang der Wahl in Irland waren für Schwester Jeannine Gramik von den "Sisters of Loretto" aus Maryland in den USA persönliche Gründe wichtiger als gesellschaftspolitische oder religiöse. Im Vorfeld der Wahlen war sie selbst in Irland und beschreibt, was sie erlebt hat: Einige bekannte Persönlichkeiten aus dem Show Business, der  Politik und der Zivilgesellschaft sind vor der Wahl an die Öffentlichkeit gegangen und haben von ihren lesbisch, schwulen, bi- und transsexuellen Kindern, Verwandten und Bekannten erzählt. Oder sie haben sich selbst geoutet. Es ging um konkrete menschliche Geschichten. Um Erfahrungen von Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bi-, Trans-, Intersexuelle und Queers (LSBTIQ) im katholischen Irland der letzten Jahrzehnte genauso wie um ermutigende Geschichten und um gelebte Solidarität. Diese persönlichen Geschichten haben Menschen nach Einschätzung von Schwester Gramik mehr bewegt als die ideologische Debatte um das Leitbild der heterosexuellen Ehe und Kleinfamilie oder die katholische Sexualmoral.

"Story Telling" ist laut Schwester Gramik das Zauberwort. Wenn Vorurteile ein Gesicht bekommen und sich dahinter eine konkrete Lebensgeschichte zeigt, dann fallen viele Vorverurteilungen und Klischeebilder in sich zusammen. Schwester Gramik verdankt ihre positive Haltung zu LSBTIQ  ebenfalls einer persönlichen Geschichte. Vor über 40 Jahren traf sie einen jungen schwulen Studenten. Er wollte Franziskanermönch werden. Aber er verließ den Orden wegen seines Schwulseins. Er wurde von seinen Eltern aus der Familie verstoßen und von der katholischen Kirche exkommuniziert. Nur weil er schwul war. Durch den Studenten lernte Schwester Gramik mehrere Lesben und Schwule kennen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus ihrer Kirche ausgeschlossen wurden. Sie spürte, dass etwas schrecklich falsch läuft in einer Kirche, die Ausgrenzung und Diskriminierung zulässt oder sogar unterstützt. Durch die konkreten Lebensgeschichten hat Gramik ihre Haltung zu Homosexualität verändert. Sie begann, Seelsorge und Beratung für LSBTIQ in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen.

Heute ist sie stolz darauf, dass sie das Vorwort zu einem Buch schreiben konnte, das Lebensgeschichten von 34 LSBTIQ im Alter von 20 bis über 80 Jahren aus 13 europäischen Ländern vereint. Es heißt: "And God saw it all was very good. Catholic LGBT People in Europe Telling Their Stories."

Buch "And God saw it all was very good. Catholic LGBT People in Europe Telling Their Stories."

Und Gott sah, dass alles gut war. Katholische LSBT Personen aus Europa erzählen ihre Geschichte. Die Autorinnen und Autoren kommen aus Albanien, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Malta, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Russland, Spanien und der Tschechischen Republik. Sie alle sind mehr oder weniger katholisch sozialisiert und bezeichnen sich selbst als katholisch. Auf ihren Lebenswegen haben sie in verschiedener Weise darum gerungen, ihre Lebensform oder Genderidentität, ihr Katholischsein und ihren Glauben miteinander in Einklang zu bringen. Denn genau diese Verbindung wurde den meisten von ihnen abgesprochen. Die Lebensgeschichten sind in sechs Kapitel unterteilt: 1. Familie, 2. Ist Katholischsein Zuhause?, 3. Religiöses Leben?, 4. Eine lange Reise, 5. Bedeutungsvolle Ereignisse, 6. Arbeit für Verständnis und Akzeptanz.

Das Buch wurde von den Engländerinnen Sandra Taylor und Hazel Barnes herausgegeben und vom niederländischen Verlag Esuberanza pünktlich vor der Familiensynode in Rom veröffentlicht. Das Buchprojekt wurde schon 2007 von Michael Brinkschröder und Andrea Krüger im Rahmen des Europäischen Forums christlicher LSBT Gruppen angestoßen und ist komplett ehrenamtlich entstanden. Mit Hilfe von zahlreichen Freiwilligen aus ganz Europa und der finanziellen Unterstützung der "Arcus Foundation" konnte es endlich realisiert werden.

Das Buch ist bereits auf einer internationalen Konferenz zum Einsatz gekommen. Titel der Konferenz war:  "LGBT Voices to the Synod", also lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Stimmen zur Synode. Sie fand im Kontext der Bischofssynode zum Thema Familie vom 1. -  4. Oktober in Rom statt. Es war zugleich die Gründungsveranstaltung des "Global Network of Rainbow Catholics". 85 Lesben, Schwule, Bi,-Trans-, Intersexuelle und Queers (LSBTIQ) aus Nigeria, Kenia, Botswana, Namibia, Südafrika, Indien, China, Malaysia, Australien, Tonga, Chile, Brasilien, Kolumbien, Puerto Rico, den USA und aus vierzehn europäischen Staaten waren vertreten.

Das globale Netzwerk hat auf der Konferenz ein Statement verabschiedet, das der Bischofssynode übermittelt wurde. Die Mitglieder erwarten vom Vatikan, dass LSBTIQ in der katholischen Kirche willkommen sind, ihre Partnerschaften anerkannt werden und die traditionelle Bewertung von Homosexualität als Sünde aufgegeben wird. Zugleich fordern sie vom Vatikan einen Dialog auf Augenhöhe. In der Tat wäre es eine wichtiges Signal, wenn die Bischöfe und Kardinäle sich endlich mit LSBTIQ treffen und ihren Lebensgeschichten zuhören würden. Denn um es mit Worten von Schwester Gramik zu sagen: Persönliche Geschichten sind stärker als dogmatische Lehrsätze.

 

Informationen zum Buch

Sandra Taylor/Hazel Barnes (Hg.), And God saw it all was very good. Catholic People in Europe Telling Their Stories, Esuberanza Publisher, Niederlande 2015

Mehr zum Thema der Tagung "LGBT Voices to the Synod"

Kerstin Söderblom, "Offene Türen? Die katholische Kirche und die Familiensynode in Rom"

aus dem chrismonshop

Das chrismon-Familienjahrbuch
Warum beginnt das Kirchenjahr im Dezember? Wie nennen die Astronomen den Morgenstern? Und wie geht noch mal das berühmte Lied dazu? Das neue Jahrbuch für Familien mit kleinen...

weitere Blogs

...und wir sollten dabei sein, sonst gibt es uns nicht. Aber müssen wir unsere digitalen Kirchtürme selbst bauen?
Das Internet ist nützlich, um neue Nachrichten zu verfolgen. Vieles ältere ist aber ebenfalls verfügbar – und spannend. Zum Beispiel: "Montageromane" über die junge BRD und ihre Kunstszene, ehemalige Bergwerke in 360 Grad, Orgeln zu hören (oder spielen).
test Aufmacher Blog
Neuzeitliches Interesse am Religiösen - an einem Bild zu sehen
In den USA kann man mit dem Auto an den Sarg fahren. Und eigentlich ist das gar nicht so schlecht.