Der Fall Sara K.

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Foto: Matthias Albrecht

Der Fall Sara K.
"Homosexuelle Menschen gehören getötet. Ist ja widerlich", schreibt Sara K. bei Facebook. Die Menschenrechtsgruppe Enough is Enough verbreitet den Post, zeigt die junge Frau an und informiert deren Arbeitgeberin. Dafür ernten die Aktivst_innen nun teilweise harsche Kritik. Doch ist diese Kritik wirklich berechtigt?

Das Internet ist keine parallele Welt, nichts von der Gesellschaft abgetrenntes, sondern ein Teil von ihr, eine Ausdrucksform unseres Zusammenlebens. Daher überrascht es wenig, dass neben vielen guten Inhalten auch menschenverachtende Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus und Homosexuellenfeindlichkeit über dieses Medium Verbreitung finden. Dabei rücken sogenannte Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Tumblr in der letzten Zeit immer stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit. So auch vergangene Woche, als eine Facebook-Nutzerin in einer dortigen öffentlichen Gruppe schrieb: "Homosexuelle Menschen gehören getötet. Ist ja widerlich." Die Menschenrechtsgruppe Enough is Enough (EiE) hat diesen Post, inklusive Namen und Foto von dessen Verfasserin, Sara K. auf ihrer Facebook-Seite geteilt, das Pflegeheim, in dem sie eine Ausbildung macht über das Geschehnis informiert und Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet. Als erste Konsequenz verlor Sara K. darauf ihren Job. Neben Lob wurde in den letzten Tagen auch deutliche Kritik an diesem Vorgehen der Menschenrechtsgruppe laut. Die Missbilligungen kam einerseits von konservativen Schwulenrechtlern, wie etwa David Berger oder Johannes Kahrs, aber auch von liberalen Kräften, beispielweise Micha Schulze, dem geschäftsführenden Redakteur des Portals Queer.de.

Der Tenor der Kritik lautet: Natürlich sei ein Mordaufruf gegen Homosexuelle vollkommen inakzeptabel und gehöre auch angezeigt, aber das Bekanntmachen der Identität der Verfasserin und insbesondere die Kontaktaufnahme mit deren Arbeitgeberin ginge doch deutlich zu weit. Enough is Enough wird nun unter anderem Gnadenlosigkeit, Denunziation und Selbstjustiz vorgeworfen, sowie dass sie so erst den Boden für Homosexuellenhass bereiten. Doch geht denen, die mit solchen Worten argumentieren, nicht genau das verloren, was sie ihrerseits bei Enough is Enough als so eklatant fehlend bemängeln? – Die Besonnenheit?

Sicherlich lässt sich darüber streiten, in wie weit es in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen eingreift, seine Taten öffentlich zu skandalisieren. Und Micha Schulze hat vollkommen recht, wenn er darauf insistiert, dass auch die Grundrechte unserer Gegner_innen akzeptiert werden müssen. Trotzdem ist es nicht von der Hand zu weisen, dass im hier behandelten Fall zwei Grundrechte miteinander konkurrieren. Nämlich die Persönlichkeitsrechte der Sara K. die hier eventuell tangiert wurden (eventuell, weil sie ihre Aussage ja selbst öffentlich gepostet hat) und das Recht auf Leben, Unversehrtheit und Ehre homosexueller Bürger_innen. In der Abwägung dieser beiden Güter, kann es doch wohl nur so sein, dass die Rechte der Geschädigten und der potentiell Bedrohten höher wiegen als die der Aggressorin. Deshalb war es ein absolut verantwortliches Handeln von Enough is Enough, die Arbeitgeberin zu informieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diejenigen, von denen die Kritik jetzt so laut schallt, von einem Menschen gepflegt werden wollen, der öffentlich zu ihrer Tötung aufruft. Es ist eine gesellschaftliche Pflicht, Pflegebedürftige vor solchen Personen zu schützen.

Offen bleibt die Frage, ob eine andere Reaktion seitens des Pflegeheimes möglich gewesen wäre. Vielleicht wäre eine vorübergehende Beurlaubung, das Suchen des Gesprächs und ein sich Verständigen auf Maßnahmen, die die Auseinandersetzung mit Menschenrechten für Homosexuelle intendieren, ein besserer Weg gewesen. Allerdings war das eine Entscheidung der Arbeitgeberin und kein Akt der Selbstjustiz seitens Enough is Enough, wie mehrfach von den Kritikern impliziert wird. Es wurde auch kein Berufsverbot ausgesprochen.

Ja, die Entlassung wird den Hass auf Lesben und Schwule höchst wahrscheinlich nicht mindern. Aber aus diesem Umstand heraus so wie Schulze und andere zu argumentieren, Enough is Enough würde quasi vorsätzlich und systematisch Homosexuellenhass heranzüchten, ist absurd – und wenn als Motiv für diese Unterstellung auch noch behauptet wird, Enough is Enough wolle durch ein solches Vorgehen, schlicht die Sicherung der eigenen Existenzberechtigung erreichen, in dem sie für Nachwuchs an Homosexuellenfeind_innen sorgen - was David Berger nahelegt - dann mutet das schon sehr verschwörungstheoretisch an. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, die aus Angst davor, dass diejenigen, die zur Tötung von Lesben und Schwulen aufrufen, sich noch weiter radikalisieren könnten, falsche Nachsicht walten lässt. Der Hass auf Nicht-Heterosexuelle ist eine ernstzunehmende Bedrohung, der entschieden auf allen Ebenen, egal ob in der Politik, am Arbeitsplatz oder eben in sozialen Netzwerken begegnet werden muss. Denn einen Automatismus, dass Homosexuelle nur weiter abwarten müssen, moderat bleiben sollten, ja auch mal den Mund auf machen können, aber bitte niemals zu laut, und dann am Ende wie von selbst die vollen Menschenrechte zugesprochen bekommen, ist eine falsche und deshalb gefährliche Sicherheit. Es gilt, den Anfängen und Auswüchsen von Menschenverachtung zu wehren. Immer. Überall. Kompromisslos.

Die Mittel und Strategien können, ja müssen dabei unterschiedliche sein. Es geht darum, einen gesellschaftlichen Wandel zu erreichen, der die unhintergehbare Norm, heterosexuell zu empfinden und sein Leben danach gestalten zu müssen, beendet. Da wäre es selbstverständlich zu kurz gegriffen, wenn wir es bei der Skandalisierung von Einzeltaten belassen würden. Und trotzdem ist das Herausstellen, das Bekanntmachen von dem ungeheuren Hass, der weiter in den Köpfen vieler Menschen wohnt, wichtig. Viel zu oft bleibt dieser unentdeckt, wird kaschiert, verschwiegen, entschuldigt, ignoriert etc. Doch die Vergegenwärtigung des alltäglichen Hasses ist ein wichtiger Part, um sich ein umfassendes Bild von der Homosexuellenfeindlichkeit machen zu können. Also, was bitte spricht hier gegen eine Arbeitsteilung? Die einen kümmern sich eben eher um die politischen und symbolischen Kämpfe, die nächsten beschäftigen sich wissenschaftlich mit der Erforschung heteronormativer Herrschaft, andere machen konkreten Homosexuellenhass öffentlich und wieder andere unterstützen homosexuellenfeindliche Menschen auf dem Weg der Überwindung ihres Hasses.

Vielleicht sind Christ_innen innerhalb dieser Arbeitsteilung besonders – wenn auch nicht ausschließlich - dafür prädestiniert, mit jenen, die Lesben und Schwule hassen, in persönlichen Kontakt zu treten, ihnen Gesprächs- und Begegnungsangebote zu machen, gemeinsam Wege zu gehen, auf denen der Hass überwunden werden kann. Denn Jesus nachzufolgen, heißt vergeben zu können. Wobei ich Vergebung nicht als eine Verleugnung von Schuld verstehe. Wir sind als Jünger_innen aufgerufen, die Schwachen zu schützen – und falls wir selbst dazu gehören, eben auch uns selbst –, dort wo Unrecht geschieht, dieses zu benennen und zu intervenieren. Vergebung bedeutet für mich ein Dennoch in Anbetracht der Schuld. Zu sagen: "Dennoch setzte ich mich jetzt mit Dir zusammen, dennoch höre ich mir jetzt an, was Du mir von Dir erzählen möchtest, dennoch gebe ich Dir jetzt einen Einblick in mein Leben und dennoch verschließe ich mein Herz jetzt nicht vor Dir." Leichter fällt uns das oft an den Stellen, an denen wir die Reue des anderen spüren. Schwerer ist es dort, wo wir sie noch nicht oder gar nicht wahrnehmen.

"Herr, gib uns die Kraft, dem Unrecht gegen Deine homosexuellen Kinder zu wehren und gib gleichzeitig die Stärke, auf die zuzugehen, die sie hassen. Amen."

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