Klare Worte

Codewort für Lesben, Schwule-, Bi-,Trans-, Intersexuelle und Queers

Foto: Kerstin Söderblom

Codewort für Lesben, Schwule-, Bi-,Trans-, Intersexuelle und Queers

Klare Worte
Barack Obama hat am 24. und 25. Juli Kenia besucht. Sein Vater ist Kenianer. Biografisch steht er dem Land sehr nah. Ein "Heimspiel" war sein Besuch trotzdem nicht. Trotz der Begeisterung vieler Menschen, die Obama auf den Straßen begrüßt haben. Denn Obama hat klare Worte gesprochen.

Barack Obama hat die politisch Verantwortlichen und die gesamte Bevölkerung Kenias aufgefordert, stärker gegen Korruption und Vetternwirtschaft vorzugehen. Die Menschen müssten das wirtschaftliche Schicksal des Landes selbst in die Hand zunehmen statt auf westliche Hilfen zu warten. Ansonsten lobte er die positive wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Trotzdem sparte Obama nicht mit Kritik. Er prangerte die Ungleichbehandlung von Frauen in der Gesellschaft an und kritisierte die Diskriminierung von Lesben und Schwulen in Kenia. Dass Menschen aufgrund ihrer Liebe zu gleichgeschlechtlichen Partnern "anders behandelt oder misshandelt werden, ist falsch - Punkt", sagte Obama unmissverständlich bei seinem Zusammentreffen mit Kenias Staatschef Uhuru Kenyatta in Nairobi. Klare Worte in einer schwierigen Gemengelage. Ich wünschte mir, dass Politikerinnen und Politiker häufiger so klare Worte finden!

In Kenia sind gleichgeschlechtliche Beziehungen illegal und können mit Haftstrafen bis zu 14 Jahren bestraft werden. Damit steht Kenia nicht allein da. In 31 afrikanischen Ländern südlich der Sahara ist gleichgeschlechtlicher Sex verboten. Strafen reichen von Gefängnis- bis zur Todesstrafe in Mauretanien, Sudan, Somalia und in Teilen des islamischen Nordens Nigerias. Lesben und Schwule werden drangsaliert, kriminalisiert und aus ihren Familien und Gemeinschaften ausgeschlossen. Lediglich in Südafrika sind die Rechte von Lesben und Schwulen in der Verfassung verankert, obwohl es auch dort immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen kommt. In Mosambik und Botswana ist Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung ebenfalls verboten. Leider sind diese Beispiele Ausnahmen in einem scheinbar komplett homophoben Kontinent.

Dabei war das nicht immer so. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Afrika-Spezialisten weisen darauf hin, dass homosexuelle Subkulturen in afrikanischen Ländern durchaus bekannt und geduldet waren. In Kenia soll es allein vier Ethnien gegeben haben, die die Heirat unter Frauen erlaubt haben. Auch an der kenianischen Küste zum indischen Ozean und auf der Insel Sansibar waren Lesben und Schwule geduldet, solange sie ihre Beziehungen im privaten lebten und sie nicht an die große Glocke hängten.

Der  Kanadische Wissenschaftler Marc Epprecht weist darauf hin, dass die afrikanische Lebensphilosophie von "Ubuntutu" Mitmenschlichkeit, Gemeinsinn und Verantwortungsgefühl umfasst und lange Zeit Formen gleichgeschlechtlicher Beziehungen duldete. Epprecht hält den Standardvorwurf afrikanischer Politiker für geradezu absurd, dass Homosexualität ein Phänomen westlicher Dekadenz sei, um Afrika in neokolonialer Weise mit Homosexualität zu infizieren und zu schwächen. Denn nicht die Homosexualität sei mit westlichem Kolonialismus und westlicher Mission nach Afrika gekommen. Sie gab es vorher schon in Afrika. Sondern die puritanische und viktorianisch verklemmte Sexualmoral und Homophobie, die der Westen mitbrachte.

In den Gesetzeskodexen der europäischen Kolonialherren  war die Kriminalisierung von homosexuellen Handlungen enthalten. Sie sind teilweise bis heute gültige Grundlage der Rechtsprechung in verschiedenen afrikanischen Ländern. Diese Form der Kriminalisierung von Homosexualität hatte es vor der Kolonialisierung und Missionierung in den afrikanischen Ländern nicht gegeben. 

Heutzutage sind es vor allem US-Amerikanische Evangelikale und christliche Fundamentalisten wie der Lobbyist und Vorsitzende der American Familiy Association Scott Lively, die ihr fanatisches Missionsprojekt nach Afrika bringen. Nachdem sie in den USA und in westlichen Ländern kaum mehr gehört werden, exportieren sie ihre aggressiv homophoben Ansichten in afrikanische Länder. Scott Lively war gemeinsam mit den US-Amerikanern Don Schmierer und Caleb Lee Brundidge vor einigen Jahren an der Vorbereitung des Gesetzes zur Verschärfung der Strafbarkeit von Homosexualität in Uganda beteiligt. Das Gesetz sah die Todesstrafe für Lesben und Schwule vor. Aufgrund des internationalen Protests wurde die Strafe im Frühjahr 2014 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Aber auch diese Verschärfung wurde aus Angst vor dem Verlust von westlichen Entwicklungsgeldern ausgesetzt. Zahlreiche Parlamentarier in Uganda setzen sich aber weiterhin für eine Verschärfung des Gesetzes ein.

Als ein konkreter Anlass für die aggressive Ablehnung von Homosexualität in vielen afrikanischen Kirchen  wird die Ernennung des schwulen anglikanischen Priesters Gene Robinson zum ersten offen schwulen Bischof der Anglikanischen Kirche in den USA in der Diözese von New Hampshire im Jahr 2004 angesehen. Die Bischofsweihe von Robinson war umstritten und hat die Anglikanischen Kirchen weltweit fast in eine Spaltung geführt. Viele Anglikanische Kirchen in Afrika haben gegen die Bischofsweihe aufs schärfste protestiert und daraufhin ihre ablehnende Position gegenüber Homosexualität und gleichgeschlechtliche Partnerschaften explizit ausformuliert. Sie nutzten vor allem  wörtliche Bibelzitate, um ihre Positionen pseudo religiös zu legitimieren und zu stärken.

Staatspräsident Kenyatta  hat Präsident Obamas Kritik an der Diskriminierung von Lesben und Schwulen am 25. Juli  mit dem Hinweis zurückgewiesen, dass gleichgeschlechtliche Lebensweisen nicht zur Kultur und Religion Kenias bzw. Afrikas gehörten und daher der Bevölkerung nicht zu vermitteln seien. Der Umgang mit Homosexuellen sei für ihn daher kein Thema. Damit war für ihn das Thema beendet.

Von anderen wurden Obamas Worte mit Freude verfolgt. Denn seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es in verschiedenen afrikanischen Ländern mutige Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle und ihre Freundinnen und Freunde, die sich im Geheimen in Gruppen zusammenschließen und sich gegen Diskriminierung und Kriminalisierung engagieren. Viele von ihnen werden in ihren Ländern verfolgt. Der schwule Menschenrechtsaktivist David Kato beispielsweise wurde aufgrund seines Engagements in der Lesben- und Schwulenbewegung in Uganda im Jahr 2011 ermordet, nachdem die Boulevardzeitung Rolling Stone die Fotos und Adressen von 100 "Top Homos" unter der Überschrift "Hängt sie!" veröffentlicht hatte. Katos Name stand auf der ersten Zeitungsseite.

Auch der bekannte Schriftsteller Binyavanga Wainaina aus Kenia hat sich 2014 geoutet. Er fügte seinem Internetblog ein "verlorenes Kapitel" seiner 2011 veröffentlichten Autobiographie hinzu und outete sich als schwul. Dazu stellte er ein Youtube Video ins Netz, warum er sich nicht länger verstecken wollte. Damit hat Wainaina eine hitzige Debatte in Kenia ausgelöst. Übergriffe und Gewalt bleiben aber an der Tagesordnung.

Diese und andere Hassverbrechen und homophoben Übergriffe in Kenia, Uganda, Kamerun und anderswo zeigen, wie wichtig die klaren Worte von Barack Obama bei seinem Besuch in Kenia waren. Die reservierten Reaktionen der Machthaber darauf zeigen aber auch, wie kompliziert die Auseinandersetzung in der Gemengelage von Kolonialismus, Mission, Rassismus und religiös motivierter Homophobie sind.

Es bleibt noch viel zu tun, damit Menschen in Afrika unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und Genderidentität gleichberechtigt und sicher in ihren Ländern leben können.  Als afrikanische Bürger und Bürgerinnen, denen körperliche Unversehrtheit zugesichert wird, und die sich auf unveräußerliche Menschenwürde und Menschenrechte für alle berufen können.

 

Literatur zum Weiterlesen

- Marc Epprecht, Sexuality and Social Justice in Africa. Rethinking Homophobia and Forging Resistance, London - New York 2013

- Kerstin Söderblom, Homophobie und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, in: Strube, Sonja A. (Hg.), Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie, Freiburg i.Br. - Basel - Wien 2015, S. 223 - 241

- Binyavanga Wainaina, "I am a Homosexual, Mum" (A lost chapter from "One Day I Will Write About this Place"), Blogeintrag in: Africa is a Country (19. Januar 2014)

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Gestern Abend las ich nochmal ein wenig, was so auf twitter los ist, da traf ich dann auf einen neuen Account, der schon recht groß ist und - Achtung: Spoiler! – den ich sehr lustig finde.