Confessio Digitalis

Hanno Terbuyken, Leiter Digitale Kommunikation im GEP, notiert im Blog "Confessio Digitalis" seine Gedanken, Beobachtungen, Links und Interviews rund um Digitalisierung, digitale Kirche und die vernetzte Gegenwart.

Glaubwürdigkeit im Netz: Wer glaubt wem?

Glaubwürdigkeit im Netz: Wer glaubt wem?
Wir leben in einer Welt, in der jede jedem alles erzählen kann. Das stellt Zuschauer*innen ebenso vor Herausforderungen wie Journalist*innen.

Dies ist das um Links ergänzte Manuskript des Impulsvortrages, den ich beim Christlichen Medienkongress 2020 in Schwäbisch Gmünd zum Thema "Glaubwürdigkeit der Medien in digitalen Zeiten" halten durfte. Vor mir gaben Jörg Dechert, Vorstandsvorsitzender von ERF, und Corinna Buschow, Chefkorrespondentin des epd, zwei Impulsvorträge zum gleichen Thema.

Wir leben in einer Welt, in der jede jedem alles erzählen kann. Auf YouTube, Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, TikTok, Twitch, Medium und in den Kommentarbereichen der Medienmarken gibt es kaum Hürden, den eigenen Blick auf die Welt zu verbreiten.

Einem beruflichen Ethos sind dabei die wenigsten verpflichtet. Ausgebildete Journalisten, die mit einem klaren Berufsethos in Medienunternehmen und Rundfunkanstalten Inhalte produzieren und verbreiten, sind in der ganzen Medienwelt in der Minderheit. Auch die Klickzahlen, Auflagen und Einschaltquoten der klassischen Medienmarken können im Vergleich mit den Mengen an nutzergenerierten Inhalten nicht mehr mithalten.

Der Deutsche Journalistenverband vertritt laut eigener Angabe 33.000 Mitglieder. Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok, Twitter, Pinterest und YouTube kommen in Deutschland zusammen auf 92 Millionen wöchentlich oder monatlich aktive Nutzer*innen (aktuelle Zahlen in der jährlichen Zusammenstellung von Christian Buggisch).

Allein auf YouTube erzeugen Nutzer*innen weltweit eine unerschließbare Menge an Inhalten. Es sind absurde Zahlen: Im Mai 2019 wurden jede Minute mehr als 500 Stunden Video auf YouTube hochgeladen, die Zahl kennen wir alle (Quelle). Das sind 10,95 Millionen Tage neue Inhalte jedes Jahr!

Darunter finden sich Musikvideos und Schminktipps, Kinderlieder und Do-it-yourself-Anleitungen ebenso wie Videos von russischen Landstraßen, den Protesten in Hongkong oder Polizeigewalt in den USA.

Wer soll das alles sehen? Und noch viel wichtiger: Wer soll das alles glauben?

Denn die Frage, ob das alles wahr ist, was auf den Plattformen veröffentlicht wird – egal ob Text, Bild oder Video – obliegt allein den Hochladenden. Wer lügen möchte, wird nicht daran gehindert. Wer Unsinn verbreiten möchte oder das versehentlich tut, wird nicht aufgehalten.

Transparenz, Überprüfbarkeit und Kompetenz

Außer manchmal. Die Community ist das größte Korrektiv. Denn gibt es unter den Zuschauer*innen fast immer welche, die sich tatsächlich besser auskennen als der Mensch vor der Kamera. Es sei denn, dieser Mensch ist eine ausgewiesene Expertin in ihrem Feld.

Menschen wie Katharine Hayhoe, kanadische Klima-Wissenschaftlerin, gehören zu den Expert*innen, die ihre Glaubwürdigkeit auf der Präsentation empirisch überprüfbarer Fakten aufbauen. Dazu gehört nicht nur ihr Twitter-Account, sondern auch der YouTube-Kanal "Global Weirding", in dem sie Klimafragen allgemeinverständlich aufbereitet. Hayhoe ist ein Beispiel für glaubwürdige Expertinnen und Experten, die in der Social-Media-Welt für jeden direkt zugänglich sind. Fachbücher sind nicht mehr nötig, um an dieses Wissen zu kommen. Journalist*innen als Vermittler für dieses Wissen auch nicht (obwohl sie natürlich als Expert*innen für die Aufarbeitung von Inhalten gefragt sein können).

Wer keine Expertin ist, muss darauf achten, das richtige Wissen richtig zu recherchieren. Laura Sophie ist das nicht gelungen. Die 16-Jährige hat 2,2 Millionen Follower auf TikTok, üblicherweise beschäftigt sie sich mit unpolitischen Inhalten. Aber mitten in der Krise zwischen USA und Iran lieferte sie eine bemerkenswerte Analyse der Lage: "Der dritte Weltkrieg wird ausbrechen", weil sich Nato-Partner an einem möglichen Angriffskrieg beteiligen müssten und Iran "extrem viele Atomwaffen" habe. Dafür wurde sie heftig kritisiert und virtuell ausgelacht, bis sie den TikTok-Post wieder löschte. Ihre Kurzbeschreibung der Situation war einfach an zu vielen Stellen falsch.

Wie man es besser macht, zeigt Mai Thi Nguyen-Kim, bekannt für ihren YouTube-Kanal maiLab. Sie ist promovierte Chemikerin und hat im "funk"-Netzwerk von ARD und ZDF einen der erfolgreichsten Wissenschaftskanäle im deutschen YouTube aufgebaut. 2018 bekam sie dafür (zu Recht) den Grimme Online Award. Rezo hat es mit seinem YouTube-Hit "Die Zerstörung der CDU" ebenfalls geschafft, seine persönliche Glaubwürdigkeit als Mensch mit großer Transparenz bei seinen verwendeten Quellen zu verbinden. Über das Rezo-Video muss man nicht mehr viel sagen, erwähnt sei aber, dass es inzwischen über 16,5 Millionen Aufrufe hat.

Die Transparenz und Überprüfbarkeit der verwendeten Informationen ist ein wesentlicher Faktor für Glaubwürdigkeit im Netz. Bei dieser Überprüfbarkeit kann übrigens auch der klassische Journalismus noch besser werden. T-Online.de beispielsweise listet bereits verwendete Quellen am Ende eines Inhalts separat auf. Jonah Peretti, Gründer und CEO von BuzzFeed, hat in seinem Ausblick auf 2020 ebenfalls angekündigt, der journalistischen Aufbereitung noch viel häufiger Originaldokumente nebenbei zu stellen, damit Leser*innen sich anhand der Belege selbst ein Bild von den Tatsachen machen können.

Transparenz und Kompetenz können von einem dritten Faktor aber vollständig überlagert werden: Vertrauen oder Misstrauen in die Person, die vor der Kamera spricht. Der Wegfall von Vermittlern durch die Digitalisierung (also Disintermediatisierung) führt dazu, dass sich einzelne Menschen - gerade auf YouTube - ausgesprochen gut als "echt" und "ungefiltert" präsentieren können, selbst wenn sie es nicht sind. Wer sich als "unabhängig" präsentieren kann, bekommt einen höheren Glaubwürdigkeitsvorschuss und kann sich damit von Institutionen und Redaktionen abheben, die im Vergleich unpersönlicher und unglaubwürdiger erscheinen.

Hier greift unter anderem das Phänomen der "parasozialen Interaktion": Nutzer*innen bauen eine Beziehung zu medialen Figuren auf, die dazu führt, dass sie ihnen mehr vertrauen als anderen Quellen. Besonders das Online-Streaming ermöglicht den Aufbau solcher parasozialen Beziehungen, denn die YouTuber und Streamer*innen sind stundenlang bei dir, häufiger als jede Freundin und jeder Freund.

Reden und Handeln müssen übereinstimmen

Dieses Primat der Person wird problematisch, wenn dabei die klassische journalistische Verpflichtung zur Wahrheit unter den Tisch fällt, weil beispielsweise der Kontrollmechanismus des professionellen Verlagshaus oder der Redaktion nicht da ist. Zuschauer*innen durchschauen zwar ziemlich viel, gerade wenn es um Glaubwürdigkeit als Person geht (siehe den etwas skurrilen Versuch des Social-Stars Paul Zimmer, sich nach zwei Jahren als "Troy Becker" neu zu erfinden). Reden und Handeln müssen miteinander übereinstimmen. Luisa Neubauer von "Fridays For Future" hätte sich beispielsweise ziemlich unglaubwürdig gemacht, wenn sie den Siemens-Aufsichtsratsposten angenommen hätte, der ihr angeboten wurde.

Auch Quellenkompetenz wird zunehmend wichtiger für Zuschauer*innen: Wer erzählt mir was warum, und woran kann ich prüfen, ob die Information stimmt? Die zukünftige Herausforderung wird sein, ob die Antwort "weil ich euch wahrheitsgetreu informieren möchte" überhaupt noch irgend jemandem im Mediengeschäft geglaubt wird.

Zum Thema Glaubwürdigkeit gibt es noch viele andere Stichworte, die Erwähnung und Erläuterung wert sind: Deep Fakes, Klarnamen-Pflicht, Desinformations-Kampagnen, die Verantwortung der Plattformen selbst oder die Rolle subjektiver Erfahrungen, die nicht intersubjektiv überprüfbar sind.

Eine Sache wäre aber wünschenswert: Dass das 8. Gebot – du sollst nicht lügen – auch im Netz als Maßstab für Glaubwürdigkeit gilt. Dass das gerade dieser Zeit nicht so ist, bekommen wir aber leider täglich vorgeführt.

Vielen Dank für's Lesen und Mitdenken!


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass Digitalis auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel Confessio Digitalis natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!

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