Confessio Digitalis

Hanno Terbuyken, Leiter Digitale Kommunikation im GEP, notiert im Blog "Confessio Digitalis" seine Gedanken, Beobachtungen, Links und Interviews rund um Digitalisierung, digitale Kirche und die vernetzte Gegenwart.

Digitaler Urlaubsminimalismus

Digitaler Urlaubsminimalismus
Minimalismus geht nur mit digitaler Hilfe, wenn man nicht gleich auf sämtliche Information und Unterhaltung verzichten möchte. Eine große Bibliothek passt heute schließlich schon auf 0,02 Quadratmeter.

Die meisten von uns haben zu viel Zeug. Kein Wunder, dass Marie Kondo mit ihrer Aufräum-Serie auf Netflix im Januar einen Hit gelandet hatte. "Does it spark joy?" war die Frage des Jahres, bringt das Freude oder kann das weg? Wie wenig man wirklich braucht, ist mir gerade im Urlaub noch mal klar geworden.

Wir waren zu zweit zwei Wochen mit einem Campervan in Schottland unterwegs. In dem ausgebauten VW-Bus, den wir uns vor Ort gemietet haben, war naturgemäß nicht viel Platz: Zwei Sitze vorne, eine Sitzbank hinten, die zum Bett werden kann, gegenüber der Schiebetür die klassische schmale Camper-Küchenzeile mit Gasherd und Waschbecken. Oben noch ein Aufstelldach mit Zeltwänden, damit man stehen kann und das ein weiteres Bett beherbergt.

Unser Campervan hatte vier Teller, vier Tassen und Gläser, Besteck für vier, einen Topf und eine Pfanne. Bettzeug und Handtücher dazu, das war's. Im Van lässt es sich damit zu zweit gut leben. Verglichen mit einem Schloss wie Dunrobin Castle nördlich von Golspie an der schottischen Ostküste ist das natürlich Askese. Der Kontrast zwischen dem Campervan und dem Riesenschloss ist erheblich: Schlafzimmer, Ankleidezimmer, Frühstückszimmer, Esszimmer, Musikzimmer, Kinderzimmer, Arbeitszimmer, Salon, Nähzimmer und in den ehemaligen runden Treppenhäusern dann noch Badezimmer aus dem 19. Jahrhundert. Irgendwo lagert Dinnerporzellan für Dutzende Gäste, im Garten nach französischem Vorbild haben die Herzöge und Grafen von Sutherland ein Museum für ihre Jagdtrophäen gebaut.

Natürlich gibt es auch eine Bibliothek im Schloss Dunrobin, ein besonders absurder Raum, weil dort nicht nur hunderte Bücher stehen, sondern auch zwei Löwen- und zwei Tigerfelle zur Dekoration auf dem Boden liegen - komplett mit Schädel und Zähnen. Im Reisegepäck hatten wir dagegen kein einziges gedrucktes Buch dabei. Selbst wer selbst so ein Gefährt besitzt, wird kaum eine Bibliothek einbauen, dafür ist der Platz dann doch zu begrenzt. Einen Monitor oder gar Fernseher findet man erst ab einer Größe von Wohnmobil, die nicht mehr nach Schottland passt, und Löwenfelle hoffentlich gar nicht.

Trotzdem hatten wir genug zu lesen und zu sehen für die längeren Abende im Van. Ein Tablet, zwei Smartphones und ein Kindle ersetzen Kochbücher, PC, Fernseher und eine ganze Bibliothek. Ein E-Reader mit 8 GB Speicherplatz fasst großzügig gerechnet und ohne Audiobooks rund 800 Bücher auf 0,02 Quadratmetern Platz. Für die Abende haben wir "Good Omens" offline auf dem Tablet mitgenommen (übrigens sehr sehenswert, auch für Fans des Buches).

So passen eine Bibliothek und ein kleines Kino in jedes Reisegepäck. Eine Form von Minimalismus, die übrigens nicht mit Verzicht gleichzusetzen ist. Denn wir verzichten nur auf Bildschirmgröße und das haptische Gefühl von Papier. Das Kinoerlebnis und die Buchseiten haben einen eigenen emotionalen Wert, aber lernen und unterhalten werden geht auch ohne. Es ist vielmehr eine Form von Freiheit: Heute kann jede*r eine Bibliothek mit 1.000 Büchern haben, ohne eine Bibliothek in der Größe einer Drei-Zimmer-Wohnung einrichten zu müssen, und sie sogar in den Urlaub mitnehmen. Mit der Möglichkeit, Bücher digital auszuleihen oder Musik per Abo-Dienst zu hören, wird die Verfügbarkeit von Information und Unterhaltung auch finanziell erschwinglicher.

Aufräumen muss man trotzdem noch. "Digital clutter", die digitale Form des ungelesenen Bücherstapels neben dem Bett, ist genauso schnell geschaffen wie physikalisches Gerümpel. Wenn Steam-Sale ist, sogar noch schneller. Dinge, die man gar nicht benutzt, bringen eben auch keine Freude. Und im Urlaub hat es mir auch gutgetan, den Tag über einfach in der schottischen Halbwildnis zu wandern statt den ganzen Arbeitstag lang auf einen Monitor zu blicken, egal wie groß. Ohne Empfang ist das Smartphone eben auch nur eine Kamera.

Vielen Dank für's Lesen und Mitdenken!


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!

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