Confessio Digitalis

Hanno Terbuyken, Leiter Digitale Kommunikation im GEP, notiert im Blog "Confessio Digitalis" seine Gedanken, Beobachtungen, Links und Interviews rund um Digitalisierung, digitale Kirche und die vernetzte Gegenwart.

Twitter braucht keinen "Edit"-Button

Twitter braucht keinen "Edit"-Button
Twitter hat seine Webseite neu designt. Einer der häufigsten Wünsche der Nutzer ist aber nicht erfüllt worden: Die Möglichkeit, Tweets nachträglich zu bearbeiten. Es wäre auch keine gute Idee.

Twitter hat in dieser Woche bei einem Event in San Francisco die nächsten Schritte und Ideen vorgestellt, wie Twitter sich weiterentwickeln möchte, nachdem sie neulich die Desktop-Webseite redesignt haben. Mehr kuratierte Feeds, die Nutzerinteressen besser abbilden können, vielleicht doch keine Anzeige der Anzahl von Retweets und Likes und die Frage, wie Twitter mit problematischen und toxischen Inhalten umgeht, die trotzdem nicht gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen: Alles interessant und wichtig.

Aber was die Nutzer*innen wirklich bewegt, ist der Wunsch nach der Editier-Funktion. Im Moment lassen sich Tweets gar nicht mehr verändern, sobald man sie abgeschickt hat. Das wünschen sich viele Leute anders.

Ich gehöre nicht dazu. Ein Tweet ist immer der Ausgangspunkt einer Konversation, selbst wenn keiner darauf antwortet. Wenn jemand hinterher behaupten kann "das habe ich aber nicht gesagt", wird das Vertrauen in das Gespräch schwierig. Auf der Basis lässt sich nie ein Kompromiss finden oder überhaupt ein Standpunkt erkennen. Gerade wenn die Beiträge eigentlich nachlesbar sind, sollte das verlässlich bleiben.

Twitter ist ein Medium, in dem die Menschen ihre Meinungen zum Teil sehr absolut vertreten. Wenn sie dann an den Rückmeldungen merken, dass sie das doch nie sagen wollten, bleibt bisher nur das Löschen des Tweets. Wäre eine nachträgliche Änderung des Tweets aber möglich, könnten sie nachträglich lügen und ohne eine Spur so tun, als wäre eigentlich alles anders gewesen. Einer ehrlichen Diskussion ist das nicht zuträglich.

Die Frage, die sich die Social-Plattformen aus dem Silicon Valley nicht oft genug stellen, ist: Wie könnte man unsere Plattform missbrauchen und was tun wir dagegen? Vor der Einführung einer Editierfunktion müsste Twitter diese Frage nochmal genau ausleuchten. Zum Beispiel wird die politische Auseinandersetzung dieser Tage gerne mit dem Mittel des Screenshots betrieben. Es ein Leichtes, mit editierbaren Tweets kontextfreie negative Darstellungen zu erzeugen. Ein hypothetisches Beispiel: Ein Account mit einem Allerweltsnamen postet einen heiß erwarteten Kinotrailer und sammelt unter anderem die positive Reaktion eines Landtagsabgeordneten ein. Vor dem Wahlkampf acht Monate später ändert er den Ausgangstweet in eine rassistische Aussage, postet einen Screenshot davon und verbreitet das entsprechend. Weil es einen Link zu dem echten, aber geänderten Tweet und der echten Antwort gibt, ist das nicht unmittelbar als Fake zu entdecken.

Die Macht des Screenshots

Das muss Twitter auf jeden Fall verhindern. Wie könnte das trotz einer Editierfunktion gehen? Es gibt einige Vorschläge dazu, angefangen bei einer sichtbaren Markierung "Dieser Tweet wurde bearbeitet", wie es die meisten Internetforen schon seit 20 Jahren haben. Das allerdings würde mir nicht reichen, wenn der Ausgangstweet nicht ebenfalls zur Verfügung gestellt wird. Ob Twitter aber eine Edit-History für jeden Beitrag speichern möchte, ist fraglich, wäre aber nötig. Zudem schauen die meisten Menschen auf solche Korrekturhinweise auch nicht drauf, gerade wenn sie nur einen Screenshot sehen.

Ein anderer Vorschlag ist, nur fünf Minuten Editierzeit nach Veröffentlichung anzubieten. Das gibt den meisten Menschen genug Zeit, Schreibfehler zu korrigieren, was der häufigste Grund für die Edit-Forderung ist. Trotzdem erhält es die Permanenz des Gesprächs und die Verbindlichkeit der eigenen früheren Aussagen. Mit der Lösung könnte ich mich auch anfreunden.

Auf Facebook übrigens lassen sich frühere Posts nachträglich ändern, da habe ich das "Fake"-Problem noch nicht in dieser Weise erlebt. Auf Instagram kann man den Text verändern, aber nicht das Bild, das für die Plattform die Hauptaussage ist. Twitter ist allerdings viel stärker noch ein Meinungs- und Reaktionsmedium, auf dem ich den absichtlichen Missbrauch einer solchen Funktion viel stärker erwarte. Sollte Twitter tatsächlich eine Editierfunktion einbauen, hoffe ich jedenfalls, dass sie vorher sehr, sehr intensiv daüber nachgedacht haben.

Vielen Dank für's Lesen und Mitdenken!


Im Blog Confessio Digitalis schreibe ich meine Beobachtungen, Links und Interviews zu den Themen Digitalisierung, Digitale Kirche und digitalisierte Welt auf. Ich bin erreichbar auf Twitter als @dailybug.

P.S.: Leser*innen haben mich darauf hingewiesen, dass "Digitalis" auch der Name der Fingerhut-Pflanzen ist, die zu Gift verarbeitet werden können. Das lässt den Blogtitel "Confessio Digitalis" natürlich ein bisschen fies klingen. Andererseits behandelt man mit Digitalis-Präparaten auch Herzprobleme. Und dass das digitale Herz der Kirche besser schlägt, ist mir ein Anliegen. Deswegen lasse ich den Namen des Blogs so - nehmt es als Präparat!

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