Katze aus dem Sack

Katze aus dem Sack

Was die Google-Kampagne heute schon bewirkt hat. Wie der Bundestag seriös das LSR liest. Wie das Sparen beim Spiegel erzählt werden kann. Was ARD und ZDF für die Jugend planen.

Einen Vorteil hat die Google-Kampagne "Verteidige Dein Netz" am Tag nach der Erregung in den Zeitungen darüber (Altpapier von gestern) für diese Zeitungen dann doch: FAZ, SZ und Zeit beschert sie einseitige Anzeigen im Politikbuch.

Was sonst von gestern übrig blieb, bilanziert Daniel Bouhs in der TAZ:

"Einen Tag nachdem Google mit einem prominenten Hinweis auf seiner Startseite damit begonnen hat, seine Nutzer dazu aufzurufen, bei der Politik gegen ein sogenanntes Leistungsschutzrecht zu intervenieren, blieb der gewünschte Ansturm im Bundestag aus."

Die Feststellung wird auch mit Zahlen unterfüttert:

"Der CDU-Abgeordnete Thomas Jarzombek, für die Union in der Internet-Enquete des Bundestags, teilte schon am Abend des Kampagnenstarts per Tweet gleich auch für seine Kollegen mit: 'Die Bilanz der Google-Aktion: 3 Mails bei mir, 5 bei Peter Tauber. Damit kann ich jetzt doch beruhigt zu Bett gehen.' SPD-Mann Lars Klingbeil und andere notierten, bei ihnen sehe es ähnlich aus - also ähnlich mau."

Beruhigt zu Bett gehen, das könnte auch heute klappen, die Frage ist nur, wann. Marcel Weiss hatte via Carta ja schon am Dienstag drauf hingewiesen, dass die erste Lesung des Gesetztes zum Leistungsschutzrecht für 1.50 bis 2.25 Uhr in der Nacht zum morgigen Freitag angesetzt ist. Bouhsens Text korrigiert den Termin noch etwas nach hinten:

"Statt am Donnerstagabend wird der Bundestag nun voraussichtlich Freitag früh diskutieren, von 2.05 bis 2.45 Uhr - die neuen Milliarden für Griechenland kommen dazwischen."

Macht immerhin schon 40 Minuten, und Spaßvögel könnten anmerken, dass einer seriösen Befassung nichts im Wege steht – ein Fußballspiel von breiterem Interesse findet parallel nicht statt. Wer sich wundert, dass im Bundestag so spät überhaupt noch gearbeitet wird (das LSR-Gesetz ist nicht der letzte Tagesordnungspunkt), dem sei ein kleiner Artikel aus dem aktuellen Spiegel über den Zusammenhang von Müdigkeit und Politik empfohlen:

"Politik ist ein einfaches Spiel: Es sitzen viele Menschen um einen Tisch herum, und am Ende gewinnt der, der am längsten wach bleibt."

Alternativ könnte sich auch der Film "L'exercice de l'Etat" angeschaut werden, der unter dem an Didi gemahnenden Titel "Der Aufsteiger" gerade im Kino läuft und nüchtern ein präzises Bild von der Arbeit des politischen Betriebs zeichnet – Übermüdetsein ist darin eine Leitmotiv.

Wer sich nicht wundern will, der kann in Sachen Google-Kampagne die kurze Notiz auf Meedia.de lesen, in der ein Brief von den BDZV-Chefs Hubert Burda und Helmut Heinen zusammengefasst wird (der auch auf der BDZV own homepage nur als Meldung angeteasert wird). Die spannendste Frage daran ist eigentlich nur, ob die von Bouhs zusammengefassten Zahlen über Reaktionen auf den Google-Aufruf den Eingang dieses Schreibens einschließen oder nicht (weil es sich ja um ein Kontra handelt). Denn drin steht:

"Googles Kampagne arbeite mit 'irreführenden Aussagen und unbegründeten Behauptungen'. Und sie instrumentalisiere die Nutzer 'im Eigeninteresse'. Zitat: 'Jeder sollte wissen, Google ist noch zu viel mehr im Stande – ohne sich wie die deutsche Presse der Wahrheit verpflichtet zu fühlen.'"

Die Wahrheit – für was anderes würden vor allem die Redakteure von Springers heißem Blatt doch gar nicht jeden Morgen aufstehen. Müssen gleich, wenn wir hier fertig sind, eine Mail an den Buprä absetzen, dass Joachim Gauck das dringend demnächst in einer Rede gebührend würdigt. Derweil könnte ein kritischer Qualitätsjournalist der Behauptung aus dem Brief, "Google mische sich in die deutsche Politik ein, nachgehen. Wenn das stimmen sollte, wäre das "nachgerade" (JBK) ein dicker Hund. So was würde die truth seeking deutsche Presse nämlich nie tun, die ist in ihrem Verhältnis zu den Spitzen der Politik auf professionellsten Abstand bedacht.

[+++] Hottest News des Tages stammen aber aus einem Interview, das Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe der SZ gegeben hat. Das Destillat hört sich nicht gut an:

"Der Geschäftsführer der Spiegel-Gruppe, Ove Saffe, kündigt einen Sparkurs für sein Unternehmen an. 'Wir müssen sparen und die Kostenstrukturen so gestalten, dass die Spiegel-Gruppe trotz rückläufiger Umsätze solide Ergebnisse erwirtschaftet', sagte Saffe der Süddeutschen Zeitung. Dabei schließt Saffe auch einen Stellenabbau nicht aus."

Im Wortlaut klingt das so:

"Denn wir müssen unsere gesamte Organisation verändern - entsprechend dem medialen Strukturwandel und den Veränderungen im Markt. Dazu gehört auch, dass wir den Personalaufwand reduzieren müssen."

Zahlen nennt Saffe auch:

"Unser Gesamtumsatz wird in diesem Jahr um sechs Prozent sinken auf rund 307 Millionen Euro, das ist das Niveau von 2003. Die für das Printgeschäft entscheidenden Marktbereiche Anzeigen und Vertrieb sind rückläufig. Der Spiegel verliert netto rund zehn Prozent Anzeigenerlöse, selbst die Vertriebsumsätze könnten erstmals seit vielen Jahren rückläufig sein."

Interessant ist an Gespräch und Meldung, dass beides vor dem Hintergrund der letzten Woche doch deprimierend klingt – auch wenn sich Saffe (und die Überschrift des Interviews) nicht in Jammerei ergeht:

"Der Journalismus ist nicht in der Krise, sondern hat Chancen wie nie zuvor. Die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum sind gut. Wir sehen das an der Marke Spiegel, die noch nie eine so große Leserschaft hatte wie heute."

Wie man die Geschichte von den bevorstehenden Sparmaßnahmen beim Spiegel auch anders erzählen kann, beweist der Wärmestuben-Journalismus der die Zeit. Dort (Seite 30) berichten Alina Fichter und Götz Hamann von den "teils überraschenden Antworten" auf die "Schicksalsfrage" deutscher Verlage (wie im digitalen Zeitalter überleben?), die die Spiegel-Chefs Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron am Montag auf einer "internen Redaktionskonferenz" gegeben haben.

Der Artikel macht schon deshalb mehr Laune, weil die beiden Chefs sich wieder vertragen:

"Im Frühjahr hatten sich die Chefjournalisten noch 'heftig gestritten', wie Mascolo freimütig bekennt. Print oder Online: Wer hat Vorrang? Wer bestimmt, wann Journalismus im Internet etwas kosten soll? Diese Auseinandersetzung finden in allen Verlagen statt, aber beim Spiegel wurde sie besonders derb geführt. 'Wir haben um die Frage gerungen, wo es künftig langgehen soll. Das war so und musste so sein', sagt Mascolo."

Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, und was sich als Ergebnis bislang sagen lässt:

"Als Erstes sollen die Hauptstadt-Redaktionen von Magazin und Nachrichtenportal enger zusammenarbeiten."

Nichtsnutzige Berater würden das Verzahnung nennen.

"Die Spiegel-Chefs haben jetzt eine Art Brücke im Sinn. Gedrucktes Heft und digitales Abonnement kosten im Jahr etwa 200 Euro, Spiegel Online kostet nichts. Preislich dazwischen angesiedelt, soll es Ausschnitte aus dem Heft und eigens produzierte Digitalangebote geben – das Ganze für wenige Euro."

Man wird sehen. Zumal zum Sparen auch noch was da ist, wie Saffe nahelegt:

"Die Mitarbeiter der Spiegel-Gruppe genießen außerordentlich gute Arbeitsbedingungen, mit Services, hohen Sozialleistungen und einer überdurchschnittlichen Vergütung. Das ist gerechtfertigt, weil auch unsere Produkte überdurchschnittlich gut sind. Einsparungen sind dennoch in allen Bereichen möglich."

Das "überdurchschnittlich gut" könnte aber zu denken geben. Wenn man etwa die FAZ-Leserkommentare zur SZ-Saffe-Interview-Meldung liest und da mal den ganzen persönlichen Kram rausrechnet oder von vornherein nüchternere Äußerungen wie die von Michael Spreng neulich, dann findet sich doch eine Unzufriedenheit mit dem Zustand des Spiegel-Journalismus, der vielleicht nicht nur durch ein generell verändertes Leseverhalten zu erklären ist.


ALTPAPIERKORB

+++ Wenn man jetzt noch was zur Zeitungskrise schreiben will, muss man zwangsläufig so anfangen: "Über den Tod der Zeitung ist in den letzten Tagen so gut wie alles gesagt worden und noch vieles darüber hinaus." Und so weitermachen: "Was aber als eine Zeitungskrise missverstanden wird, ist in einem tieferen Sinn eine Krise des traditionellen Verlagswesens schlechthin." Die wird nun von Wolfgang Münchau in der FTD erklärt: "Mit Plattformen wie Wordpress kann jeder sein eigenes Blog, sogar bescheidene News-Webseiten gestalten. Mit Open-Source-Redaktionssystemen kann man mit geringem Aufwand die komplexesten Websites managen. Für wenige Tausend Euro und ein bisschen Fantasie kann man ein Online- und Mobilangebot hinbekommen, das denen fast aller deutscher Verlage überlegen ist." Na ja – für jeden, der den Namen Frank Schirrmacher noch nie gehört hat, klingt das plausibel. Und Münchau erklärt weiter: "Außenseiter wie die Huffington Post überrundeten in den USA jahrhundertealte etablierte Organisationen wie die New York Times. Die Neuen haben ein von Grund auf multimediales Internetkonzept kreiert. Wikileaks hat mehr Skandale an die Oberfläche gespült als 20 Jahre investigativer Zeitungsjournalismus." Vorteil hier natürlich, dass Behauptungen ohne Belege erst mal stimmen. Und der ökonomischen Frage wird sich dann später gewidmet. Hoffentlich aber noch rechtzeitig, bevor Münchaus Vision Wirklichkeit wird: "Nach meinen persönlichen Erfahrungen droht den deutschen Verlagen das Schicksal von Kodak." Der schönste Satz aus dem Text allerdings lautet: "Die Katze im Sack ist im Internet unverkäuflich, weil es genügend Katzen außerhalb der Säcke gibt." +++

+++ ARD und ZDF denken auch an die Zukunft und arbeiten an ihrem Jugendkanal. Der Tagesspiegel berichtet. Und Joachim Huber kommentiert eigens: "Ein eigener Jugendkanal sendet das Signal aus: Wir hängen in unserer Seniorenresidenz eine Discokugel im Keller auf, und in der Beletage gibt es weiter den Tanztee." +++ Die Meldung ist Folge der Intendantentagung, bei der noch was anderes beschlossen wurde: "Günther Jauch muss sich im kommenden Jahr auf ein bisschen mehr Gegenwind aus der ARD einstellen. Grund sind nicht kritische Gremienstimmen, die gelegentlich seine Gesprächsführung bemängeln. Vielmehr droht Konkurrenz aus den quotenmächtigen dritten Programmen des Senderverbundes. Dort will man das teure und somit kostbare Gut Bundesligarechte nicht länger als lustiges Patchwork mal zu dieser Zeit hier, mal zu jener dort, auf jeden Fall aber unter Wert verschleudern, sondern mit Beginn der Saison 2013/14 immer sonntags eine 20-minütige Sportschau pünktlich um 21.45 Uhr ausstrahlen." Schreibt Hans Hoff in der SZ (Seite 35). +++ Sat.1 hat sich was Altes Neues für den Älteren ausgedacht: alte Pilawa-Folgen und frühe Jörg-Draeger-Arbeiten (TSP). +++ Sonja Pohlmann berichtet im Tagesspiegel von den 98 Entlassungen bei dapd, Christian Meier erinnert aus diesem Anlass auf Meedia.de an eine Sommerfestrede im September 2012: "So strahlen wie in der Rede Löws wird dapd nie wieder." +++ Ulrike Simon will in der Berliner (Seite 27) dem Schreckensszenario, das HB-Redakteur Hans-Peter Siebenhaar in seinem Buch "Die Nimmersatten" von ARD und ZDF zeichnet nicht ganz folgen. +++

+++ Christian Siepmann schreibt in der Berliner (Seite 27) über Abhängigkeiten des Journalismus in Aserbaidshan. +++ Gabriele Lesser berichtet in der TAZ von einer ganz eigenen Zeitungskrise in Polen. +++ Patrick Bahners schreibt in der FAZ (Seite 33) über das Problem, dass die New York Times mit ihrem von der BBC geholten Geschäftsführer hat: "Für die 'New York Times' ist die Berichterstattung über den Anteil ihres neuen Chefmanagers an der schlimmsten Krise in der Geschichte der BBC ein Eiertanz, den sie mit bewundernswerter Virtuosität absolviert. Es bleibt ihr allerdings auch nichts anderes übrig." +++ Nina Rehfeld stellt ebenda die Unternehmensberaterserie "House of Lies" vor, inklusiver toller Zitate von Hauptdarsteller Don Cheadle, von denen man nur leider nicht weiß, woher sie stammen. +++ Jürg Altwegg schreibt ebenfalls in der FAZ einen Nachruf auf Le Monde-Chefredakteur Erik Izraelewicz, der 58-jährig bei der Arbeit gestorben ist. +++

Neues Altpapier morgen wieder gegen 9 Uhr.

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